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Gil Scott Herons neues Album: Immer noch voller Zorn

Nach zehn Jahren Knast und Drogen: Gil Scott-Heron meldet sich zurück mit neuer Stimme. Nicht mehr von der vordersten Front des Kampfes gegen Rassimus, sondern ganz persönlich. Von Thomas Winkler ( mit Video)

Nicht mehr ganz der Alte: Gil Scott Heron.
Nicht mehr ganz der Alte: Gil Scott Heron.
Foto: XL Records

Nein, Gil Scott-Heron ist nicht tot. Man hat nur lange nichts mehr von ihm gehört, nahezu anderthalb Jahrzehnte lang. Er hat im Knast gesessen, ein paar mal gleich. Er hat eine Menge Drogen genommen, das schon, und einen großen Teil seiner Zähne verloren. Er spricht ein wenig verschwommen neuerdings, aber immer noch viel, wenn man ihn lässt. Aber er singt noch fast wie früher, er sitzt an seinem elektrischen Piano ganz genauso wie früher. Und er ist immer noch wütend, vielleicht sogar wütender als er jemals war. Nein, Gil Scott-Heron ist noch ganz schön lebendig.

Das Lebenszeichen, das erste Album seit 13 Jahren heißt "I´m New Here". Der Titel ist ironisch, sicherlich, aber er birgt auch eine Wahrheit. Denn Gil Scott-Heron, der mal zum schwarzen Bob Dylan ernannt, dann als Erfinder des Rap oder wahlweise als wichtigste afro-amerikanische Stimme seit Martin Luther King gefeiert wurde, dieser Gil Scott-Heron war zeitweise verschwunden vom Angesicht der Erde. Es gab keine neuen Songs, keine Platten, nur wenige Auftritte. Stattdessen gab es: Gerüchte und Geschichten, in denen Drogen und Gefängnisse Hauptrollen spielten.

Das Album

Gil Scott-Heron: "I´m New Here" (XL Recordings/ Beggars Group/ Indigo).

2001 wird Scott-Heron, seine Karriere wegen Drogensucht eh schon im Abstieg begriffen, wegen des Besitzes von einem Gramm Kokain verurteilt. Ein Jahr später wird er entlassen, aber 2003 und 2006 folgen weitere Verurteilungen, die letzte wegen Verstoßes gegen die Bewährungsauflagen, weil er sich weigert eine Therapie in einer Drogenklinik anzutreten. Aber in Rikers Island, dem berüchtigten New Yorker Gefängnis, bekommt Scott-Heron prominenten Besuch: Richard Russell, Inhaber des wichtigsten britischen Indie-Labels XL Recordings, will den Insassen überreden, wieder Musik zu machen. Und sie bei seiner Firma herauszubringen.

Gil Scott Heron: "Me and the Devil"

Der medienscheue Russell, so viel darf vermutet werden, sieht Scott-Heron als spiritueller Vorläufer seiner eigenen Veröffentlichungspolitik, die keine Grenzen kennt zwischen Dancefloor und Protestmusik, zwischen Rock und HipHop, Blues und Techno. Und Gil Scott-Heron wird, nachdem er 2007 auf Bewährung, wenn auch wohl immer noch nicht von den Drogen geheilt, entlassen wurde, zum Labelgenossen von M.I.A., Vampire Weekend, der White Stripes, Dizzee Rascal oder The XX.

"I´m New Here" verarbeitet wenig überraschend die Geschichte von Scott-Heron als prominentestes Opfer jenes War on Drugs, den die US-amerikanische Regierung seit bald dreißig Jahren ohne Erfolg führt. Wegen des Besitzes zum Teil lächerlicher Mengen Drogen werden alljährlich Millionen süchtiger Amerikaner weggesperrt, die in einer Therapie besser aufgehoben wären als im Knast. Die meisten von ihnen sind Schwarze, vor denen sich die weiße Bevölkerungsmehrheit geschützt fühlen möchte.

Früher hätte Scott-Heron diese Politik wohl mit Parolen angegriffen, hätte Fakten aneinander gereiht, Missstände angeprangert und die Schuldigen mit verzweifeltem Zynismus überzogen wie in seinen berühmtesten Songs "The Revolution Will Not Be Televised", "Whitey On The Moon" oder "Johannesburg".

Doch passend zur Wiederauferstehung des Menschen Gil Scott-Heron präsentiert sich auf "I´m New Here" auch ein gewandelter Musiker. Nicht nur der Funk, der viele seiner alten Aufnahmen prägte, ist verschwunden. Auch der selbstgewisse Prediger, der bisweilen arrogante Analytiker. "I´m New Here" ist das privateste, persönlichste Album, das der mittlerweile 60-Jährige jemals eingespielt hat. In dem Spoken-Word-Opus "On Coming From A Broken Home", dessen beide Teile das Album umklammern, rekapituliert Scott-Heron seine Familiengeschichte, in anderen Stücken beschreibt er seine dem Vernehmen nach noch nicht überwundene Drogensucht, das Leiden an seiner Heimatstadt New York, die Einsamkeit und die Sehnsucht. Es sind nicht mehr Nachrichten von der vordersten Front des Kampfes gegen den Rassismus, den Scott-Heron einst kämpfte, aber doch, wie es an einer Stelle des Albums heißt, ebenso maßgebliche Zwischenmeldungen aus "the ruins of another black man"s life".

Die Musik dazu erinnert nur selten an den pumpenden Soulfunk, über dem Scott-Heron früher seine Tiraden auszuspucken pflegte. Es finden sich Restbestände von Gospel und Blues, aber vor allem aber düstere Samples, Keyboardschlieren, verschleppte Beats, die auch von einem angesagten Elektronik-Produzenten wie Burial stammen könnten. Dieses klappernde Gerippe bietet auf insgesamt gerade mal 28 Minuten Albumlänge vor allem viel Platz für wortreiche Bekenntnisse.

Das unterscheidet "I´m New Here" auch substantiell von all den anderen, durchaus ehrenwerten Comebacks, die es in den vergangenen Jahren zu bestaunen gab. Ob Johnny Cash, Neil Diamond, Tom Jones oder zuletzt Shirley Bassey, sie alle stützten sich auf Songs jüngerer Bewunderer und Epigonen, um Modernität zu demonstrieren und gleichzeitig künstlerische Relevanz zurückzuerlangen.

Auch Scott-Heron covert, die Blues-Legende Robert Johnson, den vergessenen Rhythm´n´Blues-Star Brook Benton und den Indie-Melancholiker Smog. Aber in diesem Fall ist das entschieden mehr als nur modische Referenz. Der alte, abgemagerte Mann verleibt sich diese Stücke ein, als seien sie seine eigenen. Sie fügen sich passgenau in die so authentische wie schmerzhafte Vergangenheitsbewältigung. Vorgetragen mit einem, nicht nur dank der offensichtlich minderwertigen Zahnprothesen, gebrochenen Bariton, aber voller Zorn, der nur überschaubar von Altersmilde gebremst wird. Nein, Gil Scott-Heron ist nicht tot. Sein neues Leben hat eben erst begonnen.

Autor:  Thomas Winkler
Datum:  8 | 2 | 2010
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