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Musik

04. Dezember 2014

H.P. Baxxter im Interview: „Wir nennen es Discoschorle!“

H.P. Baxxter: „Wir kommen aus der Rave- und Technoszene, und da ging es immer zuallererst darum, sich frei zu tanzen.“  Foto: Luci Lux

Ein Gespräch mit H.P. Baxxter über seine neue Single, falsches Englisch, die Band Scooter im allgemeinen und Ohrwürmer im besonderen.

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H.P. Baxxter, im Video zu Ihrer genialen neuen Single „Can’t Stop the Hardcore“, sieht man Sie mit Moustache am Mikrofon. Jetzt ist er abrasiert. War’s das schon mit dem Neuanfang?
Ha! Um ein Haar hätte ich in dem Video buschige Koteletten getragen. Aber damit hätte ich ausgesehen wie Vader Abraham von den Schlümpfen. Außerdem stimmte die Farbe nicht. Also entschied ich mich für einen Echthaar-Schnauzbart à la Clark Gable. Und dann war auch gut. Für einen Neuanfang brauche ich keinen Bart. Obwohl er mir gut gestanden hat.

Der Song, ein Trinklied, basiert auf dem griechischen Syrtaki-Rhythmus. Das dürfte der radikalste Richtungswechsel einer Band Ihres Bekanntheitsgrades in den letzten Jahren gewesen sein.
Das sehe ich übrigens genauso. Die letzten zwei, drei Jahre haben wir uns mit Scooter so sehr an aktuellen Club-Trends abgearbeitet, von Avicii bis David Guetta. Das konnte so nicht weitergehen. Das haben wir mit dem neuen Album radikal wieder geradegerückt. Denn eins muss man wissen: Wenn man so erfolgreich ist wie Scooter, ist Stillstand eben nicht Besitzstandwahrung, sondern der Anfang vom Ende. Vom italienischen Dichter di Lampedusa stammt der berühmte Ausspruch: „Wenn wir wollen, dass alles so bleibt, wie es ist, dann ist es nötig, dass sich alles verändert“. Ich will, dass der Erfolg bleibt. Also musste ich alles ändern. Eine Band, die nur noch ihre alten Hits spielt, ist zum Untergang verurteilt. Sie altert mit ihrem Publikum, bis sie erlischt.

Wie kommt man eigentlich auf ein Trinklied wie „Can’t Stop the Hardcore“?
Ein Männerchor, eine Saalschlacht und die Melodie von „Evira España“ – das ist genial. Das ist noch genialer als „Eisgekühlter Bommerlunder“ von den Toten Hosen, denn erstens ist Wodka Belvedere deutlich bekömmlicher, und zweitens hat unser Song entschieden mehr Techno-Syrtaki.

Wie mixt man eigentlich einen Wodka Belvedere?
Wie man den mixt?!

Zur Person

H.P. Baxxter wurde 1964 als Hans Peter Geerdes im ostfriesischen Leer geboren. Er ist Sänger und Frontmann der Band Scooter, die er 1993 gründete und mit der er seitdem im Segment der elektronischen Tanzmusik enorme Erfolge feiern konnte. Bei den
Top-Ten-Platzierungen in den Charts wird Scooter mit über 20 Hits zu den Rekordhaltern gezählt.

Am Freitag (5.12.2014) erscheint die neue Scooter-Single „Can’t stop the Hardcore“ (Sheffield Tunes).

Genau. Das Rezept bitte.
Das ist gar kein Drink, sondern ein vergleichsweise sehr teurer russischer Wodka, und der heißt nun einmal „Belvedere“. Ich habe den probiert, weil ich einen Schnapsnamen brauchte, der sich auf die Zeile „everybody everywhere“ reimte. Und das tut nun einmal nur „Belvedere“. Ganz einfach.

Und, lohnt sich der Preisunterschied?
Ganz ehrlich: Ich trinke selten Wodka, aber wenn, dann immer mit Red Bull. Und da schmeckt man gar keinen Unterschied mehr. Außerdem bin ich abergläubisch: Damit die Nummer ein Hit wird, trinke ich keine andere Marke mehr. Und der Song passt auch deshalb zu Scooter, weil wir schon immer gerne gefeiert haben. Auch vor einem Auftritt sind zwei, drei Wodka Red Bull genau die richtige Menge, um energiegeladen und topfit zu sein – 4cl Wodka, 0,2l Red Bull, alles angegletschert mit Eiswürfeln. Wir nennen es „Discoschorle“. Danach stehst du kerzengerade.

