kalaydo.de Anzeigen

Interview mit Hans Neuenfels: "Ich bleibe auf jeden Fall neugierig"

Ein Gespräch mit Hans Neuenfels, einem Altmeister der Opernregie, über Ausgrabungen und Produktionsstätten und über seine nächste Opernpremiere: "Medea" in München.

Der Opernregisseur Hans Neuenfels.
Der Opernregisseur Hans Neuenfels.
Foto: ddp

Herr Neuenfels, Sie befinden sich in den letzten Vorbereitungen für die nächste Opernpremiere im Münchner Nationatheater: "Medea". Ein Lieblingssujet? Und Simon Mayr einer Ihrer bevorzugten Opernkomponisten?

Ja, sicher gehört Medea für mich zu den wichtigen Stoffen. Mit den Medea-Tragödien von Euripides und Grillparzer habe ich mich intensiv beschäftigt. Ich liebe Pasolinis Medea-Film mit Maria Callas und kann mich an viele Einstellungen genau erinnern. Simon Mayr ist mir dagegen erst jetzt nah gerückt. Ich muss schon sagen, dass ich ihm und seiner "Medea" großen Respekt entgegenbringe. Das ist eine sehr ernste, durchdringende Stoffbearbeitung.

Zur Person

Hans Neuenfels, in seiner Jugend Sekretär des Malers Max Ernst, war bereits ein namhafter Schauspielregisseur, als er 1973 mit seiner ersten Opernarbeit, dem "Troubadour" von Verdi in Nürnberg hervortrat.

Seine spezifische Theatersprache entfaltete Neuenfels (69) bereits bei diesem Debüt: Zwischen den Zeilen des Textes und der Musik spürte er Ambivalenzen und überraschend hyperrealistische Korrespondenzen auf. Neu und aufregend sah Neuenfels, der ein hervorragender Kenner der Operngeschichte bis in ihre entlegeneren Bezirke und selbst Autor mehrerer Libretti ist, bekannte und unbekannte Werke des Repertoires.

In diesem Sommer ist Hans Neuenfels mit zwei attraktiven Musiktheater-Projekten präsent. An der Münchner Staatsoper hat am kommenden Montag, 7. Juni, Simon Mayrs heute kaum noch bekannte "Medea" Premiere, bei der er Regie führt. Und am 25. Juli inszeniert Neuenfels zur Eröffnung der Bayreuther Festspiele als einzige diesjährige Neuproduktion, Richard Wagners "Lohengrin". (fr)

Auf den Opernbühnen spielt Simon Mayr praktisch keine Rolle mehr. Hat die "Medea" mehr mit Händel und der Barocktradition zu tun oder ist das frühe Klassik?

Letzteres. Es ähnelt am ehesten Gluck. Und hat auch das Schnörkellose von dessen Tonsprache.

Aber Sie inszenieren das jetzt nicht als eine historische Oper?

Nein, aber vor allem möchte ich nicht den Anschein einer Ausgrabung erwecken, sondern die Unmittelbarkeit und Lebendigkeit dieser Annäherung zeigen. Das ist nicht leicht, aber es muss gelingen. Das hängt natürlich nicht zuletzt von den Personen auf der Bühne ab.

Wenn Sie die "Medea" hinter sich haben, geht es nach Bayreuth, wo Sie überhaupt zum ersten Mal erscheinen. Sie werden in diesem Sommer dort bei der einzigen Neuinszenierung, dem "Lohengrin", Regie führen.

Die Besprechungen dazu fanden noch mit Gudrun Wagner statt, der viel jüngeren verstorbenen Frau des alten Wolfgang Wagner, die sich um alles Konzeptionelle sehr, vielleicht zu sehr, kümmerte. Das war keine Legende, das war wirklich so. Von ihm kam da nicht mehr viel.

"Lohengrin" ist ein Stück, mit dem schon viel Regie-Schabernack getrieben wurde.

Für mich gibt es in dieser Oper einen zentralen Satz, und das ist dieses "Nie sollst du mich befragen", die Forderung Lohengrins an Elsa, ihm unbedingtes Vertrauen zu schenken, ohne nach seiner Identität zu forschen. Das ist eine paradoxe, eine geradezu absurde Forderung, denn je größer sie im Raum steht, desto unausweichlicher scheint für Elsa die Zwangsvorstellung, dass sie diese Frage stellen muss und diese Beziehung damit scheitert. Ein Hauptmotiv im "Lohengrin" ist das Wunder, also das Erscheinen des geheimnisvoll-unbekannten Gralsritters, der für Elsa, die ihn im Traum gesehen hat, zum Retter in höchster Not wird. Für mich liegt das Wunder in der Frage. Das Wunder wäre die Möglichkeit dieser Beziehung, wenn sie ohne Wenn und Aber gelänge, ohne dieses Hindriften zur katastrophalen erkennungsdienstlichen Frage.

