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Konzert: Das Ritual nicht vergessen

Das Ensemble Modern schenkt sich sein erstes Geburtstagskonzert in der Alten Oper Frankfurt. Dazu liefert es schlaglichtartige Rückblicke mit Stockhausen und Nancarrow. Von Hans-Jürgen Linke

"Europa-Gruß" von Karlheinz Stockhausen ist ein recht komplexes und beziehungsreiches Stück Musik: komponiert aus Material der Superformel für Licht, der Eva-, Michael- und Luzifer-Formel, instrumentiert wie eine Fanfare für den guten Menschen, aufgeladen mit Zukunft, Vergangenheit, mit Anspielungen, Feierlichkeiten und Neuklang - was will man mehr!

Das Ensemble Modern, das sich selbst in seinem 30. Jahr feiert, vernachlässigt nicht das Moment des Rituellen. Das erste Geburtstagskonzert - weitere werden bis zum November folgen - stand in mehrfacher Hinsicht für Standortbestimmung, Rückblick und Zukunftsprojekt. Einerseits war der Abend geprägt vom Nebeneinander von Ensemble- und Solospiel, also von einem Pars-Pro-Toto-Gedanken der sozialen Musizierpraxis. Und zweitens gab er schlaglichtartige Rückblicke auf die eigene Vergangenheit - mit Stockhausen und Nancarrow - und eine Palette aktueller Musik, nämlich eine deutsche Erstaufführung und fünf Uraufführungen. Fünf Uraufführungen an einem Abend, das ist selbst beim Ensemble Modern kein alltägliches Konzert.

Auch die Kompositionsweisen der fünf neuen Stücke haben durchaus exemplarischen Charakter. Saed Haddads Ensemble-Stück "Funérailles" ist eine klangintensive, auf den ersten Blick kaum überschaubare Komposition mit intensiv aufgetragenen Farben auf rituellem Unterstrom, vom Ensemble unter der Leitung von Brad Lubman prägnant und mit klaren Konturen gespielt. Flötist Dietmar Wiesner begab sich für Orm Finnendahls ihm gewidmete Komposition "Madrigalbuch IV/22" - in dem Referenzen an Gesualdo und Nono mitschwingen - in eine raumdefinierende und -füllende Interaktion mit Live-Elektronik. In Anthony Cheungs für Ueli Wiget geschriebene "Roundabouts" für Klavier solo und Live-Video erzeugte der Berliner Video-Künstler Lillevan eine assoziative Begleitung in Blau und Schwarz-Weiß-Grau aus Formen, Formverläufen, Rhythmen, Bewegungen und Strukturen, die Elemente der Musik aufgriff, ohne sie zu verdoppeln und die sich mit Wigets souveräner virtuoser Nachdrücklichkeit zu einer erstaunlichen, wenn auch nicht immer perfekt synchronen Synästhesie verband.

Rituell auch zwei Kompositionen von Benedict Mason für die beiden Trompeter des Ensembles. "Two Piccolo Trumpets for Sava Stojanov" erweiterte den Bühnenraum auf die Emporen, wo sich links und rechts die Trompeter aufgestellt hatten, um eng verzahnte, einander manchmal wie Schatten folgende Linienwerke räumlich aufzuspreizen und dem Stück also Tiefe und Differenziertheit zu geben. Das Gegenstück, "Two Cornetti for Valentin Garvie", war eine Komposition für archaische Zinken, die den beiden Musikern die räumlichen Ausdeutungen in Form von Bewegungen um die eigene Achse und von der Bühne fort auferlegte. In Miroslav Srnkas "Coronae" dagegen, geschrieben für den Hornisten Saar Berger, herrscht ein intimer Virtuosenton, der die volltönenden, weit tragenden und von Berger scheinbar ohne Kraftaufwand in die Welt gesetzten Klangcharakteristika des Horns benutzte.

Die Blumen, die am Ende verteilt wurden, hätten vermutlich, wie das Konzert, zusammen einen üppigen Strauß aus eigenwilligen Einzelblumen ergeben.

Autor:  Hans-Jürgen Linke
Datum:  19 | 3 | 2010
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