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Musik

23. Oktober 2009

Interview mit Ingo Metzmacher: "Musik kann nur frei gut klingen"

"Ich kann gut nachhaltig arbeiten", sagt Ingo Metzmacher. "Aber dafür muss man mir Zeit geben." Foto: Mathias Bothor

Der Stardirigent Ingo Metzmacher im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau über sein neues Buch, die Aushöhlung der Botschaft von Musik und den geplatzten Traum von Berlin.

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Zur Person

Ingo Metzmacher, 1957 in Hannover geboren, war von 1997 bis 2005 Generaldirektor an der Hamburgischen Staatsoper Oper. Drei Spielzeiten lang war er Chefdirigent an der Nederlandse Opera in Amsterdam.

In Berlin ist er seit Herbst 2007 Chef-dirigent und Künstlerischer Leiter des Deutschen Symphonie-Orchesters . Er hat angekündigt, nach nur drei Spielzeiten zurücktreten zu wollen. In diesem Sommer hat er in Salzburg Nonos "Al gran sole" dirigiert und soeben erst Hanns Eislers "Deutsche Symphonie" interpretiert - nachdem er am 3. Oktober 2007 mit der Aufführung von Hans Pfitzners Kantate "Von deutscher Seele" für Furore sorgte.

Sein Buch "Vorhang auf! Oper entdecken und erleben" erschien gerade bei Rowohlt Berlin, 223 S., 16,90 Euro. (fr)

Gehen Sie gerne in den Wald?

Ja.

Dann sind Sie im Grunde Ihres Herzens ein typischer Deutscher. Der Wald, so schreiben Sie in Ihrem neuen Buch, sei "der Deutschen liebster Ort".

Das stimmt doch auch.

Nicht erst seit Ihrem thematischen Saisonprojekt "Von deutscher Seele" fällt auf, dass Sie eine Neigung zum Phänomen "Deutsch" haben. Mit dem Deutschen Symphonie-Orchester haben Sie in Berlin Hanns Eislers selten aufgeführte "Deutsche Sinfonie" interpretiert. Was ist so interessant an uns Deutschen?

Zunächst zur "Deutschen Sinfonie". Ich halte sie für ein wichtiges Stück. Vielleicht hätte ich es vor zwei Jahren am 3. Oktober dirigieren sollen, das wäre weniger kontrovers gewesen.

Stand das seinerzeit zur Diskussion?

Ich wollte an diesem besonderen Datum ein entsprechend besonderes Werk zur Diskussion stellen und etwas machen, was man nicht von mir erwartet. Die Symphonien von Karl Amadeus Hartmann wären eine Möglichkeit gewesen, ich hatte sie davor aber bereits oft aufgeführt. Auch die 9. Sinfonie von Hans Werner Henze wäre in Frage gekommen. Als ich mich dann aber entschloss, Pfitzners Kantate "Von deutscher Seele" zu spielen, haben alle geschrien.

Haben Sie erwartet, dass alle schreien? Haben Sie es vielleicht sogar einkalkuliert?

Nein. In der Form hatte ich das nicht erwartet. Zumal ich mich lange vorher mit dem israelischen Botschafter getroffen und ihn gefragt hatte, ob er womöglich Probleme damit hätte. Wenn dieser sehr kluge Mann gesagt hätte, dass er von einer Aufführung abrät, dann hätte ich das nicht gemacht. Ich wollte niemanden vor den Kopf stoßen.

Ist das nicht auch ein typisch deutsches Phänomen? Dass man Angst hat, ein Stück Musik könne fehl am Platze sein, obwohl man nachgewiesenermaßen politisch unverdächtig ist wie Sie?

Genau das ist der Punkt. Plötzlich war ich nicht mehr unverdächtig.

Können wir also als Deutsche nach wie vor nicht offen über das reden, was "deutsche Musik" ist?

Offensichtlich fällt es uns schwer.

Warum?

Vielleicht ist noch nicht genügend Zeit vergangen. Ich bleibe aber bei meiner Meinung, dass diese Kantate von Pfitzner ein großartiges Stück Musik ist.

