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Musik

30. November 2012

Konzert: Im Zweifel für den Zweifel

 Von Jens Balzer
Green Gartside von Scritti Politti am Donnerstagabend im Hau1. Foto: Votos - Roland Owsnitzki

Scritti Politti kehren nach über drei Jahrzehnten auf die Konzertbühne zurück. Erst löste sich die Band in Erstbesetzung auf, dann war Sänger Gartsides Lampenfieber stets zu groß. Unverständlicherweise, denn der Mann ist auf der Bühne ein Ereignis.

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Berlin –  

Es wird sich viel entschuldigt an diesem Abend, es wird relativiert und zurückgenommen, der Künstler gesteht unentwegt Zweifel an der eigenen Kunst und übt schonungslose Selbstkritik wie einst in der Jungen Kommunistischen Liga, deren Londoner Sektion er mitbegründete. „Dieses Stück habe ich 1980 geschrieben“, sagt Green Gartside zum Beispiel zur Einstimmung auf seinen Song „Jacques Derrida“, „in der Mitte enthält es einen Funk-Rock-Teil, oder genauer gesagt: einen Teil, der dem entspricht, was wir weißen gitarrespielenden Jungs uns Anfang der Achtzigerjahre in London unter Funk-Rock vorgestellt haben. Das war natürlich höchst unzulänglich. Aber ich habe mich entschlossen, diese Passage aus Gründen der historischen Beweiskraft im Stück zu belassen.“

Müßig zu sagen, dass „Jacques Derrida“ ein wunderbarer Song ist, zu seiner Entstehungszeit vor 32 Jahren ebenso wie an diesem Abend, an dem Green Gartside mit seiner Band Scritti Politti zum ersten Mal seit 33 Jahren wieder in Berlin zu sehen ist. Green Gartside singt immer noch mit der schönsten und schmeichelweichsten Stimme, die man sich vorstellen kann; er schmachtet und schwelgt sich durch sein Oeuvre – mit einer fabelhaften Band, welche die von ihm in ihrer Zulänglichkeit so bezweifelten Funk-Rock-Passagen ebenso tadellos tanzbar darzubieten versteht wie seine ins historische Gewand früher Fairlight-Sampler-Klänge gekleideten Hitparaden-Erfolge wie „Wood Beez (Prays Like Aretha Franklin)“ oder „The Word Girl“.

Der Mythos des autonomen Künstlers

Seine Karriere hat Green Gartside Ende der Siebzigerjahre als orthodoxer Popkommunist und konsequenter Kritiker der kommodifizierten Kulturverhältnisse begonnen. Seine erste Single „Skank Bloc Bologna“ – im Berliner Konzert kurz vor dem Ende des Hauptteils dargeboten – verband klassische Liebesliedlyrik mit einem Lob der unbeugsamen italienischen Gewerkschaftsbewegung und ihres utopischen Potenzials. Den Bandnamen Scritti Politti hatte Gartside den „Scritti Polittici“ (Politischen Schriften) des Theoretikers Antonio Gramsci entliehen, wobei er auf die letzte Silbe verzichtete, um zugleich auf den Little-Richard-Song „Tutti Frutti“ anzuspielen.

Auf den Single-Covers dokumentierten die frühen Scritti Politti detailliert die bei der Herstellung der Platte angefallenen Kosten, von der Studiomiete bis zum Presswerk und dem Druck der Schallplattenhüllen. Durch die Offenlegung der Produktionsverhältnisse und ihres industriell-ökonomischen Charakters sollte der Mythos des autonomen Künstlers dekonstruiert werden. Entsprechend wollten Scritti Politti auch die Mythen und Phantasmagorien aufzeigen, die in der – zumal romantischen – Popmusik herrschen.

Green Gartsides immer noch schönstes Liebeslied heißt denn auch nicht „The Sweetest Girl“, sondern „The ,Sweetest Girl‘“ – die extra eingeschachtelten Anführungszeichen sollen darauf verweisen, dass selbst das scheinbar so authentische Gefühl der Liebe für ein „süßestes Mädchen“ immer schon von der verdinglichten Romantik der Massenkultur überformt ist und mithin auch von einem Popsong wie diesem, der, selbst er sich um den reflektierenden Aufweis seiner eigenen Verdinglichung bemüht, immer noch notwendig Bestandteil der verdinglichten Massenkultur bleibt.

