Luigi Nonos "Al gran sole carico d´amore" ist seit der Mailänder Uraufführung 1975 eine der Ikonen der politisch kämpferischen Moderne. In Peter Konwitschnys jetzt in Leipzig neu einstudierter Deutung wird eine sich einstellende historische Distanz eher in Kauf genommen. Konwitschny spürt den Wirklichkeiten nach, die aus der Pariser Kommune, dem Schicksal von Che Guevaras Gefährtin Tanja Bunke oder der literarischen Mutter Gorkis und den anderen Frauen im Windschatten gescheiterter revolutionärer Versuche, Stimme und Ausdruck zu geben, bei Nono nur noch bruchstückhaft und neu verwoben auftauchen. Konwitschny übersetzt das gleichsam zurück, mit ziemlich direktem Aufklärungseifer und kämpferisch geballter Faust.
In Helmut Brades Ausstattung weht nicht der Mantel der Geschichte, hier flattert erst eine Trikolore, sozusagen als Brecht-Gardine, wenn die Pariser Kommune als Kasperl-Theater nachgespielt und von Lenin persönlich erklärt wird, bis ihre Toten aus den Särgen steigen. Dann zermalmt der Schraubstock der Geschichte die aufbegehrenden Arbeiter.
In ähnlich metaphorischer Vehemenz wie das funkelnde Firmament einer nach vorne offenen Geschichte bewegen sich riesige Betonwände aufeinander zu, zwischen denen Menschen rettungslos eingekeilt sind. Am Ende bleibt die Tür im herunter gelassenen Eisernen Vorhang noch für einen Moment offen, die letzten Töne klingen schon wie aus dem Jenseits.
Bei Konwitschny münden die verlorenen Utopien im großen Untergang. Diese erste von mehreren noch folgenden Wiederbelebungen von Konwitschnys Inszenierung in Leipzig ist dem 20. Jahrestag der Friedlichen Revolution in Leipzig gewidmet. Draußen vor der Oper ging die ja bekanntlich zum Glück ganz anders aus als seine eindrucksvolle düstere Vision auf der Bühne.
Die bleibt mit ihren kräftigen Schwarz-Weiß Strichen streitbar. Doch die einmal ins Publikum gehaltene Aufforderung "Selbständig denken!" sollte durchaus ernst genommen werden. Musikalisch ist sowohl Johannes Harneit und dem Gewandhausorchester, als auch dem Chor und den durchweg exzellenten Protagonistinnen ohnehin eine Glanzleistung gelungen.
Bei Luigi Nono ist die Stimme der Revolution meist weiblich. Vor allem Marika Schönberg, Kathrin Göring, Soula Parassidis, Tanja Andrijic und Iris Vermillion, sind als Sirenen der Klage unschlagbar. Selbst wer diese Deutung zu didaktisch finden mag, wird sich ihrer musikalischen Überzeugungskraft kaum entziehen können.
Oper Leipzig, 8., 18. November, 1., 19. Dezember. www.oper-leipzig.de