Also sprach Zarathustra: Der im Jahr 1896 sehnsuchtsvoll und recht herrisch herbeigepaukte, von Trompeten in Naturtönen strahlend artikulierte Sonnenaufgang des 20. Jahrhunderts, mit dem sich Richard Strauss, der Zukunft zugewandt und voller Wille und Optimismus von Schopenhauer und vom 19. Jahrhundert verabschiedete, gehört zu den bekanntesten Motiven der Pop gewordenen Spätromantik.
Hat irgendjemand das 21. Jahrhundert in einem ähnlichen Format begrüßt? Eine der Fragen, die sich heute daran anschließen, muss die sein, ob der Kunde nach diesem wirklich sehr gelungenen Branding überhaupt noch will, dass es weiter geht. Stanley Kubricks Weltraumbilder sind gedreht, noch prägnanter kann es ja kaum werden. Das Sinfonieorchester des Hessischen Rundfunks unter Leitung des lettischen Dirigenten Andris Nelsons, Chefdirigent des City of Birmingham Symphony Orchestra, arbeitete sich mit großer Präzision durch die acht folgenden Kapitel dieser Tondichtung, verströmte Breite, Bewegtheit und vielfach angeschliffene Klangsinnlichkeit, zeigte aber nicht immer die maximale Transparenz und bezwingende Schärfe, die man von ihm in Bestform kennt.
In hr2-Kultur ist das Konzert am 2. März, 20.05 Uhr, noch einmal zu hören.
Auch bei Beethovens Violinkonzert D-Dur schien es von dieser Form, deren Maßstäbe es selbst gesetzt hat, passagenweise ein wenig entfernt - nicht meilenweit, aber spürbar. Die dynamische Feinabstimmung mit Solistin Baiba Skride an der Violine verriet zuweilen Mühe und zeigte gerade im Rondo-Satz Reibungen, die etwas anderes zu sein schienen als großzügige Gestaltungszugriffe. Und so sehr sich Nelsons in deutlichen, fordernden Gesten präsentierte, sie schienen nicht immer genau da anzukommen, wo sie hätten landen sollen.
Baiba Skride spielte ihren Solo-Part dennoch überaus empathisch und voll frühromantischer Gemessenheit, mit einem souveränen Ton, der zugleich sanft und kraftvoll daher kam, und der Gerechtigkeit halber muss man einräumen, dass es auch viele sehr fein gelungene Passagen mit dem Orchester gab und dass das Pianissimo-Pizzicato wirklich von bestechender Präzision war.
Bachs ungemein komplexe Fuge "Ricercar a 6" aus dem Musikalischen Opfer, von Anton Webern für Orchester gesetzt, geriet einleitend zu einer Demonstration der tiefen Ernsthaftigkeit, mit der sich die Moderne dem mathematisch-musikalischen Erbe der Vergangenheit annehmen kann. Da wird kein Jahrhundert verabschiedet oder begrüßt, da wird einfach klar gesehen und gearbeitet, und nichts überstrahlt den Horizont, den Nelsons und das Orchester in dieser bewegten Musik immer im Blick behalten.