kalaydo.de Anzeigen

Klassik-Neuheiten: Das Label der Entdeckungen

Ein Festtag für den CD-Rezensenten: Wenn die neue Lieferung von Georgsmarienhütte eintrifft mit rund 18 Klassik-Titeln. Selbst Kenner entdecken beim cpo-Label immer wieder Neues. Von Hans-Klaus Jungheinrich

Der Komponist Felix Weingartner mit seiner Frau Carmen Studer.
Der Komponist Felix Weingartner mit seiner Frau Carmen Studer.
Foto: cpo

Alle paar Wochen gibt es einen Festtag für den CD-Rezensenten: Wenn die neue Lieferung von Georgsmarienhütte eintrifft mit rund anderthalb Dutzend Klassik-Titeln. Selbst der Kenner entdeckt beim cpo-Label immer wieder Unbekanntes.

Produzent Burkhard Schmilgun, auf seine Art ein gleichermaßen leidenschaftlicher, obsessiver (und erfolgreicher!) Musikvermittler wie ECM-Gründer Manfred Eicher, favorisiert statt des als sammlerisches Kalkül ermattenden Starinterpretenglanzes die noch lange unerschöpfte Fülle des Komponierten.

Drei Einwände lassen sich gegen das cpo-Konzept geltend machen: Dass es bevorzugterweise Kleinmeister pflegt, dass es der Barockmusik übermäßig viel Platz verschafft und, endlich, die recht spröde Haltung zur musikalischen Moderne von Range (immerhin präsentierte cpo aber schon vor Jahren die ausführlichste Edition der bedeutenden und merkwürdigen Musik von Allan Pettersson).

Einwand Nummer drei hat wohl Gewicht; Nummer zwei bleibt Geschmackssache, und der erste ist zugleich ein Vorzug. Mancher im Kleinmeisterschubfach Abgelegte erweist sich auf dem cpo-Prüfstand als eine riesige Interessantheit. Nach dem Zweitausendeins-Prinzip distribuiert man die cpo-Titel im eigenen Versandhaus jpc. Läden mit diesem Kürzel gibt es noch in zahlreichen norddeutschen Städten, doch der größte Anteil läuft über den Versandhandel.

Ich kann hier nur einige Titel der frühsommerlichen Lieferung herausgreifen. Gerne beschäftige ich mich mit Max Regers vernachlässigtem f-moll-Klavierkonzert (auch Rudolf Serkin liebte es sehr), dessen heroische Gesten sich jeweils schnell wieder in zarten lyrischen Entrückungen auflösen (pianistisch hochkarätig: Michael Korstick, Platten-Nr. 777 373-2).

Felix Weingartners flüssige 6. Symphonie und Josef Holbrookes üppige englische Orchestermalereien kann man anhören, aber eine echte Trouvaille sind die Streichquartette des mir zuvor nicht einmal namentlich bekannten Bernhard Molique, spätklassische Nachlese aus dem fortgeschritteneren 19. Jahrhundert (777 276-2). Ein reizvoller Stilmischmasch auf hohem Niveau Felix Mendelssohns Bearbeitung von Händels Oratorium "Israel in Ägypten"; der Dirigent Hermann Max reproduziert empathisch die romantische Händel-Annäherung (777 222-2).

Voller Spitzenmusik die Johann-Strauss-Operette "Das Spitzentuch der Königin" (777 406-2) in einer temperamentvollen Produktion der Dresdner Staatsoperette. Geradezu drollig Georg Philipp Telemanns pompöses Chorwerk "Kapitänsmusik 1744", in dem mit ebenso barockem Faltenwurf wie in devoten Adels- und Kirchenhuldigungen Hamburgs seefahrerisch-kaufmännische Bürgertugenden unter lebhafter Anrufung von Freiheit, Pflicht und Stolz besungen werden (777 390-2).

Das Label arbeitet methodisch mit Radiosendern und Opernhäusern zusammen und sichert sich derart (auch mit nützlichem Synergieeffekt) die besonderen Initiativen.So war cpo dabei, als das Theater Aachen eine anspruchsvolle Oper der Wagner-Nachfolge ausgrub, "Ilsebill" von Friedrich Klose, uraufgeführt 1903. Ein Meisterwerk, ein Rausch orchestraler Klangfarben, eine ins Apokalyptische reichende tondichterische Vision. Eine offenbar lange ziemlich hartnäckig unter Verschluss gehaltene Perle des deutschen Repertoires. Die Handlung folgt dem Grimm-Märchen "Vom Fischer und seiner Frau", zeichnet es aber nicht schlicht litaneiartig nach wie Othmar Schoeck in seiner bescheiden dimensionierten Kammeroper, sondern wölbt es weit aus in einer immensen Steigerungsdramaturgie, die das anfänglich idyllisch-resignative Naturbild ins Katastrophische hochpeitscht, analog zur unersättlichen Hybris der Fischersfrau, die, auf dem Höhepunkt der angemaßten Gottgleichheit, in die Ursprungslage zurücksinkt, so dass die ganzen vom sprechenden Fisch besorgten Nobilitierungen auch wie ein Arme-Leute-Traum erscheinen.

Geradezu grandiose Gesangsleistungen: Sabine Türners hochdramatische Ilsebill, Norbert Schmittbergs liebevoll-geduldiger Fischer und der wie Wagners Fasolt bass-balsamisch singende Wels von Jaroslaw Sielicki. Leistungsfähig Chöre, Kinderchöre und Orchester unter der Leitung von Marcus Bosch. Wer ein Faible für die schönen musikdramatischen Weltuntergänge der vorletzten Jahrhundertwende hat (Humperdinck, Pfitzner, Delius, Siegfried Wagner), kann an Friedrich Kloses chef d-oeuvre nicht vorübergehen (777 057-2).

Die CDs sind zu bestellen bei cpo, Lübecker Str.9, 49124 Georgsmarienhütte

Autor:  Hans-Klaus Jungheinrich
Datum:  17 | 7 | 2009
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
TV

Gestern ferngesehen? Wir auch! Diskutieren Sie mit!

Meistgeklickt
Das DFB-Bundesgericht mit dem Vorsitzenden Goetz Eilers hat entschieden: Das Relegationsspiel zwischen Fortuna Düsseldorf und Hertha BSC wird nicht wiederholt.
Kein Wiederholungsspiel zwischen Düsseldorf und Berlin 
        

Petra Roth spricht über das Buch, das Matthias Arning (rechts) geschrieben hat.
Petra Roth 
Diese Schilddrüse ist eindeutig krank.
Skandal am Klinikum Hildesheim 
 Mely Kiyak
Kolumne zum neuen Umweltminister 

Video