Haben Sie eigentlich schon einmal Kurt Schwitters gelesen, zum Beispiel „Anna Blume“?
Sie meinen, weil die Freunde und Fürsprecher Scooters stets eine Nähe der Band zu Dada behaupten?

Genau.
Das trifft insofern zu, dass ich noch nie nach dem Sinn gesucht habe. Es ging mir immer nur darum, wie die nächste Zeile klingt, nicht darum, was sie bedeutet. Es darf gerne sinnlos sein, solange es phonetisch, vom Reim her und rhythmisch passt. Wer ist schon an einer guten Story interessiert, wenn die genannten Elemente wie gutgeölte Zahnräder ineinandergreifen? Einen Song ohne jeden Sinn zusammenzubauen, ist eine Kunstform für sich, wenn Sie mich fragen – und die eine ganz eigene Virtuosität verlangt.

Auf die Grammatik darf man auch scheißen?
Ja, würde ich schon sagen. Wenn’s nicht anders geht, muss man auch die Grammatik übergehen dürfen. Habe ich ja im Übrigen schon oft erfolgreich getan.

Ist nicht auch der Songtitel „Can’t Stop the Hardcore“ falsches Englisch?
Das ist mir doch egal! Ich habe immer Bill Drummond und The KLF geliebt. Die haben ja auch gesungen: „What time is love?“ Das klingt mir auch verdächtig falsch. Manchmal habe ich den Eindruck, dass sich einem eine falsche englische Phrase viel tiefer in den Kopf bohrt als korrektes Englisch. Gelegentlich muss man eben Sollbruchstellen in einen Song einbauen, damit er funktioniert.

Sie sind das einzige verbliebene Gründungsmitglied von Scooter, das im Jahr 2014 noch dabei ist. Kann man da noch von derselben Band und den gleichen Formeln sprechen, die Scooter ausmachen?
Scooter haben schon immer nach der Formel funktioniert, dass ich es nie alleine gepackt hätte. Ich brauche zwei Leute um mich herum, die meine Ideen umsetzen, die aber unbedingt auch eigene Ideen einbringen. Als Rick J. Jordan, mit dem ich auch vor Scooter schon zehn Jahre Musik gemacht habe, nach unserer letzten großen Tournee die Band verlassen hat, habe ich mich erst mal entspannt. Ich habe mich locker gemacht und die Bewerber für den vakanten Keyboard-Posten hinten rechts auf mich zukommen lassen. Der erste, Phil Speiser, war dann gleich der richtige. Ein echter Volltreffer von einem Keyboarder mit frischen Ideen, einer, mit dem die Chemie gleich gestimmt hat. Also habe ich gar nicht weitergesucht.

Wie fühlt sich das eigentlich an, drei Jahrzehnte in der Öffentlichkeit zu altern?
Na ja, immerhin haben wir die unsägliche Diskussion aus den Achtzigern, ob die Rolling Stones nun abdanken sollen oder nicht, lange hinter uns gebracht. Mick Jagger ist immer noch unterwegs, er sieht immer noch super aus, und die Puste geht ihm auch nicht aus. Und er ist immer noch 23 Jahre älter als ich. Also kann ich entspannt in der Öffentlichkeit älter werden – auch wenn es schon ein kleiner Reality-Schock war, als wir im letzten Dezember im Hamburger Uebel & Gefährlich-Club zwei Jahrzehnte Scooter gefeiert haben. Da wurde mir zum ersten Mal bewusst, wie lange ich das jetzt eigentlich schon mache. An dem Abend haben wir zum ersten und letzten Mal alle unsere Top-ten-Hits in chronologischer Reihenfolge gespielt, also mit „Hyper Hyper“, „Move Your Ass“ und „Endless Summer“ gleich Vollgas bei den ersten drei Nummer gegeben. Die Leute sind aus dem Stand ausgerastet wie bei einem Sex-Pistols-Konzert. Das war ein ganz besonderer Abend. Und überhaupt wird ohne Ausnahme jeder jeden Tag älter – ich bin also nicht alleine. Und wenn ich etwas nicht ändern kann, dann muss ich nur sehen, wie ich da optimal ohne Gesichtsverlust durchkomme.

Verstehen sich Scooter als Punk-Band?!
Nicht bewusst! Wir kommen aus der Rave- und Technoszene, und da ging es immer zu allererst darum sich frei zu tanzen. Eine Nacht durchzutanzen hat etwas extrem Befreiendes, da kann man mir nix Gegenteiliges erzählen. Und dass bei Scooter durch die enormen 160 BPM Geschwindigkeit in der Anfangszeit zugleich so eine Punk-Energie mit im Spiel war – umso besser. Aber unser Selbstverständnis war nie das einer Punk-Band. Es fehlte uns einfach immer nur eine Dramaturgie. Immer Vollgas ist ja, wenn man es ehrlich betrachtet, dramaturgisch nicht besonders einfallsreich. Aber es hat funktioniert.