Wir haben bisher nur von Lohengrin und Elsa gesprochen, aber es gibt ja noch das düstere Gegen-Paar, Telramund und die Intrigantin Ortrud, fast die interessanteste Figur des Ganzen.

Das sind die Gegenmächte, die den dramatischen Knoten schürzen, indem sie die Schwachstelle der Beziehung Elsa/Lohengrin erkennen und darauf hinarbeiten, dass die fatale Frage schließlich doch gestellt wird.

Der gestaltenreiche zweite Akt ist, nach dem unumwegigen, griffigen Eingangsakt, das Zentrum dieser erzromantischen Oper, der letzte scheint mir wieder etwas abzufallen. Werner Herzog gab ihm im vorletzten Bayreuther "Lohengrin" einen speziellen Kick, indem er ihn in einer arktischen Landschaft gleichsam einfror.

Ich sehe gerade den dritten Akt als Konklusion und Höhepunkt, in dem sich die zuvor langsam und zielstrebig aufgebaute Spannung entlädt. Da passiert also noch eine ganze Menge auf der Bühne.

Viele Bayreuth-Debütanten gaben sich mehr oder weniger ängstlich. Haben Sie auch Bammel vor Bayreuth?

Nein. Nicht, weil ich mich alt oder abgebrüht fühlen würde. Aber ich habe keine übertriebene Ehrfurcht vor gerade diesem Parkett. Das ist für mich kein Heiligtum, sondern ein ganz normaler, wenn auch herausgehobener und spezialisierter Produktionsort.

Es gab immer wieder Künstler, die die Bayreuther Arbeitsbedingungen besonders schätzten und sich dort wohlfühlten.

Ich kann noch nicht sagen, ob das bei mir auch so sein wird. Skeptisch bin ich, weil die Probenzeiten angesichts der groß dimensionierten, komplizierten Stücke viel zu knapp bemessen sind. Da wird sich in Zukunft einiges ändern müssen. Sie konnten es an der komplexen, geradezu überladenen "Parsifal"-Inszenierung von Stefan Herheim sehen, sie war zu groß für den Anlass, die Akteure wirkten austauschbar, weil die Inszenierung nicht konsequent genug aus den Darstellern heraus und mit ihnen zusammen entwickelt werden konnten. Die Sänger sind ja immer viel zu kurz in Bayreuth anwesend.

Sie arbeiten seit Ihrem "Troubadour" von 1974 jetzt 36 Jahre im Musiktheater. Dank Neuenfels sieht man heute manche Oper anders als früher. Was waren im Rückblick Schwer- und Höhepunkte Ihrer Operntätigkeit?

Natürlich "Aida" mit Michael Gielen in Frankfurt. Das wurde ja auch überall als spektakulär wahrgenommen. Von meinen Stuttgarter Sachen die "Entführung aus dem Serail" mit den verdoppelten Figuren. Von den neuen Arbeiten Othmar Schoecks "Penthesilea" in Basel, was 2011 mit anderer Besetzung auch in Frankfurt kommen wird. Eine besonders schöne Erinnerung ist auch Busonis "Doktor Faust" aus der Frankfurter Gielen-Zeit.

Am Schluss mit einer unvergesslichen Opernszene, der Visualisierung einer Menschwerdung nach dem Goethewort "Stirb und werde". - Blick in die Zukunft: Was würden Sie gerne noch machen an Opern?

Ich habe besonders gut mit Wolfgang Rihm zusammengearbeitet. Eine Begegnung mit Hans Werner Henze würde mich sehr interessieren. Aribert Reimanns "Lear" habe ich mit Begeisterung inszeniert, auch da würde ich mich gerne mit mehr befassen. Überhaupt mit klassischer Moderne. Und, nicht zu vergessen, die jungen Komponisten! Ich bleibe auf jeden Fall neugierig.

Interview: Hans-Klaus Jungheinrich

Datum:  4 | 6 | 2010
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
TV

Gestern ferngesehen? Wir auch! Diskutieren Sie mit!

Meistgeklickt
Sieger: Der zehnjährige Marco gewinnt das Finale von DSDS Kids. Moderator Daniel Assmann (l.) und DSDS-Kandidat Thomas Pegram freuen sich.
DSDS Kids: Das Finale 
Das DFB-Bundesgericht mit dem Vorsitzenden Goetz Eilers hat entschieden: Das Relegationsspiel zwischen Fortuna Düsseldorf und Hertha BSC wird nicht wiederholt.
Kein Wiederholungsspiel zwischen Düsseldorf und Berlin 
 Mely Kiyak
Kolumne zum neuen Umweltminister 

Video