Das Geburtsjahr 1810 immerhin steht fest. Und vielleicht wäre man mit der Eintragung ins Taufregister etwas genauer gewesen, wenn man vor 200 Jahren in der Pfarrkirche von Brochow bei Zelazowa Wola schon geahnt hätte, dass das einmal wichtig werden könnte. So aber muss die Nachwelt mit der nicht mehr zu klärenden Frage leben, ob Fryderyk Francziszek, genannt Frédéric Chopin, nun am 22. Februar oder am 1. März geboren wurde. Im Taufregister steht der 22. Februar, die Familie und Chopin selbst gaben später immer den 1. März an. Es gebe aber, meint der Historiker Adam Zamoyski in seiner Chopin-Biografie, keinen Grund, einem der beiden Daten den Vorzug zu geben. Feiern wir also am 22. Februar den 200. Geburtstag Frédéric Chopins, des polnischen Komponisten französischer Herkunft und mit westeuropäischem Arbeitsleben, im nationalen Aufbruch seines Landes mit symbolpolitischer Aura ausgestattet.
Die Schwierigkeit, sich eindeutig zu entscheiden, scheint ihm in die Wiege gelegt und begleitet ihn durch die Musikgeschichte: Chopin ist ein Komponist, über dessen Qualitäten die Nachwelt keinen abschließenden Konsens gefunden hat.
Adam Zamoyskis anekdotenreiche und einfühlsame, leider an ordnender Struktur und musikalischem Fachwissen etwas arme Biografie "Chopin - Der Poet am Piano" (Engl.: Chopin, Prince of the Romantics") ist in der Edition Elke Heidenreich bei C. Bertelsmann in München erschienen (400 Seiten, 22,95 Euro). Wer Genaueres auch über die Musik lesen will, ist mit Christoph Ruegers "Frédéric Chopin, seine Musik, sein Leben" (Parthas Verlag, Berlin, 316 Seiten, 19,80 Euro) besser beraten. Äußerst empfehlenswert sind die Bände von Mieczylaw Tomascewski, "Chopin, ein Leben in Bildern" (Schott, Mainz, 360 Seiten, 49,95 Euro) und "Frédéric Chopin und seine Zeit", Laaber 1999, 358 Seiten, 36 Euro) sowie Eva Gesine Baurs "Chopin oder Die Sehnsucht" (C.H. Beck, München, 563 Seiten, 24,90 Euro).
Die Einspielungen "Martha Argerich spielt Chopin" (DG/Universal, 1967), Alice Sara Ott, "Chopin, sämtliche Walzer" ((DG/Universal, 2008), Olga Scheps, "Chopin" (Sony, 2009) oder Alexandre Tharaud, "Journal intime" (Virgin/EMI 2008) geben ausgezeichnete Einblicke in Chopins Werk.
Polen war im 19. Jahrhundert wirtschaftlich und kulturell eine gottverlassene Gegend, aufgerieben zwischen den umgebenden Großmächten und Schauplatz einer bedeutenden nationalen Befreiungsbewegung. Wer seinen internationalen Weg als Musiker finden wollte, konnte nicht in Warschau bleiben, sondern musste reisen, nach Prag, Wien oder noch weiter fort. Chopin war emotional stets Teil des nationalen Aufbruchs Polens, aber mehr als Sympathie vermochte er nie aufzubringen. Als früh Entwurzelter trug er von Beginn seiner künstlerischen Karriere an die Sehnsucht als prägenden Impuls mit sich. Tatsächlich generierte er aus volkstümlichen musikalischen Idiomen der verlorenen Heimat seine Ton-Sprache und seinen Formenkanon, also seine musikhistorische Originalität.
Sein Ruf als improvisierender Pianist schob sich allerdings davor, und den Ruf, wenn nicht Makel, ein Salon-Musiker und als Komponist ein Verfertiger üppiger Süßwaren zu sein, ist er nie ganz los geworden. Was er als Komponist hinterlassen hat, ist klar auf sein Instrument, das Klavier, zugeschnitten und fixiert; seit anderthalb Jahrhunderten ist eine Pianisten-Sozialisation ohne Chopins Etüden so gut wie undenkbar. Seine Bedeutung in der Musikgeschichte ist also groß und unstrittig, sein Einfluss auf besonders die französische Musik stark, sein Rang als spielender Musiker legendär.
Der bürgerliche Salon war im 19. Jahrhundert eine zentrale Institution des gesellschaftlichen Lebens und der Selbstverständigung des Bürgertums, und Chopin gehörte zu den Lieblingsfiguren der Pariser Salons in den Jahren nach 1830. Neben Liszt und Berlioz war er der namhafteste Musiker dort. Während Liszt und Berlioz aber den Typus des raumgreifend-energetischen Genies repräsentierten, war Chopin auf der gegenüberliegenden Seite des romantischen Künstlerbildes angesiedelt: fein und zurückhaltend von Charakter, im Auftritt introvertiert und fast schüchtern, als Pianist ein stiller Alleskönner der versunkenen Intensität, bewundert von Heinrich Heine und Eugène Delacroix. Liszt übrigens war nie in Versuchung, Chopin aus dem Feld zu schlagen, er bewunderte ihn und förderte ihn neidlos, wenn das nötig schien.
Nicht nur als Pianist und besserverdienender Klavierlehrer der besseren Gesellschaft war Chopin eine Berühmtheit, sondern auch als Liebhaber der von allerlei Provokanz umwehten Schriftstellerin George Sand. Neun Jahre hielt die Beziehung, in die ein umfangreiches multilaterales Briefwerk ausführliche Einblicke gewährt. Die Beziehung der beiden Berühmtheiten war ubiquitärer Gesprächsstoff und Gegenstand allgemeiner Reflexion, vulgo: von Klatsch und Tratsch. Und da die ganze bürgerliche Welt sich im Briefeschreiben über sich selbst verständigte, ist die Quellenlage bis heute nicht übel.
So wie das Heroische zum romantischen Künstlertypus des Jungen Deutschland gehörte, war tiefe, wehrlose Empfindsamkeit Bestandteil der Chopin´schen Romantik; hinzu kam eine der großen Epidemien der Zeit, die mit vielfacher Bedeutung aufgeladene Tuberkulose, auch Schwindsucht genannt, an der Chopin erkrankt war, und wahrscheinlich spielte die damals in allen europäischen Großstädten grassierende Cholera ebenfalls eine Rolle bei seinem frühen Tod. Er ereilte ihn ein Jahr nach der großen Revolution, für die er erhebliche Sympathien empfand, die er gleichwohl in London abwartete. Chopin verschwand nach nur 39 Lebensjahren im Jahre 1849 aus dem Leben. Er liegt heute auf dem Friedhof Père Lachaise im Osten von Paris, nur sein Herzmuskel wurde, der Legende nach eingelegt in französischen Cognac, nach Warschau gebracht.