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Konstantin Wecker in Frankfurt: Schweinkram mit Rilke

Konstantin Wecker hat´s mit der Liebe und den Dichtern. "Stürmische Zeiten, mein Schatz" heißt es beim neuen Programm in der Alten Oper Frankfurt. Ein erotisch-politischer Cocktail. Von Hans-Klaus Jungheinrich

Konstantin Wecker in der Alten Oper Frankfurt.
Konstantin Wecker in der Alten Oper Frankfurt.
Foto: Alte Oper/Anna Meuer

Mit sechzig plus hat man seinen Beitrag für die Fortdauer der Gattung längst abgeleistet und wird entspannter. Das ist die hohe Zeit des Maul-Eros. Als rüstiger Verbalerotiker kann man sich auf die Vorarbeit der Altvorderen stützen. Brecht, Martin Walser oder Friedrich Schlegel konnten immer noch besser sauigeln als der Herrenstammtisch. Dem Rilke glaubt man den geschwollenen Schweinkram nicht, es klingt wie eine Rilke-Parodie. Niemand konnte aber so gut Rilke parodieren wie er selbst.

Konstantin Wecker hat´s mit der Liebe und den Dichtern, und zum Anwärmen macht er´s deftig. "Stürmische Zeiten, mein Schatz" heißt es beim neuen Programm in der Alten Oper Frankfurt. Ein erotisch-politischer Cocktail mit alten und neuen Liedern und einer gekonnten Gratwanderung zwischen Stimmungsmache und subtilerer poetischer Verzauberung. Da erklärt einer auf der Bühne, wie man sich auch als Normalmensch der Lyrik nähern kann, und rezitiert frischweg Gedichte von Benn und Goethe. Wunderbar. Und der vollbesetzte Große Saal hält vor Kunstbegeisterung den Atem an.

Fein und Grob im gut gemischten Durcheinander. Der ältere Herr hat immer noch Quecksilber im Blut, rennt und tänzelt viel über die Bühne. Lauter Bärentänze. Sein Vortrag mit dem expressiven bayerischen "R", der pathetisch-geistesabwesenden mezza voce und dem noch immer rundläufig orgelnden Bariton-Plenum wechselt unmerklich zwischen Publikumsansprache und scheinbar selbstvergessenem Eintauchen ins lyrische Ich. Da trifft er Leute wie den Tango Joe, sein alter ego; den geliebten Vater, den Hobbysänger, dessen Traum sich im Sohn erfüllte; oder auch den Bruder Tod mit seinem Unendlichkeitsrätsel.

Tod und Liebe gehören für Konstantin Wecker ebenso zusammen wie Liebe und Politik; auch damit fand er viel Einverständnis bei seinen Hörern, ohne ein kleines bisschen fester als fest auf die Tube zu drücken. "Gutti", der schöne Minister, wurde angeschäkert, und natürlich muss man es einem Kleinkünstler nicht auf die Goldwaage legen, wenn er dabei den "Kalten Krieg" zitiert oder den Faschismus und den Neoliberalismus, zwei differente Schurkereien, im selben Atemzug nennt.

Drei Stunden vergingen wie im Flug. Eine Gemütsmassage, die mehr mit kompakt-uriger "Liedermacher"-Botschaft zusammenhing als mit raffiniert gestyltem Entertainment. Die Wortsprache und damit die personality behielt Wecker fest im Griff. Als musikalische Ich-Vergrößerung agierten aber durchaus eigenständige Virtuosen auf der Bühne: der Tasten- und Tatzenlöwe Jo Barnikel, mit dem sich Wecker (ein nicht zu unterschätzender Pianist) manches brillant zwischen München, Charleston, New Orleans und der Toscana flottierende Duell lieferte, und das Spring String Quartett, vier hell- bis mittelblonde clowneske Linzer Musikzigeuner der Sonderklasse, denen schon auch mal als Side Singers ein herrlich schräger Pfefferminzakkord gelingt.

Autor:  Hans-Klaus Jungheinrich
Datum:  4 | 12 | 2009
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