Skandinavische Jazzmusiker kommen um einschlägige Zuschreibungen seitens der Kritik schwer herum. Von Fjorden und nördlichem Licht ist immer wieder die Rede, von Naturfaktoren also, die für einen nordischen musikalischen Impressionismus prägend seien. Der norwegische Pianist Helge Lien bekommt noch dazu die Erblast des jung verstorbenen Esbjörn Svensson aufgeschultert – zu Recht verwahrt er sich dagegen.
Nun ist es nicht so, dass Helge Lien, der mit seinem Trio die Saison der zum Summer-in-the-City-Festival gehörenden Jazzreihe im Garten des Frankfurter Liebieghauses eröffnete, das verbreitete Bild vom skandinavischem Jazz explizit sprengen würde. Der 35-Jährige selbst nennt Keith Jarrett als seinen wichtigsten jazzhistorischen Referenzpunkt. Von dort aus lassen sich die Wurzeln zurückverfolgen: über den musikalischen Impressionismus eines Claude Debussy – wie bei vielen zeitgenössischen Jazzpianisten und gleichermaßen in der neueren ,,klassischen“ Klavierliteratur – bis zur Spätromantik und ihrem zukunftsträchtigen pianistischen Kulminationspunkt, Chopins b-Moll-Klaviersonate.
Das seit Ende der 90er kontinuierlich mit dem Bassisten Frode Berg und Knut Aalefjaer am Schlagzeug besetzte Trio ist ein eingeschworenes in jenem Sinne, dass sich eine Verständigung beinah zu erübrigen scheint. Nach einem seit Bill Evans etablierten Klaviertrio-Modell kommt Lien eine herausgehobene Position zu. Doch sind die musikalischen Strukturen in einer Weise verflochten, die den Spielpartnern weit mehr als nur eine dienende Rolle als rhythmisierende Fundamentbauer zuweist.
Helge Lien ist ein begnadeter Lyrizist. Sein Spiel ist gekennzeichnet von Brechungsmomenten zwischen Melancholie und moderater Beschwingtheit. Es sind gar Augenblicke einer melodiösen Leichtigkeit dabei, die aber nie belanglos ist. ,,It is, what it is, but it is“: Diesen Titel mag man als so umfassende wie unkomplexe Lebensformel hinter dieser Musik interpretieren können.
Ungeachtet einer ausgewiesen improvisatorischen Prägung hat man es mit einem offenkundig weitgehend kompositorisch ausgeformten Jazz zu tun. Lien erweitert den Klangkosmos mit Griffen in den Korpus seines Instruments. Er dämpft Saiten ab und produziert schabende, metallische Klänge, ohne gleich zum ausgesprochenen Klangwerker zu werden. Als musikalischen Landschaftsmaler braucht man Helge Lien nicht zu handeln. Wenn schon, dann ist die Seele das Motiv.
Ungemein rund präsentiert sich diese Musik. Sie ist formvollendet im äußersten Maße, ohne Glätte. Trotz des ansprechenden intellektuellen Niveaus ist sie gut zugänglich.
Zum Konzertende hin, als er über Standards improvisierte, schien Helge Lien Bill Evans Grooveverständnis plötzlich näher zu sein als einem Keith Jarrett. Ungeachtet einer langjährigen Produktivität, die bislang fünf Studioalben sowie eine Anzahl mit anderer Besetzung hervorgebracht hat, ist Helge Lien erst in den letzten zwei Jahren auf dem europäischen Parkett aufgetaucht, seit der Veröffentlichung des aktuellen Albums „Hello Troll“. Er gibt Anlass, ihm eine große Zukunft vorherzusagen.