Heutzutage sind Jazzmusiker aus Norwegen auf allen europäischen Bühnen zu hause. Als Manfred Eichers Münchner ECM-Label im Jahr 1971 die Platte "Afric Pepperbird" als damals siebte Veröffentlichung eines noch jungen Labels herausbrachte, richtete sich überrascht der Blick der Jazzgemeinde gen Norden. Eicher präsentierte ein junges Quartett um den Saxofonisten Jan Garbarek, das mit dem Bassisten Arild Andersen, dem Gitarristen Terje Rypdal und dem Schlagzeuger Jon Christensen aus heutiger Sicht ungemein prominent besetzt war. Fingerfertig bewegten sich die jungen Musiker zwischen Folk und Jazz, und ein Jahr später legte Garbarek mit Andersen und dem kantigen Schlagzeuger Edvard Vesala mit "Tryptikon" ein weiteres Glanzstück nach.
Den Saxofonisten, der da so virtuos über Folk-Melodien improvisierte, brachte Eicher mit immer neuen Musikern zusammen, Garbarek spielte mit Egberto Gismondi, Keith Jarrett oder dem Hilliard Quartett, und immer legten sich unverwechselbar seine elegischen, zuweilen auch aufgerauten Melodiebögen über die Stimmen seiner Begleiter. Ein eigener Ton, der auch nach vierzig Jahren in seinen besten Momenten noch fasziniert: heiser-suchend, gerne verhallt nutzt Garbarek im Wechsel Sopransaxofon und Tenor.
Vom kühlen Norden aus
Mit einem Selbstzitat beginnt der Norweger sein Konzert in der Frankfurter Alten Oper, über Brandungsrauschen aus der Retorte legen sich heisere Möwenschreie, die er seinem Saxofon entlockt. Im kühlen Norden beginnt eine weltmusikantische Reise, deren Zutaten verschiedener nicht sein könnten. Ernst und gemessen sitzt Reiner Brüninghaus am E-Piano, den Steinway nebenan ignoriert er weitgehend, seine romantisch Einwürfe allerdings sind oft stark überzuckert. Ein Stück weiter grundiert Yuri Daniel mit seinem E-Bass knochentrocken die suitenartig ineinander mündenden Kompositionen Garbareks. Weit entfernt von der subtilen Spielweise seines Vorgängers Eberhard Weber bringt der Brasilianer tatsächlich frischen Wind ins Ensemble, belebt die Musik des Quartetts mit seinem rockbetonten Spiel.
Wieder mit im Boot ist Trilok Gurtu. Er hat rings um sein Drum-Set eine glizzernd-bizzare Menagerie aus Schellen und Rasseln, Blechen und Glocken aufgebaut, ergänzt noch um Blecheimer und Tröten - er nutzt sie in einem fulminanten Solo für eine klangsinnliche Reise in seine indische Heimat. Trommelnd und singend steigert er sich in einen wahren Rausch, aus dem ihn erst Jan Garbarek erlöst, der mit einer schlichten Rohrflöte hinzukommt.
Zitat und Routine
Momente von solcher Intensität sind allerdings selten in dem zweistündigen Konzert des Quartetts, das mitunter doch sehr in Routine und Schönklang verharrt. Die musikalischen Zitate indes sind vielfältig, reichen vom Calypso über den Blues bis hin zu den schwermütigen Weisen aus Garbareks Heimat, ja zuweilen erinnert das sehr an die Musik des polyglotten Joe Zawinul und an die süffigen Kompositionen des Österreichers für Weather Report. Ein begeistertes Publikum feiert die vier mit viel Applaus.