Können Sie sich vorstellen, wie Mick Jagger als 71-Jähriger noch Frontmann von Scooter zu sein?
Es gibt ein paar Maßstäbe, an denen ich klar festmachen würde, wann für mich Schluss ist. Körperliche Fitness ist da ganz entscheidend. Scooter ist wie eine Punkband in der Hinsicht, dass bei uns ein enormes Tempo gegangen wird und in jedem Konzert eine unglaubliche Energie auf das Publikum übertragen wird. Konditionell muss ich da topfit bleiben, das ist mein Maßstab. Ich kann nicht irgendwann wie Leonard Cohen auf dem Barhocker unplugged „Hyper Hyper“ hauchen. Eine andere Messlatte sind die Fans. Sollten die irgendwann von mir gelangweilt sein, werde ich meine Schlüsse daraus ziehen.

Seit mehr als 20 Jahren steht H.P. Baxxter mit Scooter auf der Bühne - hier bei einem Gig in Russland im Sommer letzten Jahres.  Foto: imago/ITAR-TASS

Apropos Fans: Als Sie im September im ZDF-Fernsehgarten auftraten, spielten Sie zu Playback im grellen Sonnenschein – vor Rentnern in Freizeitkleidung und sonstwie zusammengewürfeltem TV-Publikum. Wie fühlt sich das an?
Na ja, ich war eine Stunde vorher aus Minsk zurückgekehrt, wo wir die Nacht gar nicht geschlafen hatten. Und am Tag vor Minsk bin ich auf dem Oktoberfest in München gewesen. Und dann fragte mich die ZDF-Moderatorin vor laufender Kamera, ob ich noch etwas sagen wolle zum Publikum. Und ich sage denen, dass ich einen Ohrwurm vom Oktoberfest mitgenommen hätte, nämlich das „Lied vom Holzmichel“. Und kaum fange ich das Lied an zu singen, stimmen alle im Publikum mit ein und singen mit. Das war so ungefähr das Surrealste, was ich in der jüngeren Vergangenheit erlebt habe. Da waren vielleicht vier- fünfhundert Leute vor mir, und sie alle sangen mit: „Ja, lebt denn der alte Holzmichel noch, Holzmichel noch, Holzmichel noch, lebt denn der alte Holzmichel noch?“ Ja, was sagt man dazu? Das sind TV-Momente für die Ewigkeit.

Worum geht es in dem Lied eigentlich?
Der Text ist volkstümlicher Dadaismus, völlig irre. Mit jeder Strophe geht es dem Holzmichel schlechter, man singt ihn quasi in den Tod, und das scheint den Menschen gut zu gefallen, denn man kann einfach immer weiter trinken. Auf alle Fälle ist das einer der größten Wies’n-Hits, die es je gegeben hat, und im ZDF-Fernsehgarten haben alle den Text gekannt.

Was ist eigentlich so faszinierend am Oktoberfest?
Einerseits muss man die Bereitschaft haben, sich darauf einzulassen. Das ist ja überhaupt essenziell für die meisten Dinge – man muss sich wirklich auf sie einlassen. Gesteht man dies dem Oktoberfest zu, erlebt man die kollektive Erlaubnis, sich gehen lassen zu dürfen. Man zieht sich also eine Lederhose an und ein kariertes Hemd, und dann taucht man ein in den Wahnsinn. Als außenstehender Beobachter wird man angesichts der allgemeinen Enthemmtheit möglicherweise nur den Kopf schütteln, vor allem als Norddeutscher. Wenn man sich aber darauf einlässt, kann man eine Menge Spaß haben. Das ist ganz rustikales Feiern. Man trinkt eine Maß nach der anderen, das Essen ist wahnsinnig lecker, und die Musik ist genauso deftig wie der Schweinebraten. Und am nächsten Tag wird einem alles verziehen, was man am Abend so angestellt hat.

Und andererseits?
Trifft man da alle möglichen Leute.

Wen zum Beispiel?
Sven Väth zum Beispiel. Und das sage ich ganz ehrlich: Dem im Käfer-Zelt zu begegnen und nicht auf Ibiza, damit hätte ich nun wirklich nicht gerechnet.

Interview: Max Dax

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