Kann das Leben bitterbösere Bilder bereit halten als dieses? Inmitten der geifernden Gesellschaft aus gleichsam wächsernen Figuren (der von Robert Heimann fabelhaft disponierte Chor der Komischen Oper Berlin) steht Sinéad Mulhern als Violetta Valéry auf einer rechteckigen Plattform wie die Karikatur einer Ikone. Sie trägt ein scheußliches ketchupfarbenes Miniplastikkleid, und in den Stein hinein, den wir als eine Art Grabplatte erkennen müssen, ist als Selbstanklage der Spruch "Ich bin eine Hure" gemeißelt.
Das Ballvolk schaut betreten, die Gastgeberin Flora Bervoix (Karolina Gumos) versteckt sich hinter ihrer gelben Federboa, Diener verteilen rot funkelnde Grablichter, die vor, neben und hinter Violetta abgestellt werden. So als wollten diese Lichter sagen: Wir, die Boten des Todes, erhellen dich. Aber nur als längst Vergangene.
Diese zweite Szene des zweiten Aktes von Verdis "La Traviata" ist fürwahr nicht die einzige, in der Regisseur Hans Neuenfels bei seiner Inszenierung an der Komischen Oper Berlin die Endlichkeit von Existenz griffig zu illustrieren sucht. Auch die Entweihung von Violettas Zuhälter (Christian Natter in einer von Neuenfels hinzugefügten stummen Rolle) wird drastisch bebildert. Ihm reißt man gleich das Herz aus dem Leib, um welches Alfred Germont und sein Kontrahent, der Baron Douphol, spielend ringen. Von dem einbeinigen Baby, das man Violetta hinhält, mal ganz zu schweigen.
Immer noch der alte Neuenfels?
Neuenfels, immer noch der Alte? Agent der Provokation? Gefürchteter Kleinbürgerschreck? Man sollte ihn nicht unterschätzen, den alten Meister. Denn mit diesen Metaphern, mögen sie auch eine Spur von Plakativem in sich tragen, bezieht sich Neuenfels auf einen wesentlichen musikalischen Vorgang in der Oper. Bereits im Vorspiel nämlich serviert Verdi die Melodie des Todes. In einem kristallinen vierstimmigen Satz, der vom Orchester der Komischen Oper Berlin unter Leitung des neuen Chefdirigenten Carl St. Clair zwar mit leichten Wacklern, aber doch so transparent musiziert wird wie die gesamte Partitur, erscheint jenes Motiv, das zum Leitfaden der Leidenden wird. Mit anderen Worten: Der Tod ist da, bevor das Lotterleben beginnt. Neuenfels macht das evident, indem er in Sekunden einen Schnelldurchlauf des Lebens zeigt: Liebe, Heirat, Kinder, Tod, Begräbnis. Das war's.
Die Bühne von Christoph Hetzer will daran wenig zweifeln. Sie ist (fast) leer. Ein schwarz schillerndes Loch, durch das im ersten und dritten Akt überdimensionierte Röntgenplatten hindurch gleiten, die das atmosphärische Defizit parabelhaft umreißen (in der Landidyll-Szene des zweiten Aktes sehen wir einen Holzklotz, die Axt dazu, Stühle). Denn die Welt, wie sie hier gezeigt wird, ist so: kühl, mondän, abweisend.
Wie Violetta selbst. Auch an ihr ist nichts Flauschiges, Wärmendes, Kurtisanenhaftes. Sie ist ein Profi. Sie macht ihre Arbeit als Prostituierte, dafür schlüpft sie in das Kostüm, das der zuständige Lude ihr reicht. Und ohnehin weiß sie ja, wenn die Oper beginnt, dass sie bald sterben wird. Tuberkulose. Oder ähnliches. Jedenfalls etwas Unaufhaltbares. Dieser Blick aufs eigene Leben verändert den Blick auf das Leben der anderen, auf das Leben allgemein.
Sinéad Mulhern spielt das durchaus glaubwürdig. Doch ihre Stimme, im piano feinnervig, im forte allzu aufgebauscht, erzählt eine andere Geschichte. Immer dann, wenn sich dieser Sopran in die oberen Etagen begibt, wird er so expressiv wallend und so artifiziell appassoniert, dass man die berechnende Lust, die der Figur auch eingeschrieben ist, nicht mehr spürt. Das ist, bei aller Schönheit und Souveränität dieser Stimme, doch etwas widersprüchlich, zudem vokal auf die Dauer ein wenig monochrom.
Während der Irin gleichwohl auratisches (und erotisches) Potenzial zugestanden werden darf, lässt sich dies über jenen Mann, der sie ehrlich liebt, leider kaum sagen. Timothy Richards bleibt in der Partie des Alfred den ganzen Abend so blass wie sein (weißer) Smoking. Die Stimme sitzt gut, aber sie strahlt nicht. Sie hat kaum Farben. Sie sagt uns nicht, was sie will, und das ist natürlich schade, wenn man aus dem Stück weiß, was sie will. Und wie sehr sie es will. Immerhin, im Disput mit seinem Vater mutiert dieser Alfred Germont zu einem echten Charakterdarsteller. Georges Germont wiederum wird von Aris Argiris mit einem Volumen und einer schillernden Klanglichkeit ausgestattet, die man durchaus als phänomenal bezeichnen darf. Wohl geformt die Phrasierungen, gestochen scharf die Artikulation, bemerkenswert das Textverständnis dieses Baritons.
Womit wir bei einem zentralen Problem angelangt wären: Eine "Traviata" auf Deutsch, auch wenn der liebe Gott der Komischen Oper Berlin, Walter Felsenstein, sie (etwas grobkörnig, holzschnittartig) aus dem Italienischen übertragen hat, das ist ein bisschen wie Backen ohne Mehl. Das ist unfertig. Das duftet und atmet nicht, schon gar nicht nach der Vergänglichkeit. Aber Sterben und Tod der Violetta Valéry, sie verlangen gerade nach diesem Fluidum. Und das gewährt in der Tat nur das italienische Original.
Komische Oper Berlin: 29. November, 5., 16., 20., 29. Dezember.