Die Liste der 100 besten Gitarristen der Zeitschrift Rolling Stone führt ihn als Nummer vier, nach Jimi Hendrix, Duane Allman und B.B.King und vor Robert Johnson. Diese Hitparade ist, vor allem wegen der weiteren Platzierungen (Keith Richards auf Platz zehn und nicht unter ferner liefen) ein abgestandener Witz, zumal die jungen flinken Fiedler im vorderen Feld fehlen.
Und die Spitze hat sich verändert: In seinem 64. Lebensjahr hat Eric Clapton eine Reife erreicht, die den Abstand zu Hendrix verringert. Wie der jetzt spielen würde, kann niemand wissen, aber Clapton lässt ahnen, wie und was der Neuerfinder der elektrischen Gitarre heute (da wäre er 66) spielen könnte: Einen souveränen, klaren Blues, der keine Grenzen kennt und sich jede Freiheit nimmt zwischen den zwölf Takten und dem Rahmen aus Tonika, Dominante und Subdominante. Der Robert Johnson in die Gegenwart führt und dabei nicht verrät. Was Clapton heute mit seinem Instrument tut, das lässt jeden Anwurf, sein Blues sei von aseptischer Reinheit und weißer Middle Class geprägt, albern erscheinen.
Wahr ist: Der Mann, der da auf der Bühne vor dem Wiesbadener Kurhaus steht, quasi im Look von Apple-Chef Steve Jobs - unrasiert, mit Brille, schwarzem Pulli und Jeans - dieser Mann ist und war nie "dusty": von "Spinnweben und Staub überzogen", wie es Pete Townshend (The Who) mal über Hendrix schrieb. Clapton, ähnlich manchen Kollegen seiner Generation (Keith Richards, John Lennon etwa) versuchte sich als Kunststudent, bis er zur Gitarre fand. Und bald von John Mayall, dem Entdecker von Ausnahmemusikern (Peter Green, Mick Taylor) ins Rampenlicht befördert wurde. Tatsächlich spielt Eric Clapton, mit einem hervorragend aufgelegten Chris Stainton am Keyboard als Antipoden, heute nicht viel anderes Material als vor 42 Jahren mit John Mayall und den Bluesbreakers.
Die Textbausteine gleichen sich ohnehin seit je (schon lustig, wenn der Familienvater singt: "Squeeze my lemon, til the juice runs down my legs"); aber auch so manche Riffs, Licks und Bridges kommen älteren Hörern vertraut vor. Den Unterschied macht die Perfektion aus, mit Clapton jeden Ton zu jeder Zeit als den einzigen richtigen erscheinen lässt. Der Klarheit seines Spiels entspricht die Konzentration auf das Genre: Er scheint sich nun endgültig nur dem Blues verschrieben zu haben, was er durch den akustischen Teil des Sets und die Robert-Johnson-Kompositionen betont.
Aber er kann selbstverständlich auch anders: "Here But I'm Gone" ist in Wiesbaden eine Offenbarung, mit "Got To Get Better In A Little While" zeigt er, was echter Funk ist, und dann überrascht er durch ein wunderbares, gegenüber dem Schwulst der Derek-&-The-Dominoes-Version entschlacktes "Little Wings". Das hätte wohl auch dem Komponisten gefallen, der ewigen Nummer eins.