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Johnny Cash: Das letzte Konzeptalbum

"American VI" kennt als Thema nur den Tod. Seine letzten vier Monate nach dem Ableben seiner Frau im Mai 2003 füllte Johnny Cash mit Singen. Rick Rubin ließ ein Aufnahmegerät laufen. Zum Glück. Von Thomas Winkler ( mit Video)

Johnny Cash: American VI: Ain´t No Grave (Mercury/ Universal)
Johnny Cash: "American VI: Ain´t No Grave" (Mercury/ Universal)
Foto: Universal

Eins wird versprochen, hoch und heilig: Die Leichenfledderei habe jetzt ein Ende. "American VI: Ain´t No Grave", das seien endgültig die letzten Aufnahmen des großen Toten. Von nun an dürfe endlich selbst Johnny Cash in Frieden ruhen. Da stellt sich die Frage: Ist das eine gute Nachricht oder eine schlechte? Werden wir ihn nicht vermissen, den gramgebeugten Bariton, der längst zum Bass geworden war? Die Zwischenrufe aus dem Grab, in das Cash vor nicht ganz sieben Jahre gelegt wurde? Und nicht zuletzt: Die Authentizität, die Verfall und Tod seinen Interpretationen verlieh, und die sie so einmalig machten inmitten eines kränkelnden, aber immer noch auf Hochglanz polierten Popgeschäfts?

Dieser Verfall ist auf der sechsten Folge der "American Recordings", mit denen Star-Produzent Rick Rubin einst Cash neu erfunden hatte, unüberhörbar. Rubin hatte aus dem abgehalfterten Country-Rebellen einen altersweisen Troubadour geformt, hatte zu Lebzeiten bereits zielsicher das Legendenhafte herausgearbeitet. Doch bereits auf "American IV: The Man Comes Around" (2002) und "American V: A Hundred Highways" (2006), die nach seinem Tod erschienen waren, hatte Cash´ Stimme zu bröckeln begonnen.

Das Album

Johnny Cash: "American VI: Ain’t No Grave" (Mercury/ Universal).

"American VI" erscheint punktgenau zum Geburtstag von Cash, der sich am 26. Februar zum 78. Mal gejährt hätte, und dokumentiert mit Aufnahmen aus den letzten Sessions die weitere Auflösung dieser einst so kraftvollen Stimme, deren böses Grummeln es ganz allein mit dem Country-Establishment aufnahm, indem es die rebellische Kraft des Rock´n´Roll in die Kuhhirtenmusik integrierte.

Johnny Cash: "Ain't No Grave", vom Album Amercan VI

Doch von dieser Kraft war nichts mehr geblieben, als Cash in den frühen neunziger Jahren unter Rubins Fittiche geriet. Der war bereits als Produzent der Beastie Boys, Red Hot Chili Peppers oder Danzig zu Ruhm gelangt. Mit Cash aber sollte er nicht nur sein eigenes, bereits recht breites musikalisches Spektrum noch einmal erweitern, sondern vor allem auch Cash einem neuen Publikum öffnen. Und das mit ganz einfachen Mitteln. Während noch spekuliert wurde, ob Rubin die legendäre Stimme mit HipHop-Beats unterlegen würde, hatte er längst ein paar Songs ausgesucht und ließ sie Cash in dessen Wohnzimmer einsingen, nur begleitet von seiner akustischer Gitarre. Es waren zeitlose Stücke, die Cash auf diesen ersten Ausgaben der "American Recordings" interpretierte, und Stücke jüngerer Songschreiber wie Leonard Cohen oder ganz junger wie Beck, die Cash unter Rubins Regie mühelos zum Klassiker knurrte.

In der Folge wurde Cash entdeckt von Menschen, die niemals zuvor Countrymusik gehört hatten. Sie ließen sich berühren von einem Mann, der trotz seines Alters eine erstaunliche Vitalität ausstrahlte und zeigte, wie man in Würde und doch im Geiste des Rock´n´Roll durchs Leben schreiten kann.

Doch nun, bei diesem allerletzten Auftritt, entwickelt diese Stimme angesichts des nahenden Endes eine andere, ebenso erstaunliche Kraft. So sehr sie bisweilen auch zittert, so sehr sie schwankt, spricht aus ihr doch vor allem eines: Die erstaunliche Ruhe eines Menschen, der nichts zu bereuen hat, der weiß, dass es Zeit ist zu gehen, aber auch weiß, dass er seine Zeit auf Erden gut genutzt hat. Es ist die Selbstgewissheit eines Menschen, der sich sicher ist, dass etwas von ihm bleiben wird. Denn das Grab, in das man ihn sperren könne, versichert Cash im Titelsong, dem Traditional "Ain´t No Grave", dieses Grab sei noch nicht erfunden. Und in "I Corinthians: 15:55", der einzigen Eigenkomposition des Albums, bezieht sich der überzeugte Christ Cash programmatisch auf eine Bibelstelle: "Der Tod ist verschlungen in den Sieg. Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg?"

Die übrigen Songs sind Coverversionen, aber sie alle kreisen um ein und dasselbe Thema. "Redemption Day", im Original von Sheryl Crow, handelt von der Pforte zum Himmel und den Weg dorthin, von der Erlösung, die dort wartet. In Kris Kristoffersons "For The Good Times" besingt Cash das Abschiednehmen, in "Satisfied Mind" die späte Zufriedenheit. Er bittet den Tod, seine Schulden nicht vor der Zeit einzufordern, fragt sich, wie es dort wohl aussehen wird im Jenseits, und stellt schließlich fest, dass alle Tränen getrocknet sind und die Schmerzen vorbei. Auch wenn die Songs von Tom Paxton, Ed McCurdy oder Queen Lili´uokalani stammen: Eigentlich ist "American VI" ein Konzeptalbum. Es kennt nur ein einziges Thema: den Tod.

Der ereilte Cash im September des Jahres 2003. Im Mai war June Carter gestorben, die Frau, mit der er vier Jahrzehnte lang eine nahezu symbiotische Beziehung hatte. Die nicht einmal vier Monate zwischen ihrem Tod und dem seinen füllte Johnny Cash mit Singen. Mit dem letzten Song von "American VI" verspricht er June, dass sie sich wieder sehen werden. Währenddessen hat Rick Rubin ein Aufnahmegerät laufen lassen. Was für ein Glück.

Autor:  Thomas Winkler
Datum:  25 | 2 | 2010
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