Natürlich ließ es sich Joachim Sartorius nicht nehmen, seinen scheidenden Jazzfestchef Nils Landgren selbst mit einem Blumenstrauß zu verabschieden. Natürlich dürfte der warme Applaus dabei zum Teil Sartorius selber gegolten haben: Auch er legt nach elf Jahren sein Amt als Chef der Jazzfest-veranstaltenden Berliner Festspiele nieder. Natürlich ließ es sich dann wiederum Nils Landgren nicht nehmen, zum Abschied noch in seine rote Posaune zu blasen und den Auftritt der NDR-Bigband zu begleiten. Bevor er 2001 erstmals das Jazzfest kuratierte - damals nur für ein Jahr, danach dann von 2008 bis 2011 -, war Landgren Mitglied dieses Orchesters.
Vielleicht könnte man eine gewisse Familiarität und Leutseligkeit als den persönlichen Touch der Landgren’schen Regentschaft beim Jazzfest verstehen. Seine ebenso offene wie unerschrocken populäre Politik überzeugte zwar nicht immer die strengen Jazzfans, aber holte offensiv das Publikum ins Festspielhaus. Auch diesmal waren die meisten Konzerte wieder ausverkauft, und wieder erwies sich die Seitenbühne, die Landgren vor ein paar Jahren eingerichtet hatte, als spannender Spielplatz für allerlei grenzgängerische junge Leute zwischen dröhnendem Tuba-Triphop und zischelndem Breakbeat-Bop.
Väter des Free Jazz fehlten
Ihre, wenn man will, Väter und Großväter aus dem Free Jazz, denen Landgren in den letzten Jahren immer mal wieder ein wenig Platz auf der Hauptbühne gegeben hatte, fehlten dagegen ganz. Auch weil der diesjährige Träger des deutschen Jazzpreises, Peter Brötzmann, die üblicherweise zum Jazzfest überreichte Trophäe aus Termingründen vorher abholen musste. So fiel der Verlust des Total Music Meetings umso mehr auf, das jahrzehntelang parallel zum Jazzfest stattfand und bis 2009, bis zur Streichung der letzten öffentlichen Gelder, die Möglichkeit geboten hatte, sich den heiligen Spinnern, grandiosen Lärmern und rücksichtslosen Experimentellen der Improv-Musik vom Jazzmainstream zu erholen.
Auch bei diesem Jazzfest gab es durchaus Momente, in denen man wünschte, der Brötzmann möge mit seiner Axt mal in die elegante Zeitlosigkeit und virtuose Unterhaltung hineinfahren. Zum Beispiel am Donnerstag beim Auftritt des polnischen Jazz-Popstars Leszek Mozdzers. Eingebettet in die - sehr anregende - harmolodisch aufgeladene Modalität Adam Pieronczyks und die - ausnehmend souveränen - elegischen Regenlandschaften Tomasz Stankos war sein sprudelnd perlender Reigen des Besinnlichen eindeutig zu viel. Umstreiten könnte man auch die Entscheidung, am Tag darauf gleich noch den zweifellos könnerhaften Akkordeonisten Richard Galliano mit einer Würdigung des Fellini-Komponisten Nino Rota zu besetzen. Richtig unerquicklich beendete schließlich Colin Towns bleiern belanglose junge Truppe von Weather-Report-Wiedergängern das Jazzfest im Festspielhaus.