Von Ludovico Muratori, aus der 1706 verfassten Schrift "Della perfetta poesia italiana", stammt die Sentenz, Oper sei eine monströse Verbindung von tausend Unwahrscheinlichkeiten. Und deswegen lieben Menschen das Musiktheater: weil es Illusionen bietet, die das Leben in der gleichen unterhaltsamen Weise kaum bereithält. So war es im 18. Jahrhundert, und so ist es heute. Der Publikumsjubel, den die Premiere von Händels "Agrippina" in der Berliner Lindenoper entfachte, darf als Beleg dafür dienen.
Die Geschichte ist auch wirklich zu schön, um wahr zu sein. Sie spielt in Rom, Kaiser Claudius ist gerade im Krieg gegen Britannien, da schmiedet seine kaltherzige Gattin Agrippina schon Pläne, wie sie ihren Sohn Nerone auf den Thron hieven kann. Beider Glück scheint gemacht, als die (falsche) Nachricht vom Tode des Herrschers zu ihr dringt. Rasch unterwirft Agrippina sich alle Höflinge, und nichts und niemand könnte sie abhalten, wäre da nicht eine Gegenspielerin: Poppea. Ein Luxusweib mit einer erotischen Ausstrahlung, der zu widerssetzen sich wenige gestatten. Was Wunder, dass gleich drei sie begehren: Claudius, Nerone und der tapfere Ottone. Das Intrigenspiel ist eröffnet: Macht gegen Liebe. Am Ende siegen beide, schließlich ist es Barockoper.
Das Problem ist nur: Bis dahin dauert es weit mehr als 30 Da-capo-Arien. Der französisische Regisseur Vincent Boussard wählt den vermutlich einzig gangbaren Weg. Er inszeniert die Oper im elegant stilisierenden und spartanischen Bühnenbild von Vincent Lemaire als bitterböse Satire auf die Dummheit in dieser Welt.
Die Idee ist plausibel, denn in Rom ist viel Dummheit vorhanden; man denke nur an die Narren Pallante und Narciso, die als Mohren von Rom über die Bühne schleichen (und vom Bassbariton Neil Davis und vom Altus Dominique Visse vokal eindrücklich verkörpert werden). Der dümmste unter den Dummen ist Claudius (Marcos Fink mit weitreichendem Bassbariton). Ein präpotenter Potentat, der (gewollt oder nicht) aussieht wie Berlusconi und Schillers Postulat aus den Briefen über die ästhetische Erziehung ein bisschen simplifiziert: Er will nur spielen, mit Weltkugeln, Brüsten, Würfeln. Sachen eben, die Spaß machen. Ist bei ihm alles dasselbe. Hauptsache, er gewinnt.
Christian Lacroix, der Modedesigner, hat ihm ein Wams samt Halskrause übergestreift, das jedem absolutistischen Tyrannen gut stehen würde und dass sich von den modernistischen Kostümen der anderen Akteure deutlich unterscheidet: Claudius, aus der Zeit gefallen. Doch an seiner Seite finden wir den Diener Lesbo (Daniel Schmutzhard), der ihn wie eine Marionette zu den Geschehnissen trägt. Das ergibt äußerst heitere Momente. Etwa, wenn Lesbo seinen auf einer überdimensionierten Chaiselongue drapierten Herrscher herein zieht wie der Schwan den mit Lohengrin bestückten Nachen. Oder wenn Claudius seinen Ehepflichten nachkommt, dies aber nur kann, weil Agrippina sich für diesen Termin als Straßendirne verkleidet hat, und man während des Austausches von Körperflüssigkeit rasch die Geschäfte bespricht, die zu erledigen sind. Kurz: Da ist viel gescheiter Witz. Doch auch viel Leerlauf, viel bemühte Geste.
Der Graben hilft. Denn dort sitzt die Akademie für Alte Musik, angeleitet von René Jacobs. Deren dramaturgisches Konzept ist phänomenal. Aus einer lyrischen Gemütlichkeit heraus entwickelt sich mehr und mehr ein giocosohaftes Agieren, das in Teilen an Mozarts Buffo-Ton gemahnt und über die vielen Lücken äußerst luftig, federnd und pointiert hinübermusiziert.
Der Vorteil dieser nuancierten Dezenz liegt bei den Sängern. Grandios, auch schauspielerisch, die Poppea von Anna Prohaska und der Ottone von Countertenor Bejun Mehta; dessen elegisch getönte Arie "Voi che udite il mio lamento" im zweiten Akt ist von einer zu Tränen rührenden, leisen Intensität. Da steht die Welt kurz still. Kaum minder formidabel der lyrische Mezzo von Jennifer Riveras als Nerone, und nach anfänglicher Blässe ebenso die bulgarische Sopranistin Alexandrina Pendatchanska in der Hauptrolle.
Wen stört es da noch, dass sich im Verlauf der vier Stunden die Unwahrscheinlichkeiten zu einem mächtigen Häuflein angesammelt haben. Niemanden stört es. So ist Oper.
Staatsoper Unter den Linden, 7., 9., 12. und 14. Februar.www.staatsoper-berlin.de