Frau Garanca, dürfen wir kurz aus einer Oper zitieren?
Ich bin gespannt.
Elina Garanca, geboren 1976 in Riga, studierte an der lettischen Musik- Akademie Gesang bei ihrer Mutter und bei Sergej Martinov, dann in den USA, Amsterdam und Wien. Bereits mit 21 hatte sie erste Engagements, sie sang unter anderem in Meiningen, Frankfurt und Wien.
Deutschland-Tournee: 23. März München, 25. März Frankfurt, Alte Oper. CD: "Belcanto". Deutsche Grammophon. www.klassikakzente.de
Also: "Stirb, Ungeheuer, durch unsere Macht!"
O Gott!
Denken Sie noch manchmal an jene fernen Zeiten, als Sie das gesungen haben? An das Südthüringische Theater Meiningen in der Saison 1999/2000?
Ja, schon. Und ich mache mir manchmal schon Gedanken, was gewesen wäre, hätte ich dieses Engagement in Meiningen nicht angenommen. Aber inzwischen muss ich mit einem leisen Lächeln an diese Zeit denken. Wie naiv kann man eigentlich Anfang zwanzig sein, wo andere Kinder kriegen, und den Opernbetrieb für etwas halten, wo es tolle Kostüme und schöne Perücken für die drei Damen gibt, wo man dann stattdessen auf die Realität des deutschen Regietheaters trifft. Für mich war diese "Zauberflöte"-Produktion ein Schock, aber er war so heilsam, dass mich heute fast nichts mehr erschrecken kann.
Aber Sie haben hoffentlich keine Angst vor dem deutschen Regietheater?
Nein. Es ist nur eine professionelle Erkenntnis. Ich treffe immer noch wahnsinnig tolle Leute wie Martin Kusej, Christof Loy oder auch Bartlett Sher, mit dem ich an der Metropolitan Opera New York Rossinis "Barbiere di Siviglia" gemacht habe. Das sind jene glücklichen Momente, wo der Traum von einem Theater, wie ich es mir wünsche, weiter existiert.
Fürchten Sie zuweilen, dass der Traum Ihnen abhanden kommt?
Ich gebe diesen Traum nicht auf, genau deswegen mache ich meinen Beruf. Aber manchmal ist die Realität schon anders als man sich das als junge Frau vorgestellt hat. Oder sagen wir es so: Manchmal kann diese Realität so sein.
War die Meininger Erfahrung des Agierens auf dem Boden des deutschen Stadttheaters hilfreich für Ihre Entwicklung?
Auf jeden Fall. Ich bin sicher, dass ein rasanter Aufstieg, nachdem ich meine Heimat Lettland verlassen hatte, mich kaputt gemacht hätte. Ich wäre mit dem Druck nicht zurecht gekommen. Genauso gut war es für mich, 2001 nur Finalistin beim BBC-Wettbewerb "Singer of the World" gewesen zu sein.
Sie sind glücklich, nicht gewonnen zu haben? Das müssen Sie mir erklären.
Ich bin darüber glücklich, weil es zum damaligen Zeitpunkt für mich alles andere als gut gewesen wäre, in die Maschinerie gedrängt zu werden. Noch heute fällt es mir manchmal nicht leicht, diesen Druck zu verspüren, ein Star zu sein. Ich mag diese Art der Last nicht besonders.
Wenn man nur die öffentliche Wahrnehmung als Maßstab nimmt, inklusive der wirksamen Marketingstrategien, dann ist es doch so, dass Sie neben Anna Netrebko die zur Zeit bekannteste Sängerin sind. Bedeutet das, dass Sie genau den Druck verspüren, den Sie nicht mögen?
Ich sehe das nicht so. Vergessen Sie bitte nicht Renée Fleming und Cecilia Bartoli oder auch Juan Diego Flórez.
Okay, dann sagen wir es so: Sie zählen aufmerksamkeitstechnisch zu den happy few.
Gut (lacht). Damit kann ich leben. Und eines will ich Ihnen sagen: In dem Moment, wo ich auf der Bühne stehe, ist es mir herzlich egal, wie bekannt oder nicht bekannt ich bin. Mein Herz bebt genau wie beim ersten Mal. Und auch die Vorbereitung ist die gleiche wie vor zehn Jahren. Ich studiere meine Rolle ein, ich höre mir Aufnahmen des Stückes an, ich gehe zu einem Pianisten und erarbeite die Partie mit ihm und danach mit dem Dirigenten, ja, und dann beginnen irgendwann die Bühnenproben. Der feine Unterschied: Manchmal muss ich einen Text im Flugzeug oder im Auto auswendig lernen, weil ich nicht zu Hause bin.
Das klingt sehr geradlinig.
Es ist einfach der Job. Aber ich gebe zu: Manchmal bin ich stur. Wenn ich zum Beispiel von einer Partie nicht überzeugt bin, singe ich sie nicht. Und das hat einen einfachen Grund: Am Ende werde ich bewertet und nicht das Theater, nicht die Plattenfirma. Also bin ich allein verantwortlich für das, was ich tue. Wenn ich spüre, dass eine Partie meine stimmlichen Möglichkeiten überschreitet, bremse ich sofort ab und versuche, die Mängel zu beheben. Wenn sie behoben sind, nehme ich die Rolle an. Vorher nicht.
So spricht die Tochter einer Musikerfamilie, die weiß, was möglich ist und was nicht. Ihre Mutter ist Sängerin und Gesangspädagogin. Liegt dieses Gespür für das Mögliche und Unmögliche darin begründet? Oder ist das Erfahrung?
Zunächst ist es die Grundlage meiner Erziehung. Ich habe gesehen, was es bedeutet, jeden Tag ganz normal zu arbeiten, mit der Musik und am Theater. Mein Vater ist Chordirigent, das bedeutet lange Probenzeiten. Ich kenne das. Auch vergesse ich nicht meine Prägung durch die Sowjetzeit. Da habe ich, um etwas zu essen zu haben, als Putzfrau gearbeitet, und ich fand das ganz normal. Ich weiß also den Erfolg zu schätzen. Meine Großmutter hat immer gesagt: Ein Stück Brot hat immer auch eine Rinde. Wenn man diese Einstellung zum Leben hat, dann fällt vieles leichter. Oder man erträgt Schwierigkeiten leichter.
Im Oktober 2007 haben Sie in Ihrer Heimatstadt Riga die Carmen gesungen. War es ein Grenzfall? Oder waren Sie sicher?
Ich hatte 2005 ein Angebot, in Graz die Carmen mit Nikolaus Harnoncourt zu machen. Das habe ich abgelehnt. Ich liebe Harnoncourt, und ich fühlte mich noch nicht bereit, die Partie mit ihm zu machen.