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Musik

28. August 2012

Katharina Wagner: Einig seien die Stämme

Festspiel-Intendantin Katharina Wagner fühlt sich wohl im Chef-Sessel.  Foto: dpa

Festspielleiterin Katharina Wagner zieht im Interview für die diesjährigen Richard-Wagner-Festspiele eine positive Bilanz und spricht über die Vergangenheitsbewältigung.

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Frau Wagner, stimmen die Gerüchte, dass die Kartennachfrage nachgelassen hat?

Das kann man so pauschal nicht sagen. Wir haben vom Bund die Auflage bekommen, möglichst viele Karten in den Freiverkauf zu geben. Wir können daher manche Leute, die bislang ein Kontingent bekommen haben, etwa die Wagnerverbände, nicht mehr jährlich berücksichtigen. Einige haben dann gar nicht mehr bestellt. Die Wünsche sind außerdem abhängig von Wochentag und Stück: Ein Holländer am Mittwoch kann schlechter bestellt sein, als ein Tristan am Samstag. An der Umschichtung des Bestellverhaltens auf das mittlere Preissegment bemerkt man die wirtschaftliche Situation. Das obere ist dann nur noch dreifach und das mittlere auf einmal zwölffach überbucht.

Am 11. August wurde der „Parsifal“ aus Bayreuth in über hundert Kinos übertragen. War es ein Erfolg?

Aus der Hälfte der Kinos fehlen uns noch die Besucher-Zahlen. In München und Nürnberg war die Übertragung gleich ausverkauft, am Potsdamer Platz in Berlin war die Nachfrage sehr gut.

War das eine Art Pilotprojekt?

Auf jeden Fall geht im nächsten Jahr die Eröffnungspremiere der Festspiele mit dem „Fliegenden Holländer“ direkt ins Kino. Auch wieder mit Vorprogramm. Christian Thielemann hat schon zugesagt, dass er ein Interview gibt – das ist wunderbar.

Ist das der Ersatz für das Public Viewing?

Für Bayreuth war das Public Viewing toll – schon als Gemeinschaftserlebnis. Wenn die Stadt sagt, dass sie das wieder haben will, wäre es für uns eine Option. Aber es ist sehr teuer und ohne Sponsoren nicht zu machen. Vom Publikum im Kino haben wir aber ein sehr positives Feedback bekommen, daher wollen wir das auch fortsetzen.

Bringt das etwas ein?

Keine Unsummen, aber jeder, der Rechte daran hat, bekommt einen entsprechenden Anteil. Gut ist ja, dass alle, ob Chor, Solisten, Orchester oder das Regieteam, ambitioniert mitmachen. Eine Live-Ausstrahlung ist ja immer auch ein Risiko.

In dieser Saison sind Sie im Graben vor allem mit Christian Thielemann, Andris Nelsons und Philippe Jordan sehr gut aufgestellt – wie ist Ihre künstlerische Bilanz des laufenden Festspieljahrgangs?

Nach meinem Eindruck insgesamt sehr positiv, auch bei den Sängern. Bis jetzt ist keiner krank geworden – erstaunlich bei der Belastung. Auch durch die Neubesetzungen, nehmen Sie nur Torsten Kerl als Tannhäuser, sind wir künstlerisch auf einem sehr guten Niveau.

Zu Beginn der Festspiele hat Sie die Vergangenheit eingeholt, als der russische Holländer-Sänger Evgeni Nikitin wegen seiner Nazitattoos abreisen musste. War das die einzige Option?

Es war keine Frage der Option – wir haben ihn gefragt, wie wir nach seiner Ansicht mit der Situation umgehen sollen. Das hat ihn etwas unvermittelt getroffen, aber dann sagte er sehr deutlich und gleich, dass er in Bayreuth nicht auftreten kann.

Was sagen Sie denn zu den Reaktionen auf den Abgang Nikitins? Von „verfrühter Entscheidung“, bis „heuchlerisch“ war da ja vieles zu hören.

