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Jan Delay: Das cleverste Cleverle schlägt zu

Mit "Wir Kinder vom Bahnhof Soul" verfeinert Jan Delay den Soul-Funk-Entwurf von "Mercedes-Dance", fügt ihm aber keine neuen Ideen hinzu. Intelligente Tanzmusik für ein anspruchsvolles Publikum. ( mit Video)

Der schnieke Jan Delay.
Der schnieke Jan Delay.
Foto: Foto: dpa

Zuerst denkt man: Sparwitz. Noch einer. "Wir Kinder vom Bahnhof Soul" ist Jan Delays drittes Album. Und zum dritten Mal nach "Searching For The Jan Soul Rebels" und "Mercedes-Dance" ist der Titel ein mehr oder minder gelungenes Sprachspiel mit einem Produktnamen oder einer popkulturellen Referenz.

Aber Jan Phillip Eißfeldt wäre nicht der, der er ist, nämlich das aktuell cleverste Cleverle des deutschen Pops, steckte hinter dem Titel nicht mehr als nur ein mauer Scherz. Der Zug, der in den Bahnhof einfährt, ist eine der beliebtesten sexuell konnotierten Metaphern im klassischen Soul der Sechziger und Siebziger Jahre. "Soul Train" hieß auch die langlebigste Fernsehsendung mit schwarzer Musik in den USA.

Das Album

Jan Delay: "Wir Kinder vom Bahnhof Soul" (Buback)

Diese Traditionen verbindet Jan Delay, auch das signalisiert der im Albumtitel angelegte Verweis auf Christiane F. natürlich, nun wieder einmal mit den bundesdeutschen Realitäten. Dazu hat er zwar - wie schon auf "Mercedes-Dance" - schnittige Bläsersätze entworfen, während die Gitarren ein so filigranes wie zackiges Funk-Riff nach dem anderen raushauen. Aber diese doch sehr retrospektive Idee von Soul, die mit dem aktuellen Hochleistungs-R&B aus Amerika nicht viel zu tun hat, bricht er mit seinen Texten herunter ins Hier und Jetzt: Schon im ersten Song "Showgeschäft" nimmt er, nasal singend wie üblich, die vermeintliche Mediendemokratie Deutschland in die Mangel: "Ja, wer etwas hält auf sich in diesem Land/ Der geht nach Berlin und wird berühmter Praktikant."

Jan Delay: "Showgeschäft"

Kurz darauf, in "Abschlussball", zitiert er Falco, den, so will es ja manche Geschichtsschreibung, ersten Rapper deutscher Sprache. Dann, wieder einen Song weiter, in "Hoffnung" ist er sich nicht zu schade, sogar eine ausgelutschte Phrase wie "Wenn Du denkst, es geht nicht mehr, dann kommt von irgendwo…" wiederzuverwerten. Das alles hat aber vor allem eins: Schmiss. Das fährt ins Tanzbein. Das erinnert mal an Prince, dann an Michael Jackson unter Aufsicht von Quincy Jones, an die Bee Gees im "Saturday Night Fever", aber auch an die Commodores oder sogar Blood, Sweat and Tears.

Mit "Wir Kinder vom Bahnhof Soul" verfeinert und verfestigt Jan Delay den Soul-Funk-Entwurf von "Mercedes-Dance", fügt ihm aber ausdrücklich keine neuen Ideen hinzu. Zwar hört sich das Album eine Spur organischer an als der Vorgänger, weil Eißfeldt diesmal nicht mehr am Computer gearbeitet hat, sondern alle Stücke mit seiner Band Disko No.1 und analogem Equipment eingespielt hat. Aber die Idee bleibt grundsätzlich dieselbe: Intelligente Tanzmusik für ein anspruchsvolles Publikum, dem Kinderkirmestechno und Ballermann-Bummbumm tatsächlich noch peinlich sind.

Mit diesem Ansatz hat sich Jan Delay etabliert in einer Liga, in der hierzulande sonst nur Herbert Grönemeyer, Rammstein, Tokio Hotel, die Toten Hosen, die Ärzte und neuerdings vielleicht noch Peter Fox spielen. Dass er das geschafft hat, ist zwar erstaunlich angesichts der Tatsache, dass er weder allzu gut singen kann noch allzu gut aussieht. Erklärt sich aber wohl daraus, dass er so schlüssig wie kein anderer deutscher Musiker das reine Stilbewusstsein zur Lebenshaltung erklärt.

Diese, die größte Leistung von Jan Phillip Eißfeldt, ist dabei nicht so sehr eine musikalische. Es geht um Haltung. Und die muss, das hat er neben der eher undeutlichen Aussprache von seinem großen Vorbild Udo Lindenberg übernommen, nicht einmal allzu sehr von Inhalten getrübt werden. Zwar hat Eißfeldt in seiner Karriere stets mit bedeutungsschweren Symbolen gearbeitet, aber mehr als ein fröhliches Interesse, das in der Koketterie mündete, war das bisweilen kaum. So verfuhr er auf seinem ersten, noch Reggae-lastigen Solo-Album mit der RAF, später auf "Mercedes-Dance" dann mit Konsumkritik und deutscher Identität, so verfährt er heute in "Kommando Bauchladen" mit dem bösen Kapitalismus oder lässt in "Rave Against The Machine" mal wie nebenbei den Namen Ypsilanti fallen - vor allem aber doch, weil er sich so prima reimt auf "funky".

Noch ein Sprachspiel also. Und mehr sollte man auch nicht versuchen in diese Lieder hineinzudeuten. Großer Pop spielt traditionell mit Oberflächen und Jan Delay ist ein Meister ihrer Gestaltung. Souverän singt er unbekümmert von den schweren Themen, wie ein Teenager ein T-Shirt mit dem ikonografischen Che-Guevara-Kopf trägt: Sieht doch gut aus. Ist irgendwie links. Und die Lieder, die die "Kinder vom Bahnhof Soul" singen? Sind auch links, irgendwie. Aber vor allem: Klingen sie gut, sehr gut sogar.

Autor:  Thomas Winkler
Datum:  14 | 8 | 2009
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