Herr Strobel, die neue Version von Fritz Langs "Metropolis" ist das Ergebnis einer aufwändigen und in mancher Hinsicht überaus innovativen Rekonstruktionsarbeit. Einerseits liegt ihr eine vor zwei Jahren in Argentinien aufgetauchte 16-Millimeter-Kopie zugrunde, andererseits scheint Gottfried Huppertz´ Partitur ein ebenso wichtiges Rückgrat der Rekonstruktionsarbeit gewesen zu sein.
Genau: Denn die Partitur, das ist genau die Musik, die bei der Premiere im Januar 1927 gespielt wurde. Wir haben als überliefertes Material das Originalmanuskript, von dem leider die ersten 65 Seiten fehlen, das entspricht etwa den ersten elf Minuten des Films. Wir haben den kompletten gedruckten Klavierauszug, der auch alle Synchronpunkte des Originalmanuskripts enthält, manchmal ein bisschen versetzt, aber im Großen und Ganzen identisch. Und wir haben das Particell, ein kompositorisches Skizzenbuch, unter anderem mit Angaben zur Instrumentation. Das ist eine sehr wichtige Quelle, die einen Überblick über die gesamte Komposition vermittelt. Man sieht darin auch, dass Gottfried Huppertz nach der Zensur, die im November 1926 stattfand, bis zur Premiere die Musik noch einmal umgearbeitet hat.
Frank Strobel ist Künstlerischer Leiter der Europäischen Filmphilharmonie. Er wird das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin bei der Aufführung der wiederentdeckten neuen "Metropolis"-Fassung am 12. Februar in Berlin dirigieren. Bei der zeitgleichen Aufführung in Frankfurt spielt das Staatsorchester Braunschweig unter Helmut Imig.
"Metropolis" von Fritz Lang ist ein Mythos der Filmgeschichte, ein bildgewaltiges Opus über eine archetypische, vertikal geschichtete, tyrannische Industrie-Stadt. Der Film überforderte seine Zuschauer, kam in verkürzten Versionen erneut in die Kinos und war verschwunden, lange bevor er zum nationalen Mythos wurde. Alle heute existierenden Versionen sind nur Annäherungen, der bisher besten aus dem Jahr 2001 fehlte noch fast eine halbe Stunde.
Vor zwei Jahren tauchte in Buenos Aires die Kopie einer sehr frühen Version auf, die jetzt zur Grundlage einer erneuten Rekonstruktion wurde, bei der erstmals auch die Partitur der Filmmusik eine strukturierende Rolle spielte.
Die neue Fassung von "Metropolis" dürfte bis auf wenige Minuten mit der im Januar 1927 uraufgeführten Version identisch sein und wird zum 60. Geburtstag der Internationalen Filmfestspiele im Berliner Friedrichstadtpalast und in der Frankfurter Alten Oper mit einem live spielenden Orchester im Saal aufgeführt, wie es auch in den 1920er Jahren die Regel war. (fr)
"Zensur" bedeutet in diesem Falle was?
Das ist einigermaßen vergleichbar mit der Arbeit der Freiwilligen Selbstkontrolle. Der Film wurde einem Gremium vorgelegt, das nach der Sichtung eine Zensurkarte anfertigte, die wesentliche Angaben enthielt, nämlich die genaue Abfolge und den Wortlaut aller Zwischentitel, und zweitens die Meterzahl. Auch die Zensurkarte war also eine wichtige Quelle für eine Metropolis-Rekon-struktion. Sie zeigte uns, dass alle späteren Versionen kürzer gewesen sind als die Zensur-Version. Und wir reden da nicht von Minuten, sondern von einer halben Stunde.
Wie viele Versionen von "Metropolis" gab oder gibt es?
Der Film wurde nach der Premiere noch einmal umgeschnitten und kam dann in einer kürzeren Version in die deutschen Kinos. Und wir wissen, dass Export-Kopien hergestellt wurden, in denen praktisch für jedes Land noch einmal eine komplett andere Schnittfolge vorgenommen wurden. Manchmal wurde sogar der Plot verändert, Handlungsträger wurden herausgenommen, die Logik veränderte sich, wegen fehlender Anschlüsse musste umgeschnitten werden. Es muss Dutzende verschiedener Versionen gegeben haben, und alles, was wir von diesem Film bis vor zehn Jahren kannten, basierte auf Exportfassungen.
Die argentinische Fassung dagegen war sehr nahe an der Premierenfassung.
Die argentinische Kopie war offenbar keine Exportfassung, sondern muss praktisch von der Originalversion gezogen worden und schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt nach Argentinien gegangen sein. Sie ist völlig anders geschnitten als alle Exportfassungen. Leider war sie stark beansprucht und beschädigt. Es war keine Vorführkopie, sondern eine Art Sicherungskopie von einer völlig verschrammten Vorführkopie. Alle Beschädigungen waren als Kopie überliefert, was die Rekonstruktion enorm erschwert hat. Man kann so etwas eigentlich nur noch digital bearbeiten. Wir haben aus der digitalisierten Fassung, die alle diese Fehler enthielt, zunächst eine Arbeitsfassung hergestellt. Die Kopie selbst kam erst viel später, nach der Klärung komplizierter Fragen, nach Deutschland. Wir konnten dann eine sehr genaue Überspielung von Bild zu Bild herstellen. Und damit waren wir endlich einen großen Schritt weiter. Wenn ich das, was wir heute sehen können, mit dem vergleiche, was zu sehen war, als wir die argentinische Kopie zum ersten Mal anschauen konnten, staune ich immer noch. Ich hätte zu Anfang nie gedacht, dass wir so weit kommen würden.
Mit wie vielen Bildern pro Sekunde wurde der Film gespielt?
Meiner Meinung nach waren es 26, das würde am besten zu Huppertz´ Partitur passen.
Also 26 Bilder mal die Spieldauer des Films in Sekunden - das ergibt Hunderttausende von Einzelbildern, die eingescannt und eventuell restauriert oder rekonstruiert werden mussten. Wer bezahlt so eine Arbeit?
Auftraggeber war die Murnau-Stiftung, die natürlich ihrerseits gefördert wird. Die Kulturstiftung des Landes Hessen zum Beispiel hat sich sehr stark an dem Projekt beteiligt, ZDF und Arte haben sehr viel Geld dazu gegeben, die Stiftung Deutsche Kinemathek war beteiligt. Was die musikalische Seite anbelangt, gab es einen Förderer-Verbund aus Deutschlandradio Kultur und den schon genannten Förderern, und auch die Bundeskulturstiftung hat wesentlich dazu beigetragen.
So dass die Metropolis-Rekonstruktion also auch eine Folge der öffentlichen Kulturförderung in Deutschland ist. Es gibt wohl Länder, in denen so etwas nicht finanzierbar gewesen wäre.
Da bin ich sicher. Es ist natürlich auch so, dass man, wenn man schon länger mit dem Themenbereich Stummfilm befasst ist, auch einigermaßen weiß, mit welchen Förderern und Produzenten man zusammenarbeiten kann. Es gibt ein Netzwerk von Partnern, die schon langjährige Erfahrungen mit der Materie haben.
Zurück zum Film: Ist die lückenhafte Überlieferungs-Situation nicht erstaunlich, wenn man bedenkt, dass das alles gerade 80 Jahre her ist? Unsere Großeltern könnten diesen Film im Kino gesehen haben, wir müssen heute an seiner Rekonstruktion arbeiten wie Archäologen.