Im jüngsten Abonnement-Konzert des HR-Sinfonieorchesters im Großen Saal der Alten Oper Frankfurt dürften mit Dmitrij Schostakowitschs "Suite nach Gedichten von Michelangelo Buonarroti" von 1974/75 gleich zwei weiße Flecken von der musikalischen Landkarte der meisten Zuhörer verschwunden sein: Wer kennt schon Michelangelo als Lyriker und wer diese dreiviertelstündige Lieder-Sinfonie aus dem letzten Lebensjahr des russischen Komponisten.
Elf Orchesterlieder, zu einem Rondo-Schema charakteristisch geordnet, scheinen Schostakowitschs Antwort auf Gustav Mahlers "Lied von der Erde" gewesen zu sein. Die vollkommen ausgebrannte, zwischen kalter, trockener Klang-Asche und noch glühenden Metallstücken wechselnde Faktur des Werks war zwei großartigen Interpreten anvertraut. Zum einen dem mit großer Intensität und ohne Schmerzensmann-Attitüde agierenden Matthias Goerne, dessen Bariton das Moment des heruntergeklappten Vokal-Visiers, das diese Lieder selbst in ihren stattfindenden Ausbrüchen wie eine Grundierung begleitet, genau traf.
Und zum anderen dem Dirigenten Gianandrea Noseda, der in Frankfurt eine Visitenkarte abgab, die man so schnell nicht weglegen wird. Präzision und äußerste Spannung in Momenten, die gemeinhin einfach als etwas diffus und zäh hingenommen werden - das machte Schostakowitschs vieles Grau seiner Musik zu Farbwerten, zu Valeurs und Profilen, die man nicht erwartet hätte.
Bei Beethovens 7. Sinfonie war das Noseda-Kunststück, bei irrwitzigem Tempo mehr vom Klang-Prozess hörbar zu machen als es jede behäbigere Aufführung tut. Taumel, Tumult und Triumph: Das HR-Sinfonieorchester wuchs unter den Händen des Dirigent schier über sich hinaus. Das Publikum in seinem Beifall auch.