Sein Name ist Lurch, wie passend. Als Alfred Brendel neulich, wohl sicher nicht zum ersten Mal, gefragt wurde, wie man sich denn beim konzertpianistischen Aufhören so fühle, meinte er: Wunderbar. Es gehe ihm wie dem Butler aus der Monster-haltigen Serie "The Addams Family": Alle um ihn herum sitzen heulend und verstört in ihren Kinosesseln, nur Lurch - das ist des Butlers Name - grinst breit.
Alfred Brendel allerdings schaute allenfalls etwas verschmitzt jetzt bei seinem letzten Konzertauftritt in der Alten Oper Frankfurt. Vielleicht wird daraus ja wirklich noch ein echtes Grinsen, schließlich bleibt ihm ja noch etwas Zeit. Sein ultimativ letztes Konzert wird der 77-Jährige in drei Wochen im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins geben. Klavier üben muss er bis dahin nicht mehr, bleibt Raum für das Training des Mienenspiels.
Auffällig gut gelaunt erschien er jetzt aber bereits in Frankfurt. Von Konzerthustern, seinen Erzfeinden, blieb er hier aber auch weitgehend verschont, und den zu spät kommenden Herrschaften in Reihe Sieben begegnete Brendel mit allenfalls leichtem Stirnrunzeln. Sein Publikum erziehen muss er nicht mehr, er kehrt ja nicht mehr nach Frankfurt zurück, zumindest nicht als Pianist.
Schon lange spielt der Geist an Tasten, der vor genau 60 Jahren seine Karriere begann, hauptsächlich Musik seiner Wiener Klassiker Haydn, Mozart, Beethoven und Schubert. Und schon seit einigen Monaten ist er mit einem wundervoll aus diesen Grundwerten zusammengestellten Programm auf Abschiedstournee: von Haydn die f-Moll-Variationen, von Mozart die eigenwillige F-Dur-Sonate aus KV533 und KV494, von Beethoven die "Quasi una fantasia" op.27/1 und von Schubert die große B-Dur-Sonate.
Aufhören können
Das Aufhören ist in diesem Programm ein ganz entscheidender Punkt. Und so schien Brendel, der nie - oder vielleicht nur in seinen Anfängen als Jungvirtuose - ein Pianist der Extreme war, mehr Aufmerksamkeit noch als sonst auf relative und absolute Schlusstöne zu legen. Die perfekt gewichtete Schlussausgestaltung bei Haydn, das visionär offene Ende des Beethoven-Kopfsatzes, das mürbe finale Abphrasieren des Basstrillers bei Schubert: Selektive Wahrnehmung mag dies sein, doch wenn die Ohren auf diesen Moment angesetzt sind, werden sie auch entsprechend mit pianistischer Ausnahmeleistung bedient.
"Klavierspielen", heißt es in einem von Alfred Brendels Gedichten, "kann man bekanntlich auch kopflos". Er selbst aber war immer der Kopf unter den Pianisten, hatte seinen ganz eigenen Charakterschädel, etwa wenn es um die besonders weiche Präparierung des Instrumentes ging (manche Konzerthäuser haben Flügel eigens für Brendel im Keller, niemand anderer kommt mit dem derart weich gemachten Anschlag zurecht), um Zugluft oder eben das Aufmerksamkeitsniveau seines Publikums.
War dieses Publikum - in Frankfurt seit Jahrzehnten das versierte Brendel-Publikum des Vereins Bachkonzerte in Zusammenarbeit mit der Alten Oper - konzentriert genug, bekam es dafür meist Überirdisches. Wie jetzt beim Abschiedskonzert den "Andante sostenuto"-Satz in Schuberts D960-Sonate. Er stellte den Intensitätsklimax dieses Brendel-Finales dar, ein Satz in die Tiefe gelotet für die Ewigkeit. Danach Scherzo und Allegro nur noch deswegen, um nicht wie Mitglieder von Chas Addams Monster-Familie dazusitzen und bitter zu wehklagen.
Alfred Brendels Abschied: Zehn Vorhänge, drei Zugaben ohne Aufhebens (Beethoven-Bagatelle, Liszts "Lac de Wallenstadt" und Busonis Bach), selbstredend Ovationen im Stehen. "Ich habe bislang noch keine Träne vergossen", so der Aufhörer.