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Musik

14. März 2008

Frankfurt: Rock den Leopard

 Von CHRISTIAN SCHLÜTER
Hier werden auch heute noch ordentliche Musiker ausgebildet: Die Bundeswehr-Big-Band in den 70er Jahren.Foto: dpa

Was die Musikmesse noch so bietet: Ausbildung, blonde Damen und Shredder.

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Wer die Frankfurter Musikmesse über Jahre hinweg regelmäßig besucht, lernt irgendwann die Bundeswehr zu schätzen. Sie ist ein Garant für Stabilität, für solides Handwerk und seriöse Klangarbeit - und in Hinblick auf die armeeeigene Bigband sogar für etwas glamouröse Weltläufigkeit. Zudem findet sich der Stand immer an der gleichen Stelle, strategisch gut positioniert im Dreieck der Messehallen 4, 5 und 6. Unverdrossen wirbt sie dort für die Ausbildung zum Musikfeldwebel, was allein deswegen erwähnenswert ist, weil der nicht gerade erfreuliche Themenkomplex Musik und Broterwerb bei den übrigen Ausstellern zumeist eine eher untergeordnete oder gleich gar keine Rolle spielt.

Besonders auffällig ist diesmal ein Kleinwagen, vollgestopft mit Musikinstrumenten. Es ist, was nach Auskunft der freundlichen Presseoffiziere allerdings ein Witz sein soll, ein Smart, dessen kugelhaftes Äußeres ganz berufsständisch im Camouflage-Look daherkommt. Nein, damit gehe es nicht ins Gelände, lautet der Bescheid, doch wie andere Unternehmen auch wolle man mit dem Lifestylemobil ein wenig auf sich aufmerksam machen, außerdem sei ein Leopard ja viel zu groß. Nun, sollte dereinst ein Kampfpanzer über die Musikmesse rollen, die Aufmerksamkeit wäre unseren Soldaten sicher. Immerhin liegt hier auch Y. aus, das Magazin der Bundeswehr, und gibt uns Auskunft über Einsätze in Afghanistan - bei Minusgraden!

Doch zurück zur Musik: Die Ausbildung zum Musikfeldwebel dauert vier Jahre; sie beginnt mit einer "musikfachlichen Eignungsprüfung" und setzt sich nach einer "allgemeinmilitärischen Ausbildung" sowie der "musikfachlichen Ausbildung" auf der Düsseldorfer Robert-Schumann-Hochschule fort; es folgen schließlich die "musikfachliche Abschlussprüfung beim Ausbildungsmusikkorps" und die "Verwendung in einem Musikkorps der Bundeswehr". Bleibt anzumerken, dass es hier mitnichten nur um Marschmusik geht. Neben der schon erwähnten Bigband spielen unsere Musiksoldaten in Orchestern eher klassischen Zuschnitts, es gibt sogar kammermusikalische Kleinformationen.

Mädcheninstrumente

Sehr wahrscheinlich gelangen letztere bei Offizierssoireen zur Verwendung. Das sind doch schon einmal Perspektiven. Zur Zeit besteht ein erhöhter Bedarf an Holzbläsern, insbesondere bei Fagott und Oboe wird es demnächst zu Engpässen kommen. Diese sind, ganz vertraulich, zwar als "Mädcheninstrumente" verschrien, dennoch bieten sie die zwanglose Gelegenheit, darauf zu verweisen, dass sich 1990 die Bundeswehr beim Sanitätsdienst auch für die Frauen öffnete - Mädchen, ab ins Musikkorps! Das ist vielleicht immer noch besser als so mancher anderer Job. So hat auf der Musikmesse die Unsitte doch sehr zugenommen, allein zu Dekorationszwecken hübsche Damen in die Gegend zu stellen.

