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Joel Gibb und die Hidden Cameras: Sprung in den Mainstream

Die Hidden Cameras sind mit "Origin:Orphan" keine andere Band geworden, aber doch eine gewandelte. Das Repertoire hat Joel Gibb erweitert um Balladen, Weltmusik-Rhythmen und Experimente mit Dance-Beats. ( mit Video)

Vorsicht: Versteckte Kameras!
Vorsicht: Versteckte Kameras!
Foto: Yan Lasalli

Gut, wenn man vier Jahre in Deutschland lebt, sollte irgendwann wohl irgendetwas hängen bleiben. Ein paar Happen Deutsch vielleicht, ein seltsame Vorliebe für Wurstwaren oder der Drang, seinen Müll zu trennen. Aber muss es denn ausgerechnet Richard Wagner sein?

Joel Gibb jedenfalls, schwule Ikone des Indie-Pop, lässt "Origin:Orphan", das neue Album seiner Band The Hidden Cameras, mit einem zweieinhalb Minuten andauernden Cis beginnen, das von atmosphärischem Rauschen umgeben ist und, so Gibb, von der Ouvertüre zu "Rheingold" inspiriert sein soll. Dieser Ton schwillt ganz vorsichtig an und wieder ab, aber hält stets seine Höhe, bis der Künstler selbst zu deklamieren beginnt und schließlich fordert: "Ratify the new".

Das Album

The Hidden Cameras: "Origin:Orphan" (Arts&Craft/ Alive)

Und zu bestätigen gibt es tatsächlich allerhand Neues. Die Hidden Cameras sind mit "Origin:Orphan" keine andere Band geworden, aber doch eine gewandelte. Auch auf diesem, ihrem - je nach Zählweise - vierten, fünften oder auch siebten Album finden sich wieder die federleichten Popsongs, mit denen das in Toronto gegründete Kollektiv bereits gewisse kommerzielle Erfolge verbuchen konnte und die sie bis in die Münchner Allianz-Arena führten. Dort spielten sie auf beim Abschiedsspiel von Mehmet Scholl, einem ihrer größten Fans. Die damals aufgeführte Show mit Federboas und halbnackten, aber dafür knackigen Tänzern ließ das Fußballpublikum sprachlos zurück, aber die Musik selbst war selbst in homophoben Kreisen stets anschlussfähig. Denn irgendwo zwischen Folkrock und dem Kunstlied entdeckt Gibb berückende Melodien, die von seiner Band mit mal spartanischen, mal orchestralen Mitteln unterlegt werden, die wahlweise erinnern an schlichte Straßenmusik oder an die um sich selbst kreisenden, wundervollen Kakophonien der kanadischen Kollegen von Arcade Fire.

"In the NA" vom Album Origin:Orphan, The Hidden Cameras

"Gay Folk Church Music" taufte Gibb diese Kreationen, aber problemlos einordnen ließ sich das Konstrukt nie. Und mit "Origin:Orphan" wird das wahrlich nicht einfacher. Die sich im bisweilen arg ungebrochenen Wohlklang ausdrückende Naivität der ersten Alben habe sich abgenützt, erklärte Gibb, und erweitert die musikalischen Ausdrucksmittel der Hidden Cameras um gefährlich zerbrechliche Balladen, Rhythmen aus dem Weltmusik-Bauchladen und Experimente mit Dance-Beats. Erstere spielen souverän an den Grenzen zum Kitsch, ohne allerdings abzustürzen. Letztere aber wirken in einem Fall ziemlich steif ("Do I Belong?") und im anderen, als hätte die Goombay Dance Band "The Lion Sleeps Tonight" in die Finger bekommen ("Underage"). Fast scheint es, als versuche Gibb den musikalischen Bogen zu schlagen zwischen Rufus Wainwright und den Scissor Sisters, den beiden schwulen Acts, die den Sprung in den Mainstream vollzogen haben.

Immerhin lassen sich die beiden Dance-Tracks deuten als Reminiszenz an die goldenen, also mit hemmungslosem schwulen Sex geschwängerten Zeiten der Disco-Kultur. Oder doch vielleicht eher als Zugeständnis an die neue Heimat. Denn Gibb lebt seit vier Jahren in Berlin, der europäischen Club-Metropole. Dort schreibt er seine Songs, die dann in Sessions in Toronto aufgenommen werden von einer Band, die er nach Bedarf oder eher zufällig zusammenstellt, und deren Mitgliederzahl beständig schwankt.

Denn für den 32-jährigen Gibb, der mittlerweile auch als bildender Künstler und neuerdings sogar als Schauspieler reüssiert, waren die Hidden Cameras schon immer "mehr als nur eine Band. Alle waren immer frei zu kommen und zu gehen wie sie wollten". Diese Freiheit hat nicht nur dafür gesorgt, dass musikalische Laien, schwule Aktivisten und professionelle Klassik-Musiker friedlich miteinander spielten. Sondern auch dazu geführt, dass eine ganz erstaunliche Anzahl von heutzutage angesagten Musikern sich erste Meriten in diesem kreativen Durchlauferhitzer verdienten, darunter Mitglieder von Bands wie Final Fantasy oder Do Make Say Think. Diese vielen verschiedenen Einflüsse hat die einzige festen Größe Gibb, der auch das graphische Erscheinungsbild des Projekts allein verantwortet, diesmal in mehr Richtungen als üblich kanalisiert.

Aber nicht nur musikalisch, auch textlich hat sich einiges getan bei den Hidden Cameras. Während Gibb früher sehr offenherzig dreckige Unterwäsche und die Annehmlichkeit einer Darmspülung, die Vorzüge von "Vaseline" oder - im mittlerweile legendären "Golden Streams" - die Freuden der Urophilie besang, gibt er sich nun überraschend jugendfrei, ja fast schon zugeknöpft. Die Texte der neuen Songs sind so kryptisch gehalten, dass niemand rot zu werden braucht, die schwule Subkultur aber zumindest zwischen den Zeilen lesen kann.

Eine Erleichterung ist es dann, dass wenigstens auf der Bühne alles beim alten ist. Na, fast jedenfalls: Die Gogo-Tänzer sind abgeschafft. Aber auch ohne sie erwartet den Konzertbesucher wieder ein Spektakel aus Kostümen, Choreografie und allgemeinem Chaos. Für "Origin:Orphan" plant Gibb sogar eine szenische Umsetzung und befindet sich deswegen in Verhandlungen mit dem Hebbel-Theater in Berlin. Solange es nicht Bayreuth ist.

Autor:  Thomas Winkler
Datum:  29 | 10 | 2009
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