Aktuell: Fußball-EM 2016 | Brexit | HIV und Aids | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Zuwanderung Rhein-Main
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Musik

17. Januar 2016

HR-Sinfoniekonzert: Nicht ohne Skandinavien

 Von Hans-Klaus Jungheinrich

Dirigent Hugh Wolff und Klarinettist Jörg Widmann waren die trefflichen Ersatzkräfte beim Sinfoniekonzert des Hessischen Rundfunks in der Alten Oper Frankfurt.

Drucken per Mail

Dirigent krank, Solist krank – Konzert gerettet. Sogar mit der Idee, einen ehemaligen Chefdirigenten der HR-Sinfoniker gastweise zu aktivieren. Anstatt Paavo Järvi nun in der Alten Oper also Hugh Wolff, der den Frankfurter Klangkörper bis 2006 leitete. Und als Einspring-Solist Jörg Widmann mit dem Klarinettenkonzert von Mozart anstelle desjenigen von Carl Nielsen. Dennoch blieb dem Programm ein skandinavischer Akzent – jetzt die für die „Nullte“ von Bruckner anberaumte Fünfte von Sibelius, ein zwar erheblich kürzeres, aber nicht weniger knorriges Finalstück.

Von der ursprünglichen Programmkonzeption blieb immerhin auch das gewichtige Eingangsstück (beim vorangegangenen Jugendkonzert seltsamerweise unterschlagen) erhalten: Olivier Messiaens „L’Ascension“, vier wunderbar klare Orchestermeditationen mit geistlichen Inhalten, die der Komponist wie immer mit ebenso gewitzten wie naiven Satzüberschriften markierte. Bemerkenswert auch, wie der 24-jährige Messiaen (1932/33) hier schon seinen spezifischen Ton anschlägt – die Holzbläserstimmen des zweiten Satzes könnten genau so auch in der fast 50 Jahre jüngeren Franziskusoper figurieren.

Beeindruckend die formale Symmetrie mit den jeweils eine Teilformation beschäftigenden Rahmensätzen – für den ersten zeigten die Blechbläser Ruhe und Insistenz, für den kantablen letzten die Streicher Klangkultur und Flexibilität. Man konnte darüber spekulieren, dass Järvi diese Musik wohl ein wenig kühler timbriert hätte als der sehr engagierte, mannigfachen Nuancen nachhörende Wolff.

Dessen angelsächsische Sibelius-Passioniertheit gab auch dem Konzertfinale ein zündendes Profil. Die 5. Symphonie lässt noch viel von der Depressivität, Katastrophenstimmung und Chaos-Affinität der Vierten nachklingen, macht es den Hörern aber scheinbar angenehmer durch eine „heroische“ Tendenz, die sich im Verlauf der beiden Sätze eher untergründig zeigt, als beethovenartig durchsetzt.

Die von atemberaubenden Pausen durchsetzten Schlussakkorde könnte man als ins Stottern geratene „Eroica“-Apotheose bezeichnen. Wolff bot eine Interpretation, die genau die Balance hielt zwischen Formsicherheit und expressivem Zugriff – immer im Bewusstsein der Komplexität dieser für das mitteleuropäische Gefühl so wildwüchsigen, vermeintlich unbestimmten Satztechnik. Die HR-Musiker, zu höchster Aufmerksamkeit angehalten und in guter, ja bester Verfasstheit.

Von Jörg Widmann, dem nonkonformistischen und rigorosen Komponisten, bekam das Publikum an diesem zweiten von drei Abenden keine Vorstellung (das hätte doch aber in einer Solo-Zugabe leicht geschehen können). Umso mehr von dem subtilen Mozartspieler, der den abgeklärt-schattenlosen Gestus des nur ganz leise melancholisch angetönten Spätwerks durch diskrete, vor allem in Piano-Valeurs schimmernde Tongebung eher noch unterstrich, als sie durch kernige Intonationen zu unterlaufen.

Zusammen mit Hugh Wolffs vorsichtig dosierter Orchesterbegleitung ergab sich eine Art Ideal-Harmonie, eine geradezu „klassisch“ dominierte Konstellation, die noch nichts von romantischer Klarinetten-Dämonie anklingen ließ.

[ Lesen Sie jetzt das EM-Spezial der FR - digital oder gedruckt sechs Wochen lang ab 27,30 Euro. Hier geht’s zur Bestellung. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Musik-Charts

Quelle: Amazon  Mehr...

Videonachrichten Musik
TV

Gestern ferngesehen? Wir auch! Diskutieren Sie mit!

Anzeige

Videonachrichten Kultur