Seine Stimme klingt besorgniserregend, so als hätte er gerade mit rostigen Nägeln oder noch Schlimmerem gegurgelt. Ein Effekt, der durch die transatlantische Telefonverbindung noch verstärkt wird. Keith Richards ruft aus New York an, und obwohl das sonore Dauer-Krächzen am anderen Ende der Leitung befürchten lässt, das Gespräch könnte von einem Moment auf den anderen vorbei sein, redet der Gitarrist der Rolling Stones immer weiter, er spricht über Politik und über politisch Unkorrektes. Das Kuriose daran ist, dass diese geschundene Stimme in ihrer Brüchigkeit die ganze Zeit über konstant bleibt. Es ist die Stimme seines Lebens, gegerbt von einem exzessiven Lifestyle, den er in seiner Autobiografie in vielen Details beschrieben hat.
Mr. Richards, sind Sie ein politischer Mensch?
Am 18. Dezember 1943 im englischen Dartford geboren, hatte am 12. Juli 1962 seinen ersten Auftritt mit den Rolling Stones im Londoner Marquee Club.
Die 50-jährige Band-Geschichte will er mit seinen Kollegen Mick Jagger, Charlie Watts und Ron Wood im kommenden Jahr feiern – in welcher Form, das steht im Moment noch nicht fest.
Kürzlich ist das Rolling-Stones-Album „Some Girls“ (Universal) aus dem Jahr 1978 in neuer Abmischung und ergänzt um zwölf bisher unveröffentlichte Songs neu herausgebracht worden. Für alle Jäger und Sammler auch nicht uninteressant: Der Konzert-Mitschnitt „Rolling Stones – Some Girls Live in Texas 78“ als DVD und als Audio-CD (Edel).
Hey Mann, ich versuche eigentlich, mich aus der Politik rauszuhalten. Und die Politik sollte sich auch besser aus mir raushalten, so sehe ich das, ha ha ha.
Das scheint nicht immer zu klappen. Als Sie kürzlich in New York mit dem Norman-Mailer-Literaturpreis für Ihre Autobiografie „Life“ ausgezeichnet wurden, hielt ex-Präsident Bill Clinton die Laudatio…
Das war in der Tat ziemlich unglaublich. Zumal ich so eine abgedrehte Rede, wie er sie gehalten hat, über mich selbst kaum hätte schreiben können.
Clinton stichelte: Außer Kakerlaken sei Keith Richards vermutlich die einzige Lebensform, die einen Atomkrieg überleben würde. Konnten Sie darüber lachen?
Aber sicher doch. Ich kenne Präsident Clinton, ich nenne ihn übrigens Bill, schon seit Jahren. Außer zu ihm habe ich sonst keine großartigen Verbindungen in die Politik. Bill ist ein verdammt guter Typ. Er könnte in den Raum kommen und selbst wenn du nicht wüsstest, wer er ist, würdest du dich in seiner Gegenwart gut fühlen. Ich mag einfach seine Gesellschaft.
Hat er Sie mal ins Weiße Haus eingeladen?
Nein, nichts in der Art. Das erste Mal habe ich Bill und Hillary getroffen, als die Stones ein Konzert zum Schutz des Regenwalds im New Yorker Central Park gaben. Wir spielten ein paar Songs, danach sollte uns Präsident Clinton ablösen und eine Rede halten. Als ich die Bühne hinten über die Treppe verließ, stand er plötzlich da, er wartete auf mich – der Präsident der Vereinigten Staaten.
Was sagt man in solchen Momenten?
Ich rief ihm zu: „Hi Bill, ich hab die Menge schon mal für dich aufgewärmt.“ So haben wir uns kennen gelernt. Mit seinem Nach-Nachfolger hatte ich bislang nur Briefkontakt. Ich hatte Obama kurz nach seinem Wahlsieg einen Glückwunsch-Brief geschickt. Er hat mir sogar zurückgeschrieben und sich bedankt – sehr nett von ihm.
Ein anderer Regierungschef, Vaclav Havel, hatte die Rolling Stones 1990 sogar in seinen Amtssitz in Prag eingeladen. Sie wurden dort wie Staatsgäste empfangen. Wie kamen Sie sich da vor?
Was Sie alles an Geschichten ausgraben! Die Begegnung mit Havel war etwas ganz Besonderes für uns. Er war damals nach der samtenen Revolution in der Tschechoslowakei zum Staatschef gewählt worden. Aber er war ja kein gewöhnlicher Präsident. In den Jahren zuvor war er vor allem Regime-Kritiker, ein Schriftsteller und Musik-Liebhaber, ein Mann, der die Musik der Stones hörte, als das in seinem Land nicht ungefährlich war. In der damaligen Tschechoslowakei war unsere Musik ja verboten. Und dann saßen wir auf einmal mit ihm in der Prager Burg, der Residenz des Präsidenten. Natürlich war das politisch aufgeladen. Ich kann mich genau an die Schlagzeilen auf den tschechischen Zeitungen erinnern: „Die Panzer rollen raus, die Stones rollen rein“. Die Zeitungsausschnitte hängen bei mir zu Hause noch immer an meiner Wand. Havel ist ein liebenswerter, großartiger Mensch. Er ist jemand, der einen mit seiner warmherzigen, offenen Art sofort für sich einnimmt. Als wir dann in Prag spielten, haben wir die Stadt für ihn entflammt. Eine Sache habe ich bis heute nicht vergessen: In Havels Arbeitszimmer auf dem Hradschin-Berg stand ein Teleskop, mit dem er von dort aus auf seine frühere Gefängniszelle schauen konnte. Ich fand das sehr…seltsam. Wo ich jetzt wieder darüber rede - das ist eigentlich eine klasse Geschichte für einen Song.