Sie meinen Nikolaus Bachler von der Bayerischen Staatsoper? Der kann damit umgehen, wie er meint. Meine Schwester und ich sind an der völligen Offenlegung der Festspiel-Vergangenheit interessiert. Immer zu sagen: „die Familie Wagner“ – das ist sehr undifferenziert. Gerade Nike und dem Stamm Wieland kann man so einen Vorwurf nicht machen. Eva und mir auch nicht.

Manch einer unterstellt Ihnen ja auch, Sie würden die Aufarbeitung verzögern oder die Falschen damit beauftragt haben.

Wolfram Pyta ist ein anerkannter Historiker und der Journalist Peter Siebenmorgen auch. Dass jeder Historiker streitbar ist, ist normal. Ich habe den beiden das Material gegeben, um festzustellen, ob es zum Thema Drittes Reich und Festspiele noch neue Erkenntnisse gibt. Dass da anscheinend nichts Neues, Spektakuläres zu finden ist und die Geschichte nicht neu geschrieben werden muss, hat Siebenmorgen im Nordbayerischen Kurier schon gesagt. Ich habe noch mal mit einem anderen Fachmann, den mir Nike auch empfohlen hat, Rücksprache genommen und ihm angeboten hineinzuschauen. Wie Pyta und Siebenmorgen riet er dazu, den Nachlass dem Bundesarchiv zu übergeben. Auf jeden Fall kommt der Nachlass an ein öffentliches Institut und wird somit zugänglich.

Und der ominöse Münchner Panzerschrank mit Winifreds Nachlass?

Es gibt Nachlässe, die allen vier Stämmen gehören, und es gibt den Nachlass von Winifred, der 1976 an ihre Enkelin Amélie Hohmann übergeben wurde. Der Wieland-Stamm hat seinen Nachlass an die Universität Salzburg gegeben, also eine öffentlich zugängliche Institution. Ich will das auch so machen. Amélie Hohmann hat sich bislang nicht geäußert, mit ihr gibt es Kontakte über einen Anwalt. Wir müssen uns als Erbengemeinschaft produktiv und vernünftig einigen, damit alles, was der Öffentlichkeit bislang noch nicht zugänglich ist, zugänglich gemacht wird.

Es hieß, Sie hätten gerade mal erlaubt, dass die Ausstellung vor dem Festspielhaus gezeigt werden darf, die Sache aber nur halbherzig mitgemacht…

Unsinn. Sie steht auf dem Gelände, das der Stadt gehört, da habe ich gar nichts zu erlauben. Inhaltlich finde ich die Ausstellung hervorragend, und wir sind auch froh, dass sie erst mal bis Oktober 2013 stehen bleibt und im direkten Kontakt zum Festspielhaus zu sehen ist.

Was ist mit dem Investitionsstau für das Festspielhaus?

Das Haus droht nicht zusammenzufallen, es ist nur alt. Sanierungsbedarf besteht dennoch, das kann man nicht schönreden und aus dem Haushalt auch nicht bezahlen. Einen Vorschlag für einen Finanzierungsplan müssen jedoch die Gesellschafter machen.

Und die angekündigten Probebühnen?

Das ist eine Frage des Geldes und des Standortes. Wir brauchen die Probebühne dringend, doch es soll auch keine Flickschusterei im Stadtbild werden.

Sie sind jetzt gemeinsam mit Ihrer Schwester seit 2008 im Amt, in manchen Redaktionen wird die alte Führungsdebatte neu belebt. Wie fühlen Sie sich in der Festspielleitung?

Das Arbeitsklima an der Spitze ist sehr gut. Letztlich wird man das, was Evas und meine Arbeit wirklich bewertbar macht, erst ab 2016 sehen. Es ist klar, dass der „Ring“ für 2013 zu spät besetzt wurde, das hätte schon geschehen sein müssen, bevor wir angetreten sind. Wobei wir mit Frank Castorf total glücklich sind, und das gilt auch für die Sänger. Nach meinem Tristan kommt 2016 Jonathan Meese mit dem neuen Parsifal, danach die Meistersinger…

Haben Sie Lust, über Ihren Vertrag hinaus weiterzumachen?

Ja klar, haben wir beide.

Das Gespräch führte Joachim Lange.

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