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Jazz im Palmengarten: 50 Jahre Geschmacksbildung

Das erste Konzert der Reihe "Jazz im Palmengarten" fand am 3. Juli 1959 statt. Sie hat in Frankfurt ein Publikum musikalisch gebildet, das zu ihrem Erhalt einen wichtigen Beitrag leistet. Von Hans-Jürgen Linke

Albert Mangelsdorff bei seinem letzten Auftritt bei Jazz im Palmengarten am 26. Juni 2003
Albert Mangelsdorff bei seinem letzten Auftritt bei Jazz im Palmengarten am 26. Juni 2003
Foto: Rolf Oeser/FR

Bei einer Distanz von 50 Jahren ist die 24-Stunden-Ungenauigkeit zu verschmerzen, mit der die Frankfurt Jazz Bigband am Donnerstag ihr Konzert gab zur Eröffnung der 50. Jazz-im-Palmengarten-Saison.

Das erste Konzert dieser Reihe fand am 3. Juli 1959 statt, es spielte das Albert-Mangelsdorff-Jazztet, und vermutlich hätten sich die Jazzinitiative, die die Konzertreihe inzwischen veranstaltet, und auch Werner Wunderlich, der sie seinerzeit zusammen mit dem damaligen Palmengartendirektor Fritz Encke ins Leben gerufen und 44 Jahre lang gestaltet hat, gefreut, wenn beispielsweise das Jazzensemble des Hessischen Rundfunks zum Jubiläum gespielt hätte. Denn dieses Ensemble ist, so weit das überhaupt noch möglich ist, besetzungsidentisch mit dem alten Jazztet.

Die Frankfurt Jazz Big Band ist gleichwohl kein schlechter Ersatz, denn sie repräsentiert etwas, was zu den Ergebnissen dieser ältesten Open-Air-Konzertreihe des Planeten zählt: die Frankfurter Musikerszene. Und die steckt voller Geschichte, voller verschiedener Bezüge und Richtungen und immer wieder Neuanfänge und Wiederanknüpfungen. Wilson de Oliveira, bis vor einigen Jahren noch bei der Bigband des Hessischen Rundfunks, bringt die Formation zusammen und tüftelt die hoch intelligenten und klangintensiven Arrangements aus, und er sorgt für eine ergebnisreiche Probenarbeit.

Gastsolist des Abends war der Bandoneonist Enrique Telleria, ein Vertreter des subtilen konzertanten Tango, und die Band changierte zwischen klassisch-metallischen Klangfarbgebungen mit dem charakteristischen Swing und fein gestrickten Übergängen und Verzahnungen zwischen dem fragilen Bandoneon-Klang und den dynamisch und klanglich ungemein variablen Bläsersounds.

Unbedingt hervorhebenswert ist dabei das filigrane, nie auftrumpfende und nie nur geradeaus marschierende Schlagzeugspiel Thomas Cremers, eines Frankfurter Garanten für Kontinuität in der Szene.

Was man auch hervorheben muss, ist die regionale kulturgeschichtliche Bedeutung dieser Konzertreihe, die immer so leichtlebig und picknickhaft-kulinarisch daherkommt und allein deswegen ein großes Publikum in den Palmengarten lockt. Der Jazz im Palmengarten hat, im Verein mit anderen Angeboten, in Frankfurt ein Publikum entstehen lassen und musikalisch gebildet, das zu der großen Kontinuität dieser Reihe seinen gewichtigen Beitrag leistet. Dass genau das geschehen möge, war vor 50 Jahren Werner Wunderlichs leitende Idee, und sie ist auf eine lebensfrohe Weise Wirklichkeit geworden.

Im Palmengarten ist das Frankfurter Publikum seit 50 Jahren international bedeutenden Jazzmusikern begegnet ebenso wie den stilbildenden Jazzmusikern der eigenen Stadt. Es hat das Hören gelernt und das Genießen. Während also am Donnerstag Kulturdezernent Felix Semmelroth in einer kleinen Eröffnungsrede das Jubiläum würdigt und Werner Wunderlich seine Anerkennung zollt, werden im tropisch betröpfelten Palmengarten gekühlte Weißweinflaschen entkorkt, wird etwas zu essen auf den Decken ausgebreitet, über die Reihen hinweg werden alte Bekannte gegrüßt, und beim Musikhören herrscht im Publikum eine entspannte Disziplin, wie man sie nur über einen längeren Zeitraum der Geschmacksbildung hinweg erwerben konnte.

Palmengarten Frankfurt: Am 16. Juli spielt das Trio Larry Coryell / Joey DeFrancesco/Alphonse Mouzon.

Autor:  HANS-JÜRGEN LINKE
Datum:  3 | 7 | 2009
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