Was sich als ein grandioser Irrtum herausstellte.
Ja. Aber damit muss ich leben.
Das klingt nach Enttäuschung.
Nun ja. In Hamburg war ich eine kulturpolitische Entscheidung von Christina Weiss, der damaligen Kultursenatorin. Die hat mich, so lange sie im Amt war, massiv gestützt. Was, ohne unbescheiden klingen zu wollen, dazu geführt hat, dass man sich in Hamburg noch heute sehr positiv an diese Zeit erinnert. In Berlin hätte ich das Gleiche gerne auch erreicht. Zumal ich politisch gewollt war von denen, die damals den Einfluss und die Macht hatten. Aber ich bin nicht gestützt worden. Und das geht nicht.
Sie fordern bedingungslose Liebe?
Nein, das nicht. Es geht nicht um Liebe. Ich fordere nur eine bestimmte Geradlinigkeit. Wenn jemand zu mir sagt: Du sollst kommen, dann erwarte ich von ihm, dass er zu mir steht. Es geht in dieser Angelegenheit um Charakter. Ich kann gut nachhaltig arbeiten. Aber dafür muss man mir Zeit geben. Und nicht das Leben schwer machen - oder gar unmöglich.
Und was nun?
Ich habe mir fest vorgenommen, mich erst wieder auf etwas Neues einzulassen, wenn wieder jemand an mich herantritt, der es sehr ernst meint. Das wünsche ich mir: dass jemand es ernst meint.
Sind Sie den Verantwortungsträgern womöglich zu anstrengend, weil Sie gewissermaßen der Gegenentwurf zum Glamourtypus sind, nämlich ein Vertreter des Diskursiven in der Kunst?
Nein, das glaube ich nicht. Lassen Sie es mich so sagen: Ich nehme für mich in Anspruch, Musik in ihrer Botschaft ernst zu nehmen: eine Botschaft, die ich verteidigen will, weil sie mehr Essenz enthält, als man ihr zubilligt. Und ich finde, diesbezüglich findet eine Aushöhlung statt. Eine Aushöhlung des Inhalts, der Bedeutung, der Botschaft von Musik. Es geht im Konzertbetrieb immer mehr darum, dass die Musik glitzern soll, dass sie sauber und perfekt sein soll, und virtuos gespielt. Es sollte aber darum gehen, die Sinnhaftigkeit von Musik zu bewahren. Und dieses Ziel sehe ich in Gefahr.
Warum findet das, was Sie Aushöhlung nennen, statt? Wer macht das? Und ist das nicht vielleicht ein Synonym für eine Gesellschaft, die immer kulinarischer wird?
Ich würde nicht wagen, eine gesellschaftliche Analyse zu versuchen. Ich bin ja nur Musiker. Aber ich sehe, was dort passiert, in der Musik.
Gut: Wer aber sorgt in der Musik für die Aushöhlung?
Es ist ein Zusammenspiel aller Beteiligten.
Dann würden wir beide auch mitspielen.
(lacht) Das kann schon sein. Aber im Ernst: Es kann nicht sein, dass sich die Menschheit nur noch amüsieren will. Wenn wir beispielsweise eine Messe aufführen, dann sollten wir uns mit dem Glauben auseinandersetzen. Denn sonst wäre es nurmehr schöne Musik. Aber es ist doch weit mehr als das. Eine Messe hat eine klare Botschaft. Mit der muss man sich beschäftigen. Oder nehmen wir ein Requiem. Für mich ist das die existentiellste Form von Musik. Weil es den Tod behandelt, den Tod und die Erinnerung daran. Ich hätte in Berlin so gerne ein Programm gemacht mit Luigi Nonos "Canti di vita e amore" und dem Verdi-Requiem, denn ich glaube, dass man durch Konstellationen von Stücken etwas erreichen kann.
Sind Sie verbittert? Sauer?
Ganz ehrlich. Es war ein Traum für mich, nach Berlin zu gehen. Ich dachte, das ist genau die richtige Stadt für mich, um das zu machen, was mich interessiert: Programme. Und vielleicht habe ich deswegen nicht präzise auf die Situation vor Ort geschaut. Das werfe ich mir vor. (Pause) Ich bin einfach so wahnsinnig traurig darüber, dass das Land, das ich so liebe, und dass diese Stadt mich so wenig verteidigt haben.
Das Land, die Stadt: Wer ist das konkret?
Das sind diejenigen, die für die Rundfunk-Orchester und -Chöre GmbH Berlin (roc Berlin) Verantwortung tragen.
Aber den Grund für den Vertrauensbruch können Sie vielleicht nennen.
Ich denke, es ist Ignoranz. Das Nicht-Wissen um das, was ich tue.
Ist der Dirigent zunehmend ohne Macht?
Wissen Sie, die Möglichkeit der Macht hat mich an meinem Beruf nie wirklich gereizt. Das ist eher etwas, das mich schreckt. Macht hat ja nur wirklich Sinn, wenn man sie sinnvoll für eine Sache einsetzen kann. Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Dirigenten generell ohnehin überschätzt werden.
Warum?
Weil sie anscheinend wichtiger als die Musik geworden sind. Und das stimmt ja nicht. Ich selbst sehe mich als Vermittler.
Als eine Art Götterbote?
Wenn Sie wollen, ja. Und das seit nun zwanzig Jahren. Ich habe im Januar 1989 zum ersten Mal vor einem professionellen Symphonieorchester gestanden. Irgendjemand hat gesagt, man brauchte eben diese zwanzig Jahre, um herauszufinden, wie es geht.
Und: Wie geht es?
Darüber kann man nicht wirklich sprechen. Ich habe aber das Gefühl, Fortschritte zu machen. Es fängt, abseits von programmatischen Punkten, an, mich zu interessieren: Wie überträgt man das, was man hören will, auf die Musiker eines Orchesters. Das ist eine faszinierende Angelegenheit. Die aber nur funktioniert, wenn nichts erzwungen ist. Ich glaube, dass Musik nur frei gut klingen kann. Und das gelingt selten.
Interview: Jürgen Otten