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Jazz-Idiome: Drei Klavierwelten

Hans Lüdemann, Joachim Kühn und Michael Wollny - ist das Jazz? Vertraute Töne, deren Instrumente und Stimmungen sich unseren Hörgewohnheiten nie ganz fügen wollen. Von Hans-Jürgen Linke

Hans Lüdemann: Between the Keys - das virtuelle Klavier.
Hans Lüdemann: Between the Keys - das virtuelle Klavier.
Foto: Rism

Falsch. Die spontane Reaktion unseres Gehörs, das mit der temperierten Skala sozialisiert ist, will uns sagen, dass das so nicht klingen darf: Vierteltöne, die sich schräg in die vertrauten Intervalle schieben, mitten hinein.

Dem Pianisten Hans Lüdemann sind diese Töne vertraut aus seiner Zusammenarbeit mit afrikanischen Musikern, deren Instrumente und Stimmungen sich unseren Hörgewohnheiten nie ganz fügen wollen.

Hans Lüdemann:

Between the Keys - das virtuelle Klavier. Rism www.hansluedemann.de

Vertrieb: alive www.avi-music.de

Joachim Kühn, Michael Wollny:

Live at Schloss Elmau. (Piano Works IX), Act www.actmusic.com

Lüdemann, einer der interessantesten und originellsten Pianisten des deutschen Jazz, ist seit über einem Jahrzehnt experimentierfreudig unterwegs und hat jetzt, als erstaunliches Zwischenresultat seiner langen Zusammenarbeit mit afrikanischen Künstlern, jetzt ein Album herausgebracht, auf dem er eigene Kompositionen spielt, die für ein vierteltönig gestimmtes Klavier entstanden sind. Und weil es derzeit noch keine marktgängigen Viertelton-Klaviere gibt, verwendet er ein klanglich variables Klavier-Sampling mit den Klangeigenschaften eines Steinway-Flügels.

Die Mikrointervallik bleibt eine stets irritierende Eigenschaft dieser Musik; raffinierte westeuropäische Jazz-Idiome verbinden sich mit ebenso raffinierten afrikanischen Intonationen und rhythmischen Verzahnungen. Nichts klingt hier abgekupfert, alles ist äußerst eigenständig, ganz und gar eigen und beherrscht. Lüdemanns Tonsprache schöpft zwar aus bekannten und vertrauten Quellen, scheint dabei aber ihm allein zu gehören. Vielleicht ist es afroeuropäische Kunstmusik?

Barock und Romantik

Ähnlich exklusiv klingt, was die beiden improvisierenden Pianisten Joachim Kühn und Michael Wollny vorzustellen haben. Ende 2008 gaben sie ein gemeinsames Konzert in Schloss Elmau, das der Tonträgerproduzent Act mitgeschnitten hat und das jetzt als eindrucksvolles Begegnungs-Resultat auf CD vorliegt. Wollny hat über Kühn seine Diplomarbeit geschrieben, aber er erstarrt nicht in Ehrfurcht vor dem großen und nun doch schon etwas reiferen Jazzpianisten. Deutsch sind beide auf eine sehr eigensinnige und doch verwandte Art - Kühn lehnt sich seit je gern an Johann Sebastian Bach, Wollny ist eher der Romantik zugeneigt. Das gemeinsame Konzert zeigt, wie die beiden näher zueinander rücken und wie sehr beide dabei bereit sind, den Anderen zu hören und ihm Raum zu gewähren, ohne zurückzuweichen.

Man hört nicht nur die Vorsicht, man hört auch die Selbstgewissheit, ebenso wie die Freude am Material und an den wie selbstverständlich auftauchenden Gemeinsamkeiten. Beide verstehen und praktizieren improviserte Musik nachdrücklich im Kontext dessen, was man alteuropäisch "Fantasieren" nannte und was der Jazz nach einem Jahrhundert Pause in der deutschen Musik wiedererweckt hat. So, und nur so gesehen passt das Label "Jazz" doch immer noch für diese Musik.

Autor:  HANS-JÜRGEN LINKE
Datum:  23 | 6 | 2009
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