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Festival Maerzmusik: Go East für Neue-Musik-Freaks

Ein Grund nicht nach Hause zu gehen: Um elf Uhr nachts tritt Valentin Silvestrov, der große alte Mann aus Kiew, an den Flügel, um sein Opus "Bagatellen und Serenaden" für Klavier zu spielen. Von Jürgen Otten

Dmitri Kourliandski, Sergej Newski und Valentin Silvestrov (von links): Ihre Musik wurde beim diesjährigen Festival Maerzmusik aufgeführt.
Dmitri Kourliandski, Sergej Newski und Valentin Silvestrov (von links): Ihre Musik wurde beim diesjährigen Festival Maerzmusik aufgeführt.
Foto: Maerzmusik

Es war spät geworden an diesem Tag im Jüdischen Museum Berlin, viele Neue-Musik-Freaks, die noch eines der Konzerte am Nachmittag und am frühen Abend besucht hatten, mochten nicht mehr: Da war doch viel Reizstoff, viel Gedankenpotenzial in den Stunden zuvor angeboten worden, zudem in einem hohen Grad an ästhetischer Diversifikation.

Aber es gab einen guten Grund, nicht zu gehen. Denn um elf Uhr nachts, die Geigerin Bogdana Pivnenko und der Pianist Valerij Matjuchin hatten gleichsam die Tür geöffnet und eine Stunde lang elegische Melodien entsandt, trat deren Schöpfer, der große alte Mann aus Kiew, an den Flügel, um sein Opus "Bagatellen und Serenaden" für Klavier zu spielen.

Silvestrovs Musik ist im romantischen Sinn somnambul, meditativ

Es gibt ernstzunehmende Experten für zeitgenössische Musik, die lehnen Valentin Silvestrov ab: Diese Neoromantik passe nicht in unsere Zeit, sei mindestens antiquiert, auf jeden Fall eklektizitisch, langweilig, überholt. In der Tat ist es frappierend, wie sehr Silvestrov sich der Tonalität und der Schönheit der Klänge verschrieben hat, einem träumerischen Idiom. Seine Musik ist im romantischen Sinn somnambul, meditativ. Sie will mit der Welt, wie sie existiert, nichts zu tun haben, sondern ihr die Schönheit entgegensetzen. Sie will die Stille der Lieder. Ihr Klang nähert sich dem Immateriellen, weil er immer einen Zentimeter über dem Boden schwebt. Es ist ein Klang, der das Wort Phantasmagorie evoziert.

Man musste in diesen Augenblicken der Transzendenz an die Worte des Komponisten Dieter Schnebel denken. Er hatte am Eröffnungsabend des Festivals für aktuelle Musik im Haus der Berliner Festspiele von der "eurozentristischen Verächtlichkeit" gesprochen. Denn die westliche Avantgarde hat in den fünfziger Jahren einen engen Ring gezogen, eine Art seriellen Kreidekreis, und nur Auserwählte dürfen seither dort eintreten. Komponisten wie Silvestrov, die Schnebel wie sich selbst zu den "alten Knochen" zählt, kommen in diesem Kontext nicht vor, entsprechen nicht der Norm.

Darin liegt doch das Verdienst dieser Ausgabe von Maerzmusik. Das Festival ehrt wohl die Etablierten, aber es geht, geographisch wie klanglich (was manchmal das Gleiche ist), zugleich an die Ränder der Musikwelt, es sucht die Ausuferung, die Ausfaserung, das Abseitige. Das Motto "Reduktion - Struktur - Dekonstruktion" wäre, auch wenn Festivalchef Matthias Osterwold darin eine aktuelle politische Implikation sehen wollte, gar nicht nötig gewesen, um diesen Weg begrifflich zu behaupten. Die Musik genügt sich hier selbst.

Wie zum Beispiel die des jungen und außerordentlich talentierten Russen Dmitri Kourliandski, der unter anderem von Ferneyhough, Andriessen und Francesconi beeinflusst wurde. Seine Stücke erinnern etwas an Filme von Andrei Tarkowski, sind kristallisierte Momentaufnahmen, klanglich minutiös konzipiert, von introspektivem Charakter. In "Innermost man" für Stimme und Ensemble" etwa fällt fast die ganze Zeit der berühmte Tarkowski-Tropfen (aus "Stalker") zu Boden. Sonst geschieht nichts. Es tropft Töne, sieht man von einem kleinen Schauer ab. Natalia Pschenitschnikova singt nur in sich hinein, für den Klang ihrer Stimme scheint es keinen Ausgang zu geben.

Den gleichen Prozess kann man bei Kourliandskis "Engramma" verfolgen, ebenfalls für Stimme und Ensemble komponiert und als Auftragswerk der Maerzmusik im Jüdischen Museum uraufgeführt. Auch hier wagt die Stimme der Solistin sich nicht nach draußen, sie quiekt und quietscht und quetscht Töne ins Irgendwo, als trage sie einen Maulkorb. Das Stück erzählt die Geschichte einer Unterdrückung, einer geradezu obsessiven Eingesperrtheit des Klangs. Nichts mehr zu spüren von dessen Befreiung, wie sie einst Edgar Varèse postuliert und vor allem realisiert hatte.

Kourliandski war selbstredend nicht der einzige Komponist der jungen russischen Generation, die nach Berlin geladen wurden. Aber er war der auffälligste. Die Musik von Anton Safronov bot dagegen kaum mehr als gediegene Langeweile, und Boris Filanowski mit seiner kunstnegierenden Attitüde wirkte doch sehr plakativ. Den Daniil-Charms-Gedenk-Preis des Festivals müssen wir Sergej Newski verleihen für sein Opus "Alles" für Stimme und Ensemble auf ein surreal-dadaistisch eingefärbtes Gedicht von Gerd-Peter Eigner. Selten wurde ein profaner Löffel poetischer in Töne gesetzt.

György Kurtágs Kafka- Fragmente wurden szenisch eindrucksvoll realisiert

Von größerem Gewicht waren, was wenig verwundert, die Werke der Altmeister, diesmal bei Maerzmusik stattlich vertreten, die Amerikaner Steve Reich, Alvin Lucier, Steve Reich, James Tenney, Ben Johnston und Christian Wolff, auch György Kurtág, dessen Kafka-Fragmente szenisch eindrucksvoll realisiert wurden, der aserbaidschanische Komponist Awet Terterian, dessen stark verdichtetes zweites Streichquartett in einer konzentrierten Darbietung des Kairos Quartett zu erleben war, und Edison Denissov.

Und dann war da noch ein weiterer alter Meister. George Crumb. Zu Ehren des 80. Geburtstages gab es im Radialsystem V die Gesamtaufführung seines opus magnum "Makrokosmos I - IV". Eine enorme Anstrengung, der sich Pianistin Xa-ou Xie und ihre Mitstreiter mit Bravour und phantastischem Gespür für die phantasmagorischen Kapazitäten entledigten. Traumlandschaften auch hier. Und eine stupende Beherrschung des Materials. Ein Glücksfall an Musik und Interpretation.

Autor:  JÜRGEN OTTEN
Datum:  27 | 3 | 2009
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