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Musik

14. Februar 2016

hr-Sinfonieorchester: Jenseits des Titanischen

 Von Bernhard Uske
Andrés Orozco-Estrada, Chefdirigent des hr-Sinfonieorchesters, das in der Alten Oper die ersten vier Beethoven-Sinfonien spielte.  Foto: Werner Kmetitsch/HR

Die Meister aus Bonn und Köln: Die hr-Sinfoniker bieten Beethoven-Sinfonien am laufenden Meter in der Alten Oper Frankfurt. Der Pianist Pierre-Laurent Aimard spielt Klavierstücke von Karlheinz Stockhausen dazu.

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Einen Zyklus der Sinfonien Ludwig van Beethovens in beschleunigter Fertigung produziert gegenwärtig Andrés Orozco-Estrada mit seinen hr-Sinfonikern. An den beiden Abenden des jüngsten Sinfoniekonzerts des Hessischen Rundfunks in der Alten Oper Frankfurt wurden dank Arbeitsteilung gleich vier der neun Sinfonien aufgeführt. Die eine Hälfte es Orchesters spielte die Sinfonien Nr. 1 und 3, die andere einen Abend später Nr. 4 und 5. In einer Interpretation, die sich an die Metronomisierung Beethovens hält: Also das geschwinde Zeitmaß, das früher nur dirigentische Außenseiter wie Hermann Scherchen oder René Leibowitz und später Michael Gielen nutzten. Das ergibt statt dräuender Titanenklänge drängende und scharfzüngige Intonationen.

Während Paavo Järvi, Orozco-Estradas Vorgänger beim HR, dieses mittlerweile durchgesetzte Beethoven-Bild in seinen Aufnahmen (produziert für CD und DVD mit der Deutschen Kammerphilharmonie) wie mit der Pinzette und mit blitzender Klinge bearbeitet hat, nimmt sein Nachfolger mehr Masse, macht den Körper schwerer und dunkler. Bei gleichem Tempo wirkt dabei das Mehr an orchestralem Gewicht fast noch drastischer. So alert der Zugriff des Kolumbianers auch scheint: Vom einmal gesetzten Grundpuls wird nicht um ein Jota abgewichen.

Während die 1. Sinfonie dadurch wie nach allen Seiten Schläge austeilt, hat die Schärfe des Tempos in der „Eroica“ eher verflüssigende Funktion. Der Kopfsatz trieb das Orchester, das meisterlich in allen Belangen war, an die Grenze des Möglichen. Enorm die Steigerungen der Apotheose des Trauermarschs, furios das Prometheus-Finale. Die angeblich lyrische Vierte: Marsch-Apotheose mit Leichtgepäck. Die Fünfte: Ein Sturmesbraus mit Feuer unter den Sohlen.

Aber nicht nur der Meister der Musikgeschichte aus Bonn, sondern auch der aus Köln kam an den beiden Abenden zur Geltung: Karlheinz Stockhausen, der in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts im Bereich der Neuen Musik zeitweise eine ähnliche Rolle spielte, wie es Beethoven immer wieder bis heute weltweit tut. Zwischen die Sinfonien war je eines der in den fünfziger Jahren entstandenen Klavierstücke gestellt, die von Pierre-Laurent Aimard aufgeführt wurden. „Klavierstück XI“ und „Klavierstück IX“ gestaltete er in ihrer zwischen aleatorischer Beweglichkeit und prozessualer Entwicklungs-Konsequenz angesiedelten Faktur sehr intensiv und einer mechanischen Ton-Punkte-Exekution abhold.

Nach Ende des regulären Programms bot sich dem Publikum noch Gelegenheit zu einem Nachtisch in Form von pianistischen Werken mit Bezug auf die gerade gehörten Sinfonien. „Eroica-Variationen“ und „Appassionata“ waren Feiern der musikalischen Haute cuisine des Beethovenschen Könnens, hinreißend explorativ, intrikat und sensibel zugleich geboten. Ein grandioser Kontrapunkt zur strähnigen Orchester-Popularität, denn Beethoven kennt die Kategorie des Aufgewühltseins durchaus und in seiner Klaviermusik wie kein zweiter.
Aimard war einfach überwältigend in dem Sog der Ton-Katarakte. Für das trotz fortgeschrittener Uhrzeit fast vollständig im ausverkauften Saal ausharrende Publikum die beste Werbung für Beethovens wahre Premium-Produkte.

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