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Julia Fischer: Da atmet sie noch einmal tief

Julia Fischer spielt Bachs Sonaten und Partiten für Violine solo in Frankfurts Alter Oper mit inniger Konsequenz - findet Tim Borbauch.

Nichts. Kein Podest, kein Stuhl, nicht einmal ein Pult. In ihrer kahlen Leere wirkt die Bühne im Großen Saal der Alten Oper noch einmal gewaltiger. Und der Weg in die Bühnenmitte, ganz ungeschützt, um einige Schritte länger. Julia Fischer geht rasch, extrem konzentriert. Sie hat sich Großes vorgenommen, die Sonaten und Partiten für Violine solo von Johann Sebastian Bach, verteilt auf zwei Abende. Seit Wochen reist sie damit durch Europa, nicht überall, in München zum Beispiel, ging man das Wagnis ein, beide Abende zu buchen.

In Frankfurt ist das eine sichere Nummer. Seit Jahren ist Julia Fischer hier überaus präsent. Und wer die inzwischen 26-Jährige einmal gehört hat, der kommt wieder.

Auch Bach spielte sie schon einmal solo hier, vor Jahren, als die Alte Oper ihr ein erstes Interpretenporträt widmete. Es war die Sonate in a-moll, die sie damals noch geradezu übermütig anging. Schon in der Fuga verlor ihr Bogen Haar um Haar, das Allegro wurde dann zu einem Parforceritt, irrwitzig beschleunigt, immer auf Anschlag und natürlich trotzdem technisch vollkommen überlegen.

Seit je besteht Fischer auf der Interpretation als Momentaufnahme, und so ist es nur logisch, dass ihr Bach heute anders klingt. Er ist kaum mehr auf Sensationen aus, obschon ihre Spiellust noch immer da ist und sie immer wieder befeuert, das gesicherte Mittelfeld zu meiden und den Ton in Regionen zu führen, die heikel und gefährdet und gerade deshalb so atemberaubend sind.

Mehr denn je gilt das für die langsamen Sätze der Sonaten und Partiten. Die a-moll-Sonate spielt Fischer diesmal aus der Innensicht heraus, wie etwa die Fuge hier gleichsam aus der Stille erwächst, ist grandios zu hören. Und wie sich dann im Andante (oder ähnlich auch zum Ende der Sarabande der d-moll-Partita) die Musik aus der Zeit hebt, wie sie eine Schönheit entwickelt, die nicht von dieser Welt zu sein scheint, wie sie einer Wahrheit sehr nahe kommt, wie es selbst großer Musik nicht oft gelingt, dann fragt man sich, wo das noch hingehen kann mit diesem Jahrhunderttalent.

Vor allem, weil sie für all das keinen Druck ausüben, keine Schönheit ausstellen, kein Vibrato ausdehnen muss. Natürlich nimmt sie sich Freiheiten, immerhin zählt Glenn Gould zu ihren Säulenheiligen. Es ist aber vor allem Fischers innige Konsequenz, die ihr Spiel prägt und trägt.

Manchmal meint man der Musik förmlich anzuhören, wie viel sie Julia Fischer bedeutet. Die Allemande der d-moll-Partita etwa spielt sie ungewöhnlich zart, demütig fast, so wie man etwas Kostbares kaum wirklich anzufassen wagt. Vor der Chaconne, so etwas wie die Quintessenz von Bachs musikalischem Denken und von Fischer sicher nicht zufällig ganz an den Schluss gesetzt, atmet sie noch einmal tief. Ihr ist klar, was hier verhandelt wird, sie selbst nennt Bach den "Ursprung der Musik".

Und auch ihre Interpretation fasst alles Gehörte noch einmal zusammen, dynamisch sehr offen, mit inwendigem Pathos und höchster Konzentration. Ein ungewöhnlich langer Schlusston markiert auch Erleichterung, vermutlich weiß sie, wie gut sie war. Den Respekt des Publikums hat sie sich jedenfalls erarbeitet: Niemand klatscht, bis sie es zulässt.

Autor:  Tim Gorbauch
Datum:  19 | 3 | 2010
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