Es gäbe sicherlich geeignetere Kandidaten für die Aufgabe, die sich Jamie Lidell da vorgenommen hat. Er ist kein Musiker, sondern studierter Mathematiker. Seine Haut hat nicht die Farbe, die dem Klischee entsprechend vonnöten wäre. Und vor allem sind seine Stimmbänder ruiniert. Trotzdem hat sich Jamie Lidell ein Ziel gesetzt: Den Soul aus seinem Jammertal zu befreien.
Das neueste Kapitel dieser Rettungsaktion trägt den Titel "Compass". Und mit diesem Album weist der englische Sänger, DJ und Produzent dem Genre einen Weg in die Zukunft. Eine Zukunft, die der Soul verspielt zu haben schien. Denn zwischen dem auf Hochglanz polierten, aber standardisierten R&B für die Pop-Charts und dem so sentimentalen wie retrospektiven Neo-Soul-Gewimmer von Amy Winehouse und ihren Kolleginnen schien lange kein Platz mehr für Innovationen.
Den Soul aus dieser Malaise zu befreien, das versucht der 36-jährige Lidell seit einigen Jahren. Dabei gelangen ihm bewegende Alben, die ihm zwar keinen großen kommerziellen Erfolg, aber doch eine solide Fanbasis beschert haben. Kultstatus hatte sich Lidell bereits zuvor gesichert. Mit dem in seiner Heimatstadt Brighton ansässigen Techno-Kollektiv Subhead und vor allem als eine Hälfte von Super_Collider, seinem Projekt mit dem Techno-Produzenten Cristian Vogel, operierte er Ende der 90er Jahre dort, wo die neuen digitalen Technologien bisher ungeahnte Klangräume eröffneten.
"Ein nostalgischer Pionier"
Kaum jemand erforschte diese Möglichkeiten so radikal wie Super_Collider mit bröckelnden Beats, ungehörten Klängen und einer radikalen Zerstörung von Songstrukturen. Am offensichtlichsten an den Konventionen aber kratzte Lidells Stimme, die die Grenzen des Singbaren auslotete. Das Artikulationsorgan des Menschen, so die Botschaft, ist nur ein Lautproduzent unter anderen, bestenfalls gleichberechtigt neben den Klängen der Maschinen. Dabei entwickelte Lidell nicht nur eine Technik, seinen Gesang live auf der Bühne zu samplen und in Rhythmus zu verwandeln, sondern ruinierte auch seine Stimmbänder.
Seitdem hat sich viel verändert: Der ungelernte Sänger pflegt seine Stimme und widmet sich mit dem Soul ausgerechnet jener Musikrichtung, die wie keine andere das menschliche Gefühl als Klangfarbe in den Mittelpunkt stellt. Wie zuvor schon auf "Multiply" (2005) und "Jim" (2008) gibt sich Lidell auch auf "Compass" nicht damit zufrieden, die Vorgaben aus den 60er und 70er Jahren, den goldenen Zeiten des Soul, zu rekapitulieren, sondern fusioniert diese mit den neuesten digitalen Erkenntnissen. Er ist, sagt er selbst, heute ein "ein nostalgischer Pionier".
Mal konterkariert er offensiv mit spartanischer Rhythmusarbeit die die Charts verstopfende Dutzendware, mal führt er mit synkopierten und fantasievollen, aus absurden Geräuschen zusammengestellten Tracks vor, was rhythmisch und atmosphärisch möglich ist, wenn man Soul nicht nur als Schmalztopf begreift. Mit dem liebevollen Blick eines Liebhabers auf eine alte Flamme schreitet Lidell vom schweißigen Funk bis zum ekstatischen Gospel das Spektrum ab, das der Soul bereit hält, unterstützt von alten Mitstreitern wie Gonzales, Feist und Beck. Neue Einflüsse garantieren Gäste von Grizzly Bear und Wilco, die ein wenig Folk und Americana einmontieren dürfen.
Vor allem hat Lidell gelernt, seine Stimme nicht nur zu schonen, sondern sie auch effektiv in den Dienst an der Sache zu stellen. Nahezu konservativ wirkt, gerade verglichen mit seiner früheren Vokalakrobatik, nun sein Gesang. Statt sich in den kunstgewerblichen Wettbewerb zu begeben, den die Soul-Diven mit höhenrauschhaften Koloraturkaskaden austragen, setzt er auf emotionalen Ausdruck und, nicht zuletzt, auf die Kraft der Innovation. Gälte es also, das Erbe eines gewissen Prince anzutreten, mit "Compass" hätte sich Jamie Lidell als Kandidat empfohlen.
Jamie Lidell: "Compass" (Warp/ Rough Trade).