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Theater Bremen: Kinder, schafft Neues

Kay Kuntze inszeniert am Theater Bremen einen schlüssigen „Idomeneo“. Dieser Abend sagt uns, ohne ins Moralisch-Appellative zu verfallen: Lasst es endlich sein mit dem verheerenden Krieg. Die Aktualität der Botschaft ist evident.

Ist der Mensch in Not, wird er zu absurden Dingen getrieben. Gerne ruft er in schicksalhafter Zwangsverstrickung die Götter an oder verflucht sie. Beides ist, das hat die Geschichte mehr als einmal gezeigt, falsch, strebt der Homo sapiens nach einem selbst bestimmten Leben. Das Schlimmste aber geschieht, wenn er der außerirdischen Potenz zuliebe ein Gelübde ablegt, das andere Menschen in den Tod treibt.

Mozarts Dramma per musica „Idomeneo“, in mehrfacher Hinsicht ein Grenzfall im Oeuvre des Meisters, erzählt davon. Der Titelheld weiß sich, um dem um ihn herum tosenden Sturm zu entkommen, nicht anders zu helfen, als dem übermächtigen Neptun all seine Karten in die Hand zu geben. Das erste Wesen, das ihm am heimatlichen Gestade begegnet, will er opfern. Und warum? Um selbst am Leben zu bleiben.

Welche Eigensucht in diesem Entschluss liegt, zeigt die Inszenierung von Kay Kuntze am Theater Bremen in unerbittlicher gedanklicher Schärfe. Dieser Abend sagt uns, ohne ins Moralisch-Appellative zu verfallen: Lasst es endlich sein mit dem verheerenden Krieg, egal wie er motiviert ist. Es bringt doch nur weitere Tote. Die Aktualität der Botschaft ist evident.

Ein wahrer Krieger

Und sie wird deutlich formuliert. Dieser Idomeneo von Luis Olivares Sandoval, das ist auch vokal ein wahrer Krieger, der zwar ahnt, dass der hinter ihm stehende Neptun größer ist, der aber doch selbst nach Allmacht trachtet, weil er die Waffen bei sich weiß. Und der gerade, weil er sein martialisches System als das einzige begreift, übersieht, dass des Menschen Los ein anderes wäre, wenn er Vernunft und, mehr noch, Liebe walten ließe. Als der kretische König sein Desaster erkennt, ist es fast zu spät. Denn Mozart hat zum Glück von der Opera seria, die sein Zwitter „Idomeneo“ zur Hälfte etwa noch ist, das Prinzip des lieto fine übernommen.

Auch das Theater Bremen war nach den Eskapaden seines darob aus dem Amte entfernten Intendanten Hans-Joachim Frey ins Schlingern geraten, sogar von einem Aus sprach man an der Weser. Doch in Bremen trotzt man der finanziellen Schieflage mit dem Geist der technischen Innovation.

Das (anscheinend bezahlbare) Bühnenbild zum „Idomeneo“ stammt nämlich nicht von einem Meister des Handwerks, sondern wurde im Wesentlichen von Urbanscreen entwickelt, einer Vereinigung kreativer Computer-Designer, deren Anliegen es ist, die theatrale Mehrdimensionalität noch um eine Dimension zu erweitern.

Also flackert und zuckt und glüht es gewaltig in der weißen, karstig-kantigen Landschaft, die durch variable Konstellation wohl überlegt verschiedene Szenen und Seelenzustände der Protagonisten bebildert. Man könnte nun lange darüber sinnieren, ob es zwingend nötig ist, das, was Musik und die Szene erzählen, zu transzendieren. Einen Versuch aber ist es wert, weil es die Sehgewohnheiten ändert.

Ist etwa Idomeneo vom Tosen des Meeres und seines Innern gequält, dann sieht man buchstäblich, wie seine Nerven elektrisiert sind, wie stark er unter Spannung steht, kurz: wie sehr er seine Contenance verliert.

Ein sanfter, aber insistierender Mozart

Das ergibt auch Sinn, weil es dialektisch gedacht ist. Das Abstrakte schafft und bedingt das Konkrete, das Konkrete das Abstrakte. Der Abend macht sich dies szenisch wie musikalisch zunutze. Kreta ist hier kein definierter Ort. Es ist ein Ort irgendwo in der Welt, an dem Menschen aufeinander treffen, die verschiedene Ziele haben, diese aber nicht frei umsetzen können (herausragend: der Chor des Theater Bremen). Frei ist allein die Liebe. Aber sie ist an gesellschaftliche Zwänge gebunden. Nicht nur in Kreta.

Die Musik geht dagegen an. Markus Poschner dirigiert einen sanften, aber insistenten Mozart. Dort, wo die Geschichte den Protagonisten Hiebe setzt (und das tut sie ja fortwährend), setzt das Orchester sie gleichfalls. Aber eben nicht massiv, sondern gezielt. Eine famose Darbietung, auch deswegen, weil sie das Individuelle der Gefühle und Beziehungen erkennt. Und das Subtile daran. Die Sänger fühlen sich sichtlich wohl dabei. Sie müssen nicht forcieren, forciert ist schon ihr inneres Toben. Herausragend gelingt dies Nadja Stefanoff als Idamante und Nadine Lehner als Ilia. Beider Stimmen spiegeln das Verzweifelt-Gebrochene der Figur in einer Art und Weise, die zu Herzen und unter die Haut geht.

Ein bisschen buffa

Weil es schwer fällt, gegen diese Liebe anzusingen, ist es eine richtige Entscheidung, das Furienhafte der Elettra zu dämmen. Bei Patricia Andress ist die Figur eine Mischung aus draller femme fatale und durchgeknallter Gouvernante, mithin ein allzu menschliches Wesen, das eben nur in einer anderen Welt zu leben scheint.

Damit gelangt ein bisschen buffa in die seria. Was gut ist, weil das Scheitern des Menschen in und an der Welt nicht nur das Gepräge des Heroischen trägt. Es ist gleichsam seinsimmanent, es ist tragisch wie komödiantisch.

Deshalb ist auch der Schluss grandios. Weder Neptun noch ein Deux es machina lösen den verhärteten Knoten. Ein Kind ist es, das, während Idomeneo das einzige Richtige und tut und sich als Inkarnation des Ancien Régime den Degen in die Brust rammt, verzeiht und Neues möglich macht. Und gäbe es eine schönere Vorstellung als diese: Zu wissen, dass unsere Kinder endlich die Vernunft an den Tag legen, die wir nicht haben?

Theater Bremen: 2., 7., 9., 12. April.

Autor:  Jürgen Otten
Datum:  29 | 3 | 2011
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