Zurück zu Ihrem neuen Buch. Sie stellen darin eine Reihe von Opern vor und erzählen die Entstehungsgeschichte Ihrer Hamburger "Wozzeck"-Inszenierung. Wie sind Sie auf dieses Konzept gekommen?

Ich wollte immer ein Buch über Oper schreiben, das die Form einer Oper hat. "Wozzeck" hat eine sehr klare Form, die von der Musik bestimmt ist, nicht so sehr vom Drama. Zudem ist dieses Werk für mich untrennbar mit der Figur von Peter Konwitschny verbunden, dem Regisseur des Hamburger "Wozzeck". Von all unseren gemeinsamen Produktionen ist sie für mich seine beste Arbeit.

Das Buch mutet an wie ein sehnsüchtiger Blick. Aber wie ein sehnsüchtiger Blick zurück, nicht wie eine vorwärts gewandte Utopie. Gehuldigt wird darin der Magie einer Zusammenarbeit. Damit ist dem Ganzen die Vermutung eingeschrieben, das dies vielleicht nicht mehr so ist.

Im Zentrum des Buches steht die Faszination und das Erlebnis Oper. Die Zusammenarbeit mit Peter Konwitschny in Hamburg ist exemplarisch und außerordentlich gewesen und hatte etwas, das ich später weder in Amsterdam noch in Berlin gefunden habe. In Berlin hatte ich vor, mit Helmut Oehring im symphonischen Bereich eine vergleichbare Partnerschaft wie die mit Konwitschny zu entwickeln. Ich wollte mit diesem Komponisten jedes Jahr ein großes Sück machen. Sehr interessante Ideen haben sich da abgezeichnet. Kurzum: Sie haben leider Recht. In dem Buch ist Abschied drin.

Warum arbeiten Sie nicht mit Konwitschny in Leipzig weiter? Sie hätten doch zum Beispiel die Wiederaufnahme von Nonos "Al gran sole" Anfang Oktober dort dirigieren können.

Schöne Idee. Aber nicht realisierbar. Noch habe ich hier in Berlin Verpflichtungen. Auf der anderen Seite denke ich, dass man eine gemeinsame Arbeit, so geglückt sie auch gewesen sein mag, nicht einfach von einem an den anderen Ort verfrachten kann. In Hamburg war die Situation eine besondere: mit der Stadt, dem Publikum, der Geschichte der Oper.

Dennoch: Warum ist es für einen Dirigenten, der das Unbequem-Moderne und das Zeitgemäße - und eben nicht das Zeitgeistige - sucht, so schwer, einen gleichgesinnten Regisseur zu finden? Oder sind Sie so schwierig?

Nein. Ich habe auch in jüngster Zeit sehr gut mit Regisseuren zusammengearbeitet. Ich denke da an den "Tristan" in Zürich im letzten Dezember oder an "Al gran sole" in Salzburg in diesem Sommer. Ich bin nur zurzeit nicht in der Lage, will sagen: in der Position, das kontinuierlich zu machen.

In Amsterdam waren Sie es. Aber nach zwei Jahren haben Sie das Handtuch geworfen. Woran ist das "Projekt" gescheitert?

In Holland wurde es sehr bedauert, dass ich aufgehört habe. Ich habe mich damals für Berlin entschieden. Ich wollte mich ganz auf diese Sache konzentrieren. Was ich ja auch gemacht habe. Das ist der eine Grund. Der andere ist der, dass man in Holland an der Oper ein Generalmusikdirektor ohne Orchester ist. Sie sind zwar derjenige Dirigent, der am meisten dirigiert, aber Sie sind nicht wirklich der musikalische Chef. Der Chor hat seinen eigenen Leiter, übrigens ist er das einzige konstituierende Element der holländischen Oper. Die Orchester kommen aus Rotterdam, Den Haag, Amsterdam, vom Radio; insgesamt sind es fünf, sechs Orchester, die dort arbeiten, da kann man keine kontinuierliche Arbeit machen. In Berlin schienen mir die Bedingungen wesentlich besser zu sein.

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