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Jazzsaxophonist Marsalis: "Wir können für jeden etwas spielen"

Jazzsaxophonist Branford Marsalis spricht im Interview über Individualität und das Schwerste in der Musik. Ob Obama der afroamerikanischen Kultur mehr Aufmerksamkeit verschaffen wird, glaubt er auch zu wissen.

Branford Marsalis
Branford Marsalis
Foto: fr

Ihr neues Album heißt "Metamorphosen". Das klingt nach dunkler deutscher Klassik. Warum ein solcher Titel?

Das deutsche Wort bedeutet viel mehr als das englische "Metamorphosis". Amerikaner scheinen weniger philosophisch zu sein als Deutsche. "Metamorphosen" meint eben nicht nur das Naturwissenschaftliche: Schmetterlinge und all das. Sondern auch spirituelle Transformation, intellektuelles Erwachen. Goethe schreibt darüber, Nietzsche spricht davon, Strauss komponiert dazu.

Geht es auch um Entwicklungen innerhalb Ihrer Band? Das Branford Marsalis Quartet ist jetzt seit zehn Jahren in dieser Besetzung zusammen.

Wir sind bessere Musiker geworden! Eins der vielen Probleme der Jazz-Ausbildung ist: "Ein Instrument spielen" und "Musik machen" sind zwei ganz verschiedene Dinge. Oft höre ich Leute, die großartige Instrumentalisten sind, aber nicht sehr gute Musiker. Aber ich denke, im Branford Marsalis Quartet lernen wir langsam, richtig gute Musiker zu sein und dazu unsere Instrumente gut zu spielen.

Sie spielen auch Konzerte mit Sinfonieorchestern. Gehört das dazu, um ein besserer Musiker zu werden?

Klassische Musik macht einen besseren Saxophonisten aus mir. Im Jazz haben wir eine Menge Leute mit herausragender persönlicher Spieltechnik. Aber klassische Musik zu spielen, verlangt wirkliche Technik. Es ist, wie eine zweite Sprache zu lernen. Wenn ich klassisch spiele, dann verbiege ich keine Noten, da gibt es keinen "Growl", keine solchen Sachen. Ich glaube, das Beste dabei ist, dass die Leute, die die Stücke schrieben, mich nicht persönlich kennen. Also schert es sie nicht, wo meine Grenzen sind. Die schreiben ihr Stück. Und ich muss mir dann die Technik draufschaffen, um das zu spielen.

Geht es in Ihren "Metamorphosen" auch um eine Entwicklung des Jazz allgemein?

Ich weiß nicht, ob der Jazz sich verändert. Und wenn, dann haben diese Veränderungen die Musik nicht unbedingt besser gemacht. Heute sind die Jazzclubs voller Musiker, wo früher normale Leute waren. Als ich bei Art Blakey spielte, waren da Banker, Anwälte, Studenten und Jazzfans in den Clubs.

Warum hat sich das verändert?

Weil - das ist meine Meinung - normale Leute nicht wissen, wie schwer es ist, Coltranes "Giant Steps" zu spielen. Es ist ihnen auch egal, wie schwer "Giant Steps" ist. Also musst Du irgendwie mit den Leuten auf einer menschlichen Ebene kommunizieren. Und das ist das Schwerste in der Musik. Gefühl und Ausdruck durch ein Instrument zu schaffen, ohne die Hilfe von Worten.

Wer ist heute Ihr Publikum?

Jeder, der Musik mag! Alle kommen zu unseren Konzerten. Und weil wir so viel Musik draufhaben, können wir für jeden etwas spielen. Wenn da viele Ältere im Publikum sitzen, spielen wir eben einen Standard oder zwei. Wenn es jüngere Leute sind, spielen wir etwas Aggressiveres. Manchmal, als wir "A Love Supreme" gespielt haben, waren da so Rockertypen. Sie kamen zu den Konzerten und sagten: "Das war so intensiv, Mann, das war wie Rock"- und das ist genau der Punkt. Diese ganze "Love Supreme"-Erfahrung hat mir gezeigt, dass man durchaus Jazz so spielen kann, dass es auch Leute anspricht, die normalerweise nicht Jazzfans sind. Nur auf der Grundlage von Intensität. Das ist, was der Jazz der 40er, 50er und 60er Jahre immer hatte.

Aber geht es nicht gerade im Jazz darum, ständig Neues, Eigenes zu entwickeln?

Ich glaube nicht an diesen Mythos von der Individualität jedes einzelnen Musikers. Das hat schon viel Schaden im Jazz angerichtet. Als ob Charlie Parker, John Coltrane und Sonny Rollins eines Tages aus dem Schoß ihrer Mütter gefallen seien und die Musik einfach in den Knochen hatten. Und sie standen auf und nahmen ein Horn und all die tollen Sachen kamen da raus… Ich kann gar nicht sagen, wie viele Leute mich kritisiert haben, als ich in meinen Zwanzigern lernte so zu spielen wie Coleman Hawkins und Charlie Parker. Sie sagten: "Und Deine Individualität? Wann findest Du die?" Aber Benny Golson gab mir den besten Rat: Er sagte "Jeder große Jazzmusiker ist aufgewachsen, indem er von den Einflüssen anderer lernte", und er sagte auch "du kannst deinen eigenen Sound nicht finden. Du musst nur deine Hausaufgaben machen. Und dein Sound wird dich finden". Es war der beste Rat, den ich jemals bekam.

Sie haben einmal gesagt, ohne afroamerikanische Tradition könne es keinen echten Jazz geben. Glauben sie, Barack Obama verschafft der afroamerikanischen Kultur und Tradition mehr Aufmerksamkeit?

Nein. Weil Barack Obama nicht in der afro-amerikanischen Kultur aufgewachsen ist. Er wuchs in Hawaii auf. Es gibt keine Schwarzen in Hawaii. Seine Mutter kommt aus Kansas - es gibt nur sehr wenige Schwarze in Kansas. Doch die amerikanische Gesellschaft nennt dich eine "schwarze Person", auch wenn deine Haut nur braun ist. Aber ich glaube, jetzt kommen wir zu dem Punkt, wo Amerikaner zu sein mehr von deinen Idealen abhängt als von deiner Hautfarbe.

Ich spiele Golf mit einem weißen Zahnarzt in New York. Letztes Jahr erzählte er: "Weißt du, vor ein paar Jahren kam dieser neue Typ in den Club. Er ist ein Schwarzer. Und wir kannten ja dich. Also trafen wir uns, meine Frau traf seine Frau im Gym und wir gingen gemeinsam essen und ich begann zu denken: ‚Oh, mein Gott! Der ist ja genau wie wir! Der erzählt von seiner Familie, spricht über die Schule, die Arbeit…' Ich musste lächeln, als mein Freund das sagte, weil es mir klarer war als ihm, dass er immer von Schwarzen gedacht hatte, sie wären "anders" - auf der Grundlage der Nachrichten und des Fernsehprogramms, wo Schwarze einfach nicht über ihre Familien nachdenken, nicht zur Schule gehen wollen etc. Ja, shit! Es gibt schwarze Familien, die genau wie du selbst sind, seit hundert Jahren. Seit Schwarze überhaupt Familien haben dürfen.

Interview: Tobias Richtsteig

Datum:  14 | 5 | 2009
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