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Grace Jones in Frankfurt: Man sollte es nicht drauf ankommen lassen

Grace Jones steht in der Jahrhunderthalle mit ihren Endlosbeinen auf einer Hebebühne. Ihre dunkle Stimme röhrt nicht, als wäre es ihr wichtig, hier zu sein. Wir dagegen sind genau deshalb gekommen.

Sie war schon 1985 kein jugendlicher Typ, sondern ein bedrohlicher: Grace Jones in der Frankfurter Jahrhunderthalle.
Sie war schon 1985 kein jugendlicher Typ, sondern ein bedrohlicher: Grace Jones in der Frankfurter Jahrhunderthalle.
Foto: Kraus/FR

Pipi Langstrumpf und May Day waren damals die einzigen Frauen, die Männer über den Kopf halten konnten wie Gewichtheber die Stange mit den Kugeln. May Day war außerhalb des Kinos eine Sängerin namens Grace Jones, die in "Im Angesicht des Todes" Roger Moore das Fürchten lernte. Moore, 57 Jahre alt, musste sich von Kritikern anschließend sagen lassen, er sei über den Zenit. Auf dem balanciert hingegen Grace Jones, 60 Jahre alt, gegenwärtig wieder unbeirrt umher. Sie war schon 1985 nicht der jugendliche Typ, sondern der beängstigende.

Aus dem AC/DC-T-Shirt der Kassendame in der Jahrhunderthalle könnte man schließen, die Frankfurter Musik spiele heute in der Festhalle beziehungsweise auf Seite 33. Aber weit gefehlt. Das Publikum, anders als Grace Jones bedeutend älter als in den Achtzigern, nimmt die Beschwörungen der Vorband Trybez wohlwollend zur Kenntnis. Wer noch nicht wusste, dass die Hauptperson des Quintetts der Sohn von Grace Jones ist - in deren Band er später trommelt -, erfährt es nun. Aber geht uns das was an? Haben wir je gefragt, ob Kleists Kunigunde von Thurneck Kinder hat?

Dann aber ist sie selbst da, bringt alte und neue Songs mit (erst bei den Zugaben kommt das Titellied der neuen CD, "Hurricane"), und anderthalb Stunden lang hat alles Grübeln ein Ende. Zu "Nightclubbing" steht sie auf einer Hebebühne, deren Zieharmonikagerüst rührend praktisch wirkt unter ihren Endlosbeinen. Ihre geschlechtsunspezifisch dunkle Stimme röhrt ohne übermäßiges Engagement und nicht so, als wäre es ihr wichtig, hier zu sein. Das ist in Ordnung, wir sind genau deshalb gekommen. Zu "This is" wechselt sie erstmals das Kostüm und wird es zu den insgesamt 15 Nummern 15-mal tun. Zum Beifall ist sie darum stets hinter der Bühne, scherzt, faucht, schnauft per Mikro. Grundlage des Kostüms ist eine Strumpfhose, die nicht jeder tragen kann. Zu "Libertango" ist sie ein Käfer. Zu "Love you to Life" ein Rauschgoldengel, zu "Devil in my Life" ein Satansbraten und so weiter. Zu "La Vie En Rose" (skrupellos!) löst sich die Sitzordnung im Saal auf.

Zu "Bumper", vor den Zugaben, darf ein Pulk Zuschauer auf die Bühne, der sich das nicht zweimal sagen lässt. Ein Typ tanzt mit Grace Jones um eine Stange. Der soll mal aufpassen, dass sie ihn nicht flugs frisst. Umgekehrt ist dies - sobald man wieder nachdenkt - der Grund, warum Grace Jones, quasi aus Bein, Po, Zunge, Verkleidung bestehend, nicht die größte Peinlichkeit des Jahres ist.

Zu "Slave" lässt sie übrigens durchgehend einen Hula-Hoop-Reifen kreisen. Sie ist keine Hexe, sondern wahnsinnig gut in Form.

Autor:  JUDITH VON STERNBURG
Datum:  26 | 3 | 2009
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