Man kennt das von Automobilschauen: Männer, Testosteron, Glitzerkarossen und halt die Dekoration. Ein ähnliches Gemisch findet sich nun zunehmend bei den Musikalienverkäufern. Selbst die - zugegeben: großartige - Idee, mit einem Leopard II-Kampfpanzer für etwas Aufmerksamkeit zu sorgen, nimmt sich demgegenüber kleinkariert aus. Besonders testosteronhaltig ist bekanntlich das Segment elektrisch verstärkter Gitarren. Am Stand der Firma Warwick lungern drei Blondinen etwas gelangweilt am Tresen. Sie wissen offenbar selber nicht so genau, was sie da eigentlich sollen. Nicht einmal Prospekte haben sie zu verteilen. Und ein Instrument scheint keine von ihnen zu spielen…

Nun ähneln Verstärker und ihre großen Boxentürme durchaus, zumindest von vorne betrachtet, auch dem Kühlergrill von so mancher Karosse. Überhaupt gehört es zum Repertoire vieler Gitarristen, in cooler Shredderpose vor so einem Verstärkerungetüm zu posieren - bewundert, angeschmachtet, wer weiß. Das alles hat eben auch mit Musik zu tun, es sind nicht nur die kreuzbraven Computernerds, die sich in Halle 6 an den neuesten Sequenzer-Tools, an LogicPro oder Cubase delektieren, auch nicht die kreuzehrlichen Akkordeonspieler aus Halle 3 - nein, die Jungmannen, sehr wahrscheinlich haben sie alle nicht gedient, toben sich hier genauso aus.

Und sie prägen das Bild der Messe. Unter den 1652 Ausstellern aus 47 Ländern sowie den Besuchern sind die meisten männlich. Am Samstag, wenn die Messe für das gewöhnliche Publikum geöffnet haben wird, dürfte das kaum anders sein. Deshalb also die an die Aufmachung des einen oder anderen bekannten Autokalenders erinnernde Ausstattung so mancher Stände. Dabei gibt es hier doch auch noch anderes zu entdecken. Bei Fender zeigt der amerikanische Countrygitarrist Greg Kock sein überragendes Können, bei Laney sind wieder die Ausnahmeinstrumentalisten Matthias ,IA' Eklund und Christophe Godin zu bestaunen, und wenn es mit rechten Dingen zugeht, sollte man in Halle 1, die in diesem Jahr ganz den Blechbläsern gewidmet ist, auch noch den einen oder anderen Virtuosen entdecken.

Barocker Größenwahn

Sie lohnen den Besuch in jedem Fall. Denn neben den neuen Entwicklungen bei Instrumenten, Beschallungstechnik und Klangelektronik bietet die Frankfurter Musikmesse vor allem die einzigartige Möglichkeit, wirklichen Könnern bei der Arbeit zuzuschauen. Das hilft manchmal mehr als viele mühselige Unterrichtsstunden. Und mit etwas Glück kommt dann auch mal ein ganz Großer vorbei. Vor Jahren war es der amerikanische Supergitarrist Joe Satriani, der hier einen Workshop abhielt, ein Ereignis selbst für jene, die mit seiner hypervirtuosen Fingerflitzerei nicht viel anzufangen wussten, einfach weil der Mann Spaß an der Musik hat: Spielfreude, die anstecken kann.

In diesem Jahr ist nun ein weiteres Großereignis anzukündigen: Am Freitag werden der Gitarrengott Yngwie Malmsteen und seine Band Rising Force ein anderthalbstündiges Konzert geben: Hochgeschwindigkeits-Heavy-Metal mit barockem Größenwahn. Gewiss nicht jedermanns Sache, nennen wir den Zirkus einfach eine fantastische Freakshow. Doch leider werden nur wenige hingehen können, um zu sehen, was auf nur sechs Saiten alles möglich ist. Das gemeine Publikum muss nämlich draußen bleiben, nur Fachbesucher sind geladen. Liebe Musikmesse, das ist jetzt aber nicht nur blöd, sondern ein Skandal!

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