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Musik

12. August 2009

Klavierfestival La Roque d´Anthéron: Die Botschaft von der großen Freiheit

 Von Ulrich Kurth
Chick Corea und Gary Burton kommen nicht altmeisterlich daher. Foto: afp

La Roque d´Anthéron ist ansonsten keine Jazz- Adresse. Jazz à La Roque ist in diesem Jahr ein Festival im Festival, unter anderem mit Pianist Chick Corea und Vibraphonist Gary Burton. Ein rauschendes Fest.

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Das Festival im Festival begann mit einem konzertanten Clou: Baptiste Trotignon führte mit seinem Trio (Thomas Bramerie, Kontrabass, und Franck Aghulon, Schlagzeug) seine Suite "Les Cinq Saisons" auf. Eine epische Musik mit brillanten kompositorischen Ideen zwischen lyrischem Nachtstück und ekstatischem Rausch. Trotignon ist auch ein gesuchter Interpret klassischer Klaviermusik.

Mit Les Cinq Saisons schuf er sich eine Plattform für sein bestechend virtuoses, glasklares Klavierspiel. Das Trio hat eine ungewöhnlich aufmerksame Interaktion entwickelt, in deren Dynamik Spuren von Jazz- und Popsongs verschiedener Dekaden in authentische Klangstrecken münden. Stilistische Anleihen bei berühmten Vorbildern des Klaviertrios verbünden sich mit Ideen europäischer Klaviermusik und öffnen ein neues Kapitel einer großen Gattung.

La Roque d´Anthéron ist ansonsten keine Jazz-Adresse. Seit fast 30 Jahren ist es Zentrum des klassischen Klavierspiels im Hochsommer in der ländlichen Provençe, in diesem Dorf zwischen Avignon und Aix-en-Provençe. Stars und kommende Stars des Konzertbetriebs beschwören die "Magie des Südens" unterm Sternenhimmel, etwa im Park des Schlosses Florans, im Kreuzgang der Abtei Silvacane oder im stillgelegten Steinbruch im benachbarten Rognes.

Rund 80 Konzerte in fünf Wochen, insgesamt 80.000 Besucher, europaweite Übertragungen im Radio, in deren Zentrum die Klaviermusik zwischen Johann Sebastian Bach und Claude Debussy steht, den zirpenden Grillen und den engen Sitzen auf der Tribüne im Park zum Trotz. Dazu gesellt der künstlerische Leiter René Martin Konzerte der Alten und Neuen Musik. Und Jazz.

Jazz à La Roque ist in diesem Jahr ein Festival im Festival mit sechs Pianisten, einem Akkordeonspieler und zwei Big Bands an vier Abenden. Martin will dem Jazz einen angemessenen Platz geben, denn die interpretatorische Freiheit im Jazz ist für ihn eine Zukunftsperspektive. Ihn überzeugen Pianisten wie Makoto Ozone, der ein brillantes Gershwin-Recital aufführte und am folgenden Tag sein Publikum mit verblüffenden Improvisationen vor seiner Big Band zu Stürmen der Begeisterung mitriss. Martin ist überzeugt, dass die klassischen Pianisten mit den Jazzpianisten im gleichen Haus der Musik arbeiten.

Den zweiten Abend im Steinbruch Rognes gestalteten Gonzalo Rubalcaba, Klavier, und Richard Galliano, Akkordeon und Accordina, einer Art Mundharmonika mit Akkordeon-Tastatur. Rubalcaba zeigte sich als Klangforscher, der Skulpturen aus der differenzierten inneren Welt des Flügels schuf, Galliano breitete in seiner "new musette" eine musikalische Welt zwischen klarinettenähnlichen Linien und großem Orgelklang aus. Er zitierte populäre Chansons und öffnete damit einem konzentriert zuhörenden Publikum den Weg in seine Improvisationen.

Der dritte Tag wurde ein rauschendes Fest. Chick Corea und Vibraphonist Gary Burton begannen am frühen Abend. Obwohl Corea es sonderbar ("weird") fand, ein Konzert vor Sonnenuntergang zu geben, entstand ein lebhaftes Konzert, das sich nicht auf altmeisterliche Abgeklärtheit zurückzog.

Makoto Ozone stellte seine Big Band "No Name Horses" vor, mit der er zurzeit eine internationale Tournee absolviert. Den Höhepunkt markierten Carla Bley and her remarkable Big Band mit ihrem jüngsten Programm "Appearing Nightly", einer Reise in die große Zeit der Big Bands der 50er Jahre, die sie unter anderem als junge Zigarettenverkäuferin im New Yorker Birdland erlebte. Sie bricht den Charme der alten Zeit mit ihrer kleingliedrigen Kompositionsweise, die auf tiefgründigen Humor setzt und damit ein Pantheon aus Jazzgeschichten errichtet.

Sie prüft deren künstlerische Seiten von heute aus, ohne sie nostalgisch zu verklären oder als Showcase zu vermarkten. Unterstützt wird sie von ihrem All Star Ensemble mit wunderbaren Solisten, allen voran Bassgitarrist Steve Swallow, Posaunist Gary Valente, Tenorsaxofonist Andy Sheppard und Altsaxofonist Wolfgang Puschnig. Bemerkenswert ist auch der eigenwillige große Sound der Big Band mit seinem Reichtum an Jazzgeschichte.

Der Ausklang war eher ein Blick in die Zukunft. Der in Paris lebende junge israelische Pianist Yaron Herman bestätigte mit seinem Trio (Simon Teilleu, Kontrabass, Gerald Cleaver, Schlagzeug) seinen Ruf eines großen Talents, von dem noch viel zu erwarten ist. Das Trio überzeugte mit insistierenden Rockbeats, freier Improvisation und intakten Songstrukturen, und die Zugabe wirkte wie eine Nachricht an das Publikum, eine feurige Version der "Message in a Bottle" von Police.

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