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Musik

14. Januar 2013

Kraftwerk-Ausstellung: Roboter entdecken den Humanismus

 Von Jens Balzer
Kraftwerk beim Konzert in der Kunstsammlung NRW.  Foto: DPA/Oliver berg

Unsouveräner Umgang mit der Vergangenheit: Die deutsche Band Kraftwerk beginnt in ihrer Heimatstadt Düsseldorf ihre Werk-Retrospektive „12345678“.

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Unsouveräner Umgang mit der Vergangenheit: Die deutsche Band Kraftwerk beginnt in ihrer Heimatstadt Düsseldorf ihre Werk-Retrospektive „12345678“.

Lieblich schimmert im Morgenlicht das Grün der Hügel, sanft schlängelt durch die Landschaft sich die graue Trasse. Keine Menschen sind zu sehen und kein Tier, nur ein kleiner Käfer gleitet über die Autobahn. Er trägt das Nummernschild D-KR 70, denn der Käfer gehört der deutschen Band Kraftwerk, die 1970 gegründet wurde. 43 Jahre später stehen Kraftwerk wieder einmal auf einer Bühne ihrer Heimatstadt Düsseldorf: vier reife Männer in figurbetont geschnittenen schwarzen Neopren-Anzügen, auf die weiße Gitternetze gedruckt wurden. Mit sparsamen Bewegungen bedienen sie vier Tastengeräte; einer von den vier Männern wiederholt immer wieder mit seiner sanftmütig-melancholischen Stimme die Worte „Fahrn fahrn fahrn auf der Autobahn“, während auf der großen Leinwand hinter der Gruppe der VW-Käfer mit dem KR-70-Schild dreidimensional animierte Computerlandschaften durchmisst.

Mit solcherart behutsam bewegten Bildern begann am Freitag in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen die Kraftwerk-Retrospektive „12345678“; an acht Abenden bis zum kommenden Sonntag treten Kraftwerk in dem Museum auf und spielen sich durch ihr Repertoire. Von den Gründungsmitgliedern ist nur noch der sanftmütig singende Ralf Hütter dabei. Das ist aber egal, denn schon in früheren Zeiten, als die Band in ihrer klassischen Quartettbesetzung auftrat, ließ sie sich gern von Roboterfiguren vertreten. Eine Ausstellung im nahe gelegenen NRW-Forum zeigt denn auch zeitgleich schöne Roboter-Bilder des Kraftwerk-Fotografen Peter Böttcher: Roboter beim Musizieren, Plaudern, Frühstücken, Sinnieren. Auch bei den letzten Deutschlandkonzerten der Band, etwa bei ihrem Auftritt in der Autostadt Wolfsburg 2009, wurden die menschlichen Musiker in der zweiten Hälfte des Abends durch fügsame Maschinenwesen ersetzt.

In Düsseldorf hingegen standen Hütter und seine drei Assistenten zwei Stunden lang leibhaftig auf der Bühne! Mithin könnte man sagen, dass die Band in ihre retro-humanistische Spätwerkphase getreten ist. Begonnen hat diese im Frühjahr 2012 mit einer Werkretrospektive im Museum of Modern Art in New York: Weit stärker noch als in ihrem Heimatland, gelten Kraftwerk in den USA ja als die Erfinder des modernen elektronischen Pop, als die Ahnen von Techno, House, HipHop und überhaupt allem, was in den letzten dreißig Jahren von irgendeiner musikalisch-innovativen Bedeutung war. Entsprechend groß war in New York die Aufregung um die Kraftwerk-Konzerte.

Futurismus und Flunkerei

In Düsseldorf wurde das Konzept der MoMA-Retrospektive nun kurzerhand übernommen: Jeder von den acht Abenden ist einem einzelnen Album gewidmet – mit Ausnahme der ersten drei Platten „Kraftwerk 1 + 2“ sowie „Ralf + Florian“, die Kraftwerk aus ihrem Kanon gestrichen haben. Sie werden nicht aufgeführt und dürfen auch nicht als CD oder Schallplatte wiederveröffentlicht werden. Zu sehr zeigen sie die Herkunft der Band aus dem Kraut- und Rüben-Rock der frühen Siebzigerjahre; eine musikalische Verwandtschaft, die Kraftwerk später schnell peinlich wurde.

So begann die Reihe am Freitagabend mit dem vierten Album „Autobahn“ aus dem Jahr 1974; dieses kann man als Übergangswerk betrachten. Mit der Vier-Minuten-Version des Titelstücks wurde die Band in den USA berühmt. Im Original dauert „Autobahn“ jedoch fast eine halbe Stunde; auch werden die minimalen elektronischen Rhythmen im Original mit Flöten- und Gitarrensoli geschmückt. Von diesen war im Konzert ebenso wenig zu hören wie von den Industrial-haften Experimenten zum Ende.

Kaum mehr als zehn Minuten dauerte diese „Autobahn“-Variante; von anderen Stücken wie „Morgenspaziergang“ mit seinem herzallerliebsten Klavier- und Blockflötenspiel gab es gar nur Minutenbruchteile zu hören, bevor die Band in ihr Greatest-Hits-Programm überging.

Dieses war grandios wie stets: Wo Kraftwerk sich der durch sie mitgeprägten Zukunft zuwenden – oder anders gesagt: wo sie sich als Pioniere inszenieren können –, sind sie verlässlich inspiriert und pointiert. „Mensch-Maschine“ und „Tour de France“ ließen sie beispielsweise in begeisternd aktuelle Techno- und House-Passagen münden und verneigten sich per Text-Einblendung vor Chicago und Detroit.

Auch das ist ja keine geringe Leistung: Die Musik, die sie inspiriert haben, vermögen Kraftwerk sich nachträglich anzuverwandeln, ohne dabei ihrerseits epigonal zu wirken. Umso unverständlicher ist der unsouveräne Umgang mit eigenen Vergangenheit. Wenn man sich schon auf das museale Konzept einer Werk-Retrospektive einlässt, dann sollte man das eigene Werk auch als Werk ernster nehmen. Ohