kalaydo.de Anzeigen

Kongsberg-Festival: Jazz am Ende der Welt

Jazz ist in Norwegen Teil der Alternativ-Szene: Beim Kongsberg Jazz Festival gibt es Free Jazz von jungen Musikern für junge Hörer - wie weit wir in Deutschland davon entfernt sind! Von Wolf Kampmann

Saxophonist der Gruppe Avanthagen Panorama mit Fred Frith an der Sitzgitarre vor einem norwegischen Haus.
Saxophonist der Gruppe Avanthagen Panorama mit Fred Frith an der Sitzgitarre vor einem norwegischen Haus.
Foto: Stein Hofve

Draußen weicht die brütende Hitze trotz abendlicher Stunde den Asphalt auf, drinnen drängt sich in gespannter Erwartung ein jugendliches Publikum. Ein paar hundert Meter weiter gibt sich Chick Corea die Ehre, doch hier lockt anscheinend eine alternative Rockband. Wenig später aber erklingen nicht etwa Gitarren und Keyboards, sondern zwei Tenorsaxofone nebst Rhythmusgruppe. Die vier Musiker versetzen das Auditorium mit entfesselter Kollektivimprovisation in Ekstase. Die Bläser können gar nicht wild genug spielen, um genau den Nerv ihrer jungen Zuhörer zu treffen. Doch Drummer und Schlagzeuger lassen auch keinen Zweifel, dass sie das komplette Spektrum von Rock bis Techno drauf haben und Prinzipien elektronischer Musik in Free Jazz rückübersetzen können.

Der Ort dieses seltsamen Geschehens ist Kongsberg, inmitten endloser Wälder und Seen zwei Zugstunden westlich von Oslo gelegen. Die Band heißt Humvee und gehört zu den Nachwuchshoffnungen des norwegischen Jazz. Schlagzeuger Rune Nergaard, Bassist Gard Nilssen und der Saxofonist Jörgen Mathisen werden durch den schwedischen Saxofonisten Fredrik Ljungkvist verstärkt, der die unbändige Energie des Power-Trios durch seinen Sinn für Poesie und konzeptionelle Bögen abrundet.

Free Jazz von jungen Musikern für junge Hörer wie weit wir davon in Deutschland doch entfernt sind! Doch die Norweger hinken dem Zeitgeist keineswegs hinterher. Indem sie es verstehen, spielerischen Individualismus, Aufmüpfigkeit und spontane Kreativität mit dem Lebensgefühl junger Menschen zu versetzen und diese Musik mit der Haltung von Rockbands auf die Bühne zu bringen, rekrutieren sie immer wieder junges Publikum. Der Jazz ist in Norwegen längst Teil der Alternativ-Szene.

Das Kongsberg Jazz Festival ist alle Jahre wieder ein Lehrstück für den Rest von Europa, wie man Jazz und Alltag synchronisieren kann. Es mangelt dem Spektakel auch diesmal nicht an klangvollen Namen. Chick Corea, John Scofield und Zap Mama führen die lange Liste der Stars an. Doch sie dienen nur als Magneten, um die Aufmerksamkeit auf die zahlreichen skandinavischen Acts zu lenken. Deren Shows sind gut besucht. Zum Beispiel das Ensemble Motif, das mit Gästen wie Trompeter Mathias Eick, Saxofonist Hakon Kornstad und Pianist Havard Wiik drei Stars des jüngeren borealen Jazz gewinnen konnte.

Ihre ausgefeilten Kompositionen verbinden die Klischees von norwegischem Landschaftszauber mit urbaner Kraft und individueller Leidenschaft zu einem Happening aus kollektivem Klangwillen und persönlicher Bravour. Gitarrist Eivind Aarset ergänzte sein Trio unter anderem mit Madrugada-Drummer Erland Dahlen zum Sonic Codex Orchestra. Zwar weidete er mit Anspielungen an Miles Davis, Pink Floyd und Santana in Klangwelten der siebziger Jahre, doch ergossen sich seine Sound-Kaskaden über das verblüffte Publikum wie eine gewaltige Flutwelle aus den Schleusen der Zukunft.

Altmeister Arild Andersen zeigte mit seinem Quartett, wie brisant der norwegische Impressionismus der siebziger Jahre mit seinem verhangenen Timbre auch heute noch ist. Andere Beispiele wie das dänische Trio Mokuto mit Fred Frith und Herb Robertson, das Tentett von Fredrik Ljungkvist mit seinen exquisiten Sounds oder die junge norwegische Band Supersonic Rocketship (abermals mit Mathias Jörgensen), die sich entschlossen auf die Spur von Shannon Jacksons Decoding Society begab, komplettierten das eindrucksvolle Bild der Vielfalt des skandinavischen Jazzlebens.

Was haben die, was wir nicht haben? Die norwegischen und skandinavischen Musiker spielen nicht besser als ihre deutschen Kollegen. Vielleicht haben sie den Vorteil einer nationalen Klangsprache, die sich über die Transformation verschiedenster Zustände von Licht in Ton definiert. Dieses Phänomen zieht sich über alle musikalischen Genres von Klassik und Folk über Jazz und Rock bis zur elektronischen Musik. Es ist für einen norwegischen Hörer nicht schwer, die Hürden zwischen einzelnen Musikrichtungen zu überwinden, weil sich nicht selten dieselben Akteure auf unterschiedlichsten stilistischen Feldern herumtreiben. Norwegische Jazzmusiker sind mit der Rockszene und mit elektronischen Zirkeln verbandelt. Sie wissen, was ihre Fans hören wollen und wie sie es ihnen präsentieren müssen. Vielleicht besteht der Segen eines kleinen Landes darin, sich allzu viele Nischen gar nicht leisten zu können. So machen sich auch Rock- und Popstars wie Hanne Hukkelberg oder die existenzialistische Neuentdeckung Tommy Tokyo auf einer norwegischen Jazzbühne keineswegs als Fremdkörper aus. Das Kongsberg Jazz Festivals ist bei aller internationalen Ausrichtung vor allem eine nationale Begegnungsstätte, bei der sich die Auftritte einzelner Bands und Musiker zu kollektiver Stärke verdichten. Dänen, Schweden und auch Deutsche, Engländer, Amerikaner sind hier willkommene Gäste. Im Finale verbündeten sich die Rockstars vom Kaizers Orchestra mit Stian Carstensens Balkanjazz-Truppe Farmers Market zum Zirkus Kaizers Market, der Barrieren zwischen Jazz und Rock, Nord und Süd, Irrwitz und Kalkül aus den Angeln hob.

Autor:  Wolf Kampmann
Datum:  8 | 7 | 2009
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
TV

Gestern ferngesehen? Wir auch! Diskutieren Sie mit!

Meistgeklickt
Das DFB-Bundesgericht mit dem Vorsitzenden Goetz Eilers hat entschieden: Das Relegationsspiel zwischen Fortuna Düsseldorf und Hertha BSC wird nicht wiederholt.
Kein Wiederholungsspiel zwischen Düsseldorf und Berlin 
        

Petra Roth spricht über das Buch, das Matthias Arning (rechts) geschrieben hat.
Petra Roth 
Diese Schilddrüse ist eindeutig krank.
Skandal am Klinikum Hildesheim 
 Mely Kiyak
Kolumne zum neuen Umweltminister 

Video