Als musikalisches "Gespräch unter Freunden" ist Kammermusik eigentlich eine Kunstart, die sich dem üblichen Konzertbetrieb entzieht. Der österreichische Ort Lockenhaus war ein solcher Treffpunkt, wo - dank des charismatischen Geigers Gidon Kremer - Musiker sich trafen, um das zu spielen, worauf sie Lust hatten. Publikum war zugelassen, aber die Hauptsache schien das angeregte Miteinander, der Austausch und das Ausprobieren von Lieblingsstücken - gerade auch eben erst komponierten.
An Lockenhaus muss man denken, wenn man Klaus Lauer als Impresario in Aktion sieht. Er hilft eigenhändig bei den Podiumsumbauten mit, ruft nach der Pause die im Kurpark oder auf der Terrasse Promenierenden wieder in den Saal. Früher programmierte er die Kammermusikabende in seinem Hotel Römerbad in Badenweiler, jetzt zeichnet er als künstlerischer Leiter des im letzten August-Drittel stattfindenden Festivals "AlpenKlassik" in Bad Reichenhall. Dort weht der Geist von Lockenhaus und Badenweiler weiter.
Klaus Lauer ist ein Kenner der Musik und mit vielen Musikern bekannt - Interpreten und Komponisten. Und er versteht es, sie auf eine im gewöhnlichen Musikgeschäft ungebräuchliche Art zu motivieren. Da werden Gelegenheiten geschaffen für das musikalische "Gespräch unter Freunden". Im vergangenen Jahr gestaltete Jörg Widmann, Komponist und Klarinettist, einen beträchtlichen Teil der Reichenhaller Tage. Diesmal war der Franzose Bruno Mantovani Composer in residence, und eine Gruppe ihm bestens vertrauter Musiker erschien zum Schwerpunkt "French Connection", zu dem Lauer eine stattliche Anzahl großer französischer Stücke arrangierte (die letzten Reichenhaller Tage dieses Sommers werden dann unter dem Motto "Bach umkreisend" stehen und auch zwei Orchesterkonzerte enthalten).
Der in Deutschland noch wenig aufgeführte Mantovani (um den sich auch der zwei Generationen ältere Pierre Boulez nachdrücklich kümmerte) war in Bad Reichenhall geradezu eine Entdeckung. Seine Stücke werden von oft relativ einfachen Vorstellungen bestimmt - konstruktiven, poetischen oder bildlichen. Ungeachtet eines nicht selten aggressiven Klangbilds sind sie sofort verständlich. In der Klavierpièce "Italienne" zum Beispiel wird das Fragment eines Rameau-Stücks zum Ausgangsmaterial. Zunächst denkt man an minimal music, doch dann gerät es immer explosiver und auf hexenhaft-unheimliche Weise virtuos. Die Kombination oder Konfrontation gegensätzlicher Bewegungsmuster bildet auch das Hauptelement von "Blue Girl With Red Wagon" für Streichquartett und Klavier (inspiriert vom Bild eines Chicagoer Genremalers, auf dem eine auf Freier wartende Prostituierte zu sehen ist): Die Musik beschreibt hier die zwei Gefühle (oder Zustände) des Wartens und der Bewegung oder des Stillstands und der Erregung. Mitunter erklärt Mantovani seine Arbeiten auch gleichsam anekdotisch, so etwa bei der Titelfindung "Appel d´Air" (für Flöte und Klavier"); hier wird den beiden Interpreten in knapper, sich strudelnd verdichtender Zeit soviel abverlangt, dass sie am Ende förmlich nach Luft schnappen.
Mit rund zehn Musikern (darunter dem Quatuor Danel, der Sopranistin Claron McFadden und dem Pianisten Jean-Efflam Bavouzet) hatte Klaus Lauer einen Pool beisammen, der vier Konzerte in variierter Besetzung bestreiten konnte, vom Klavier-Soloband, in dem Bavouzet ein gigantisches Programm absolvierte bis zum größeren Ensemble. Mit ihrer sehr schlanken, silbrigen Stimme sang Claron McFadden gewichtige Liedreihen von Duparc, Fauré und Debussy. Zu vernehmen waren auch wegen ihrer komplizierten Besetzung seltene Stücke wie das hinreißende "Chanson perpetuelle" von Ernest Chausson oder das von der Harfe dominierte Septett "Introduction et Allegro" von Ravel.
Anders als in Lockenhaus ist in Bad Reichenhall das Publikum nicht nur zugelassen, sondern essentiell beteiligt. Die "AlpenKlassik" ist im Begriff, sich unter der Regie von Lauer zu einem Musikforum zu entwickeln, das deutlich absticht vom üblichen Festspielgetriebe. Noch ist nicht ausgemacht, ob der Fundus der Lauer-Fans die wünschenswerte Ergänzung aus der Region. Ohne diese breitere Basis ließe sich Lauers Konzept auf die Dauer nicht durchsetzen. Einige standfeste Jahre müssten freilich konzediert werden. Im nächsten Sommer wird der Pianist Pierre-Laurent Aimard einer der Anziehungspunkte der "AlpenKlassik" sein.