Wer vor ein paar Semestern eingeschrieben war an der Bergener Architektur-Fakultät, konnte dort Vorlesungen von Eirik Bøe besuchen. Der Mann, den man besser kennt als eine Hälfte des Folkduos Kings Of Convenience, sprach zur Psychologie von Architektur. Es ging dabei um die Wirkung von Räumen auf Menschen, darum, was vier Wände mit unseren Gemütszuständen machen.
Und was hat das mit Musik zu tun? Mehr als man denkt. Die Songs, die Boe seit rund 15 Jahren zusammen mit Erlend Øye schreibt, klingen, als seien sie in privaten Sphären entstanden, in Räumen, zu denen nur die Wenigsten Zutritt haben. Mit Wohnzimmer-Atmosphäre hat man die minimalistischen Akustiksongs der Kings Of Convenience seit ihrer Gründung Ende der Neunziger assoziiert. Damals kurbelte der vertrauenstiftende Wohlklang der norwegischen Band eine schubhafte Rückkehr zum Guten und Einfachen an, auf der Suche nach größtmöglicher Klarheit.
Bis heute hält sich das Debütalbum von 2001 in den CD-Spielern der Gehetzten und Gestressten zwischen Oslo und Mexico City. Dessen Titel, "Quiet Is The New Loud", wurde zum Mantra einer ganzen Generation von Leisetretern. Nun liefern Øye und Bøe eine weitere Fortsetzung ihrer Reduktionskunst.
Immerhin fünf Jahre haben sie dafür gebraucht - eine Zeit, in der Eirik Bøe schon mal fürchtete, seinen kosmopoliten Songwriter-Partner gänzlich an dessen populäre Nebenband The Whitest Boy Alive zu verlieren. Vielleicht wirkt "Declaration Of Dependence" nun gerade deshalb wie ein selbstbewusstes Pochen auf das alte Selbstverständnis.
In dem fast ausschließlich aus Live-Takes bestehenden Album geben sich die Kings Of Convenience als computerskeptische Klangpuristen mit Faible für Songs ohne Action-Wert. Stattdessen fließt das Album im mittleren Pulsschlag - mit nur vereinzelt beschleunigten Momenten: Latin-Rhythmen wie in "Boat Behind" etwa scheinen an jene Zeit vor zwei Jahren zu erinnern, als das Duo erste neue Songs schrieb - im Sommerhaus von Freunden an einem Strand in Mexiko.
Ansonsten gleiten die Akustik-Leichtgewichte so grundharmonisch und unaufgeregt dahin wie man das von den Skandinaviern kennt. Deren beide samtigen Folktenöre scheint wieder nichts auseinander zu bringen. "Das mag alles easy klingen", erzählt Eirik Bøe, "aber in Wirklichkeit war es ein sehr schwieriger und langwieriger Prozess. Im Studio ging es darum, die Songs wirklich vollkommen zu spielen. Oft haben wir denselben Song fünf Mal hintereinander aufgenommen. Am nächsten Tag hörten wir uns das an und fanden: So richtig großartig war das nicht. Also haben wir ein anderes Studio ausprobiert, danach vielleicht ein weiteres. Und wenn es dann noch immer nicht gut war, haben wir unser portables Studio bei Erlend im Wohnzimmer aufgebaut."
Das muss man sich wohl vorstellen wie aus dem Prospekt von Manufaktum - alles handgedrechselt. In den Privaträumen des Mannes mit der inzwischen fast kultigen Kassengestell-Brille auf der blassen Nase reichten manchmal nichts weiter als zwei Mikrofone für den goldenen Take. Andere Songs verlangten nach mehr Größe. Eine Wirkung, die das Songwriter-Duo nicht durch das Kulminieren von Zutaten erzeugt, sondern eher durch das Gegenteil: den Raum frei zu halten und als solchen zu inszenieren.
Im schwelend dramatischen "My Ship Isn´t Pretty" etwa erinnert Eirik Bøe mit einem schleichenden Akustikbass im Rücken und zarter Akustikgitarre an einen einsamen Träumer inmitten einer hell ausgeleuchteten Halle. Ein Effekt, den die beiden im Studio erzeugt haben: "Wir haben viel Hall auf die Gitarren gelegt - so dass sie groß und voll klingen, als hätten wir sie in einer Kirche aufgenommen." Die subtile Inszenierung lässt auch Bøes milden Gesang sanft über den Dingen schweben. Leiser als die Kings Of Convenience hat es wohl noch keine Band verstanden, sich "größer als das Leben" zu inszenieren.
Kings Of Convenience: Declaration Of Dependence, Virgin/EMI.