In einer niedergewohnten Wohnküche und -schmiede lebt ein schmuddeliger Single mit Trainingshose und Kapuzensweatshirt. Es ist Mime (Peter Marsh), der sich („Zwangvolle Plage!“) vergeblich am Amboss müht. Ziehsohn Siegfried kommt, in einer Art Fred-Feuerstein-Habit, heldisch unbekümmert hereingestapft und wirkt gereizt, man sieht gleich: Das kann nicht gut gehen!
Es geht auch nicht gut, jedenfalls nicht so wie beim letzten Mal. Vera Nemirovas Inszenierungskunst, die beim „Ring des Nibelungen“ an der Oper Frankfurt bisher mit großer Umsicht gearbeitet hat und zugunsten einer sorgfältigen Umgehensweise mit dem dramatischen Gehalt auf kurzweilige Regiezuschnitte und vordergründige Kostümierungen verzichtete, hat jetzt beim dritten Ring-Segment „Siegfried“ eine Art Flucht nach vorn angetreten.
Erda leidet unter ihrem Langhaarpelz
Dafür mag es inhaltliche Gründe gegeben haben. Das Resultat aber ist eine in weiten Teilen fast comicartig stilisierte Figurenzeichnung und im ersten Aufzug gar eine dramatische Hängepartie, in der beide Protagonisten wie im falschen Film herumtollen. Besonders Lance Ryan als Siegfried wird zum unfreiwilligen Komiker gemacht, der das Schwertschmieden mit einer stampfenden Tanzeinlage in einem Feuerkreis bewältigt, die im Programmheft als Verweis auf einen rituellen bulgarischen Feuertanz enthüllt wird. Gegen die geradezu aufs Zweidimensionale reduzierte Figurenkonzeption muss er wacker ansingen und -arbeiten, aber erst im zweiten Aufzug trägt das wirklich Früchte. Gut, vielleicht ist das ja so gemeint: Siegfried mausert sich vom infantil-zweidimensionalen Waldschrat zum Jüngling, indem er via Nothung mit der eigenen Vergangenheit Kontakt aufnimmt. Möglicherweise ist es vor allem die Kostümierung (Ingeborg Bernerth), die diesen Akzent setzt. Auch Meredith Arwadys Präsenz als Erda im dritten Aufzug leidet anfangs ein wenig unter ihrem lustigen Langhaarpelz.
Eindrucksvoll einfaches Bühnenbild
Wenn das ein Kontraste bildendes und insofern anti-mythisch aufgeladenes Regie-Konzept wäre, dann steckte darin immerhin auch eine inhaltliche Aussage, bei der Wagners „Siegfried“ als Einzelwerk nicht besonders gut wegkäme. In sich selbst, würde das etwa bedeuten, wäre der „Siegfried“ ein bei aller Monumentalität vergleichsweise flaches Werk, dessen Verweisungs- und Mehrdeutigkeits-Reichtum eher aus der „Ring“-Umgebung stammen, also aus dem, was bereits geschah und noch geschehen wird.
Siegfried und die Zwerge, der Riese/Drache Fafner (Magnús Baldvinsson, als eine von Gunther von Hagens „Körperwelten“-Figuren hergerichtet), die urige Urmutter Erda, die ehemalige Walküre Brünnhilde (Susan Bullock) im weißen Nachthemd und die lange, hilflos sich anbahnende Zweierbeziehung zwischen Brünnhilde und Siegfried in der Schlussphase – das kann alles nicht ganz ernst gemeint sein. Das ist allenfalls ein ernst gemeinter Comic, der seinen hübschesten und überzeugendsten Part in dem Tänzer Alan Barnes als achtfedrigem Waldvogel hat.
Dagegen steht das bewährte, Kontinuität signalisierende Bühnenbild (Jens Kilian), das mit mehreren konzentrischen Ringen den Gesamttitel der Tetralogie zitiert. Es ist eindrucksvoll einfach, ermöglicht komplexe szenische Lösungen und Bewegungsphasen, in denen sich die Darsteller nicht vom Publikum entfernen, und es steht keinem Pathos und keinem Scherz im Wege. Die aus Ringen komponierte runde Scheibe wirkt diesmal auf ihrer Oberfläche überwiegend waldig-moosig und bietet gleichwohl Raum für düstere Höhlen und Wohnküchen.
Pathos gegen Comic-Appeal
Dagegen steht auch die durchgehend bemerkenswerte sängerische Qualität des „Siegfried“-Ensembles. Lance Ryans unforcierter, hell timbrierter Tenor führt einen von Aufzug zu Aufzug zunehmend nuancenreichen Siegfried vor, dem man gern in den Wald folgt und dem man seine rüde Unbedarftheit und Endlos-Pubertät bis zum Ende abnimmt. Susan Bullock gibt der kraftvoll-dramatischen Brünnhilde viel weiches, fein intoniertes, dunkles Leuchten. Terje Stensvold ist ein geradezu exemplarischer Wotan/Wanderer, der die selbstherrlich-unüberlegten ebenso wie die menschlich-melancholischen Anteile dieser Figur so stimmig auf die Bühne bringt, dass seine stimmliche Statur und darstellerische Präsenz ihn mehr und mehr zu einem Maßstab dafür machen, wie diese Figur zu verstehen ist.
Drittens aber stehen gegen den Comic-Appeal nicht nur das gänzlich unzweideutige Pathos, der motivisch verflechtungsintensive Reichtum und die dramatische Stringenz der Wagner'schen Musik, sondern auch das wiederum von Sebastian Weigle geleitete Frankfurter Opernorchester. Weigle zeigt großen Respekt vor den Sängern, die er vorbildlich unterstützt und manchmal auch dynamisch fordert. Er verstreicht nicht Farben mit breitem Pinsel, sondern aquarelliert vielschichtig, behutsam und fein, ohne auf dynamische Spitzen und Forschheiten in den Tempi zu verzichten, und er findet die tiefdeutsche Romantik in der Partitur, die eher ein Wechselbad als ein sämiger Einheitsbrei ist. Und was soll man zum Opernorchester zurzeit Anderes sagen als: Kein Wunder, dass es von Deutschlands Kritikern wiederum zum Opernorchester des Jahres erkiest wurde.
Oper Frankfurt: 3., 6., 11., 19., 27. November. www.oper-frankfurt.de