Engelsgleiche Chor-Harmonien

Beim Berliner Konzert im Hau 1 steht „The ,Sweetest Girl‘“ ganz am Anfang, und wenn man in der schwelgenden Publikumsmenge die Augen schließt und sich von dem sanft schunkelnden Reggaerhythmus und der schmeichelnden Stimme Green Gartsides davontragen lässt, könnte man es auch einfach nur für ein Liebeslied halten und die doppelten Anführungszeichen glatt vergessen.

So aber ist es bei Green Gartside durchweg: Er war nicht nur ein großer Kritiker der kulturindustriellen Verdinglichung, er schrieb auch die am schönsten verdinglichsten Songs. Wundervoll, wie er in „Slow Deceit“– einem Lied, das laut Ankündigung im Konzert einerseits den Unterschied zwischen synthetischen und analytischen Urteilen bei Immanuel Kant sowie andererseits den Relativismusbegriffs bei Richard Rorty behandelt – in engelsgleichen Chor-Harmonien mit seiner Band schwelgt. Zauberhaft, wie er in „Brushed With Oil, Dusted With Powder“ zu spärlichen offenen Gitarrenakkorden barmt – ein Lied, das er, wie er sagt, zur einen Hälfte in Los Angeles auf einer von Joni Mitchell geliehen Gitarre komponierte und zur anderen Hälfte während eines langen Zahnarztbesuchs in Wales.

Aus dem barmen Falsett fällt er in „Skank Bloc Bologna“ zurück in den rauhen Duktus des Sprechgesangs-Agitators, den er in der Frühphase der Band pflegte, um schließlich in „Wood Beez“ virtuos in den Chaka-Khan-inspirierten Disco-Funk zu gleiten, der ihn, einen Wimpernschlag der Popgeschichte lang, zum größten und beliebtesten Sänger der späten New Wave werden ließ.

Das Lampenfieber war zu groß

In dem Stück „Die Alone“ verdreifacht er sich sogar beim Singen: Das Original (auf dem Album „Anomie & Bonhomie“) wurde mit dem Rapper Mos Def und der Funk-Sängerin MeShell Ndegeocello eingespielt. Deren Rollen übernimmt Gartside im Konzert sämtlich selbst. Und siehe da: Den brummenden Sprechgesangsbass von Mos Def und das erdige Soul-Timbre Ndegeocellos beherrscht er ebenso souverän wie das korrespondierende Green-Gartside-Falsett, bei dem es sich, wie Green Gartside immer wieder betont, auch nur um eine artifizielle Stimm-Inszenierung unter vielen handelt.

Ein einziges Mal war er bislang in Berlin aufgetreten, 1979 hatte ihn Martin Kippenberger ins SO 36 geholt. Kurz danach lösten Scritti Politti in ihrer Erstbesetzung sich auf, wohl auch, weil die anderen Mitglieder zu entnervt von der dauernden Selbstkritik Gartsides waren: Man wurde einfach mit nichts mehr fertig. Danach und auch in der Zeit seines größten Erfolgs hat er nie wieder Konzerte gegeben – so groß war das Lampenfieber, die pathologische Bühnenangst, unter der er bis heute leidet. Erst sein Freund und erster Verleger, der Rough-Trade-Records-Gründer Geoff Travis, hat ihm durch eine geduldige Therapie in den letzten Jahren wieder auf die Bühne geholfen.

Was für ein Glück! Und was für ein Ereignis, diesen Mann noch einmal auf einer Bühne zu sehen, diesen hakenschlagenden Theorie-Hipster und Meta-Romantiker, diesen größten Bauchredner des subversiven Pops, diesen immer noch funkelnden Stern einer untergegangenen Epoche. Nein, man hatte an diesem Abend an keinem Moment das Gefühl, sich in der Gegenwart der Popmusik zu befinden. Doch wie kostbar erschien plötzlich jene vergangene Zeit, in der man beim Musizieren noch zweifelte und dachte.

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