Die Arroganz war unangebracht, gleichwohl unausrottbar: Obwohl Deutschland im 19. Jahrhundert eine überwiegend recht arme Gegend war, die periodisch nicht unbeträchtliche Teile ihrer Bevölkerung zum Auswandern nötigte, fühlte sich der durchschnittliche Deutsche schon zu Kaiserreichs-Zeiten dem "Neger" haushoch überlegen. Und musikalisch erst recht: Was war denn all diese "Negermusik" gegen Mozart, Beethoven und Brahms!
Die "Negermusik" aber war Tanzmusik und nahm Deutschland im Sturm. Das beweist der erste Band der vierteiligen Kompilation "Der Jazz in Deutschland", den die Musik-Historiker, -Jäger und -Sammler Horst Bergmeier und Rainer E. Lotz zusammengestellt haben. Der frühe Jazz, der vorm Ersten Weltkrieg noch gar nicht so hieß, wirkte auf das deutsche Publikum zugleich verunsichernd und aufreizend. Schon die erste Aufnahme auf der ersten CD, "Ohio" mit Wilhelm Iff´s Orchestra, zeigt zweierlei: Erstens war die Attraktivität dieser Musik beträchtlich und die Motivation, sie nachzuspielen, entsprechend stark; andererseits fehlte jegliches Verständnis für die spezifische Synkopierung dieser Tanzmusik. Deutsche Musiker fassten das Ganze eher als eine lässige Variante von Marschmusik auf, und Iffs Band spielt den alten Barndance, der ohnehin nur einen Hauch von afroamerikanischem Einfluss verriet, sehr geradeaus.
Der Jazz in Deutschland, herausgegeben von Horst Bergmeier und Rainer E. Lotz, vier Bände mit je drei CDs und Booklet. Vol. 1: Vom Cakewalk zum Jazz; Vol. 2 : Die Swing-Jahre; Vol. 3: Ein frischer Wind; Vol. 4: Vom Jazz in Deutschland zum deutschen Jazz. Band 39,90 Euro, alle vier Bände 139,60 Euro.
Das blieb für lange Zeit ein bestimmendes Merkmal des ansonsten ganz und gar epigonalen Jazz in Deutschland. Der transatlantische Austausch war noch nicht so rege wie heute, die Musiker auf den großen Passagierschiffen waren praktisch die einzigen, die Kontakte nach Amerika aufbauen und sich ein Hörbild davon machen konnten, wie diese Musik da drüben sich entwickelte. Das änderte sich, als die Tonträgerindustrie auf den Plan trat und sich auszubreiten begann; da war der Jazz von Anfang an dabei.
So zählen die Dokumente der frühen Berührung Deutschlands, das anfangs gar noch Kaiserreich war, mit dem Jazz zum musikalisch Skurrilsten, das in der vierteiligen Zwölf-CD-Edition "Der Jazz in Deutschland" zu finden ist. Die deutschen Musiker der zwanziger und frühen dreißiger Jahre zeigten sich schon recht gelehrig und originell. Künstler wie Theo Mackeben, Peter Kreuder und Friedrich Holländer traten auf den Plan, Berlin war eine Vergnügungsmetropole von internationalem Rang und brachte eine äußerst vitale Tanz- und Unterhaltungsmusik-Szene hervor, in der es zu vielen frühen Jazz-Annäherungen kam. Bis dann die Nationalsozialisten die "Negermusik" aus der Öffentlichkeit verbannten und eine eigentümlich halb-abgeschottete Musik-Provinz schufen.Man muss nicht die komplette komplizierte Geschichte des Jazz in Deutschland nacherzählen, um die großartige Arbeit, die Bergmeier und Lotz vorgelegt haben, zu würdigen. Sie unterteilen die nun bald 120 Jahre Jazz in vier Phasen. Die musikalisch skurrilste fällt, wie gesagt, in die Zeit vor und nach dem Ersten Weltkrieg; die zweite Phase scheint aus einem verzweifelten und allenfalls bauernschlauen Epigonentum zu bestehen (dessen soziale und politische Kehrseite mörderisch war); die dritte dokumentiert einen emphatischen (und wieder epigonenhaften) Aufbruch und ein eiliges Anknüpfen an längst stattgehabte Entwicklungen.
Die vierte zeichnet eine vor diesem Hintergrund besonders eindrucksvolle Emanzipationsbewegung nach. Sie beginnt mit dem frühen Gunter Hampel Quartett und den anderen Heldenfiguren des freien deutschen Jazz, vergisst nicht den gewichtigen Beitrag aus der DDR und endet mit einem pointierten Überblick über die ersten Jahre des neuen Jahrtausends.
Bergmeier und Lotz haben die Geschichte des Jazz in Deutschland mit seriöser enzyklopädischer Intention nachgezeichnet. Das aber bedeutet, dass die unvermeidliche Lücke ein stetes Ärgernis sein muss. Die Booklets der vier Bände à drei CDs wirken dem Ärgernis entgegen, indem sie einen klaren Epochen-Überblick liefern und zu jeder Aufnahme präzise Informationen und eine nachvollziehbare Einschätzung, warum diese Aufnahme für die Sammlung bedeutsam ist. Das ist bei 229 Einzelstücken eine Menge Material zur Jazzgeschichte. Allein diese überaus kundig aufgehäufte Menge ist ein schlagendes Argument für die Kompilation. Dass die knappe Materiallage für die ersten Bände die Auswahl mit diktiert hat, kann kein Einwand gegen die Konzeption sein, ebenso wenig die mit der Aktualität unvermeidlich zunehmende Beliebigkeit der Auswahl. Die kommt vor allem im letzten Band zum Tragen und hängt mit der Unübersichtlichkeit der Gegenwart für jeden Historiker und die meisten anderen Zeitgenossen zusammen.
Es ist, mit anderen Worten, völlig gleichgültig, was in diesem Werk fehlt. Entscheidend ist, was darin enthalten ist. Und das ist so viel seriöses Material, soviel historisch und skurril Gewordenes und dazu jazzhistorisch zugespitztes Hörvergnügen wie es bis dato noch nirgends zu finden war.