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House-DJ: Das Schwein macht die Musik

Man kann auch Schlacht-House dazu sagen: Matthew Herbert stellt im Berghain sein neues Album „One Pig“ vor. Darauf hat er ausschließlich Geräusche eines Schweins gesampelt, von der Geburt bis zur Schlachtbank.

        

„Wenn Ihnen so ein Tier auf den Fuß tritt, ist der Schmerz groß“: Matthew Herbert (links) und ein Schwein.
„Wenn Ihnen so ein Tier auf den Fuß tritt, ist der Schmerz groß“: Matthew Herbert (links) und ein Schwein.
Foto: AUTOPILOT

Der britische House-DJ und Produzent Matthew Herbert hat sein neues Album „One Pig“ (PIAS/Rough Trade) ausschließlich aus den Geräuschen eines Schweins gesampelt, das er zu diesem Zweck von der Geburt über die Schlachtbank bis zur Verschnitzelung verfolgte. Morgen erlebt das Werk im Berghain seine deutsche Erstaufführung: Dabei werden die Musiker der Matthew-Herbert-Band unter anderem auf Trommeln aus Schweinefell spielen, während ein Koch aus Schweinezutaten eine schmackhafte Mahlzeit bereitet.

Herr Herbert, sind Sie eigentlich Vegetarier?

Nein, ich esse Fleisch, eine bewusste Entscheidung. Einer der Gründe für die „One Pig“-Platte war, dass ich die Konsequenzen dieser Entscheidung genauer verstehen wollte. Die Produktion stellte auch eine Art Reise ins Unbekannte dar. Ich wollte etwas aufnehmen, ohne zu wissen, in welche Richtung es mich beim Produzieren der Platte führen würde. Es ging darum, Neues zu lernen.

Das Unbekannte in Gestalt eines Schweinelebens

Es ging mir neben dem Unbekannten im Allgemeinen um industrielle Tierhaltung im Besonderen; um die grauenerregenden Bedingungen, unter denen die Tiere, die wir essen, größtenteils leben müssen. All dies sieht man nicht, wenn man täglich seinen Bacon verzehrt, und folglich denkt man auch nicht darüber nach oder versucht, es sich vorzustellen. Also wollte ich in regelmäßigen Etappen das Leben und Nachleben eines Schweins dokumentieren, inklusive Geburt, Schlachtung, Verarbeitung und Verspeisung.

Wie bekommt man denn die Erlaubnis für so etwas?

Ich hätte natürlich keine Chance gehabt, ein Schwein in Massenhaltung aufzunehmen. Massenhaltung wird von sehr geheimniskrämerischen Konzernen unter Ausschluss der Öffentlichkeit betrieben. Also suchte ich nach einem Schwein aus Freilandhaltung. Ich habe in einigen meiner Lieblingsrestaurants nachgefragt, woher sie ihr Fleisch beziehen, und bin auf diese Weise an den Bauern geraten, dessen Schwein ich dann aufgenommen habe. Auch dadurch ist natürlich ein durchaus bewussteres Verhältnis zu dem Tier entstanden, das man am Ende isst, und ich hoffe, dass es den Hörern ebenso geht!

Wie hat man sich das vorzustellen – man geht zu einem Bauern und sagt: Guten Tag, ich bin elektronischer Musiker und möchte gerne Ihr Schwein aufnehmen?

Ja, so ungefähr! Als ich ihm erzählte, dass ich Industriefleisch verabscheue und nie in Supermärkten einkaufe, ließ er mich einfach machen. Also stellte ich mich in den Schweinestall und fing an aufzunehmen und kam Monat für Monat wieder.

Hat es dem Schwein etwas ausgemacht?

An sich nicht. Mein Schwein und seine neun Geschwister waren, wie Schweine so sind: neugierig und lebhaft. Daraus entstanden schon Schwierigkeiten: Einmal wollte ich ein Mikrofon in ihr Futter legen, um Essensgeräusche aufnehmen zu können. Dabei wurde ich selber fast gegessen. Ständig schnappten sie nach mir! Auch sind Schweine sehr schwer und leider etwas ungeschickt – ich sage Ihnen, wenn Ihnen so ein Tier auf den Fuß tritt, ist der Schmerz groß.…

Hatten Sie während der Aufnahmen bereits eine Vorstellung davon, wie die fertigen Stücke klingen sollten? Die Musik auf dem Album könnte man ja im weitesten Sinn als Ambient beschreiben.

Ich hatte da sehr wenig Wahl. Das zugrundeliegende Material bestimmt die Musik weitestgehend. So ist das erste Stück, dem die Geburt des Schweines zugrunde liegt, sehr ruhig, denn die Geburt war auch sehr ruhig – man hörte bloß schweres Atmen, und dann flutschte ein Schwein raus! Ein späteres Stück, das die Verlegung des Schweins in einen anderen Stall dokumentiert, hat Industrial-Charakter, da wir das Schwein im Transportcontainer aufgenommen haben und im Hintergrund Maschinen zu hören sind. Das Schwein macht die Musik, ich bringe sie nur in eine den Menschen verständlichere Form. An sich hätte ich gern ein Top-Ten-Album aus der Materie gemacht, doch das wäre unmöglich gewesen, ohne das Schwein den eigenen musikalischen Bedürfnissen anzupassen.

Tatsächlich finden sich viele harmonische und melodische Elemente auf dem Album. Ist das wirklich alles Schwein, was man da hört?

Außer den selbst angefertigten Instrumenten – einer Trommel aus der Haut des Schweins und einem Instrument, welches mit seinem Blut durchpumpt und so zum Klingen gebracht wurde – ist alles aus den Aufnahmen generiert. Im Stück „October“ etwa stammen alle melodischen Elemente von einer Kuh, die man im Hintergrund hörte.

Wie sieht denn die Live-Umsetzung des Albums aus? Es wurden ein Live-Koch und ein neues Sample-Instrument angekündigt..

In der Tat. Beim Sample-Instrument handelt es sich um eine Art musikalischen Schweinestall. Man zieht an verschieden Seiten des Stalls und ruft so die verschiedenen Schweinesamples ab. Eigentlich hätten wir ja ein richtiges Schwein für die Performance gebraucht, doch es gibt zu wenig Agenturen für performende Schweine. Mit dem Spezialsampler wird unter anderem auch der Live-Koch gesampelt, wie er am Ende der Performance Schweinefleisch zubereitet.

Was bereitet er denn genau zu?

Am besten Bacon, denn der riecht so gut, wenn er gebraten wird. Ich mag die Vorstellung, dass Teile des Publikums als Ergebnis der Performance ihren Fleischverzehr in Frage stellen und gleichzeitig von diesem himmlischen Fleischgeruch betört werden...

Das Gespräch führte Johannes von Weizsäcker.

Matthew Herbert – „One Pig“: Do (17.11.), 20 Uhr, Berghain

Datum:  16 | 11 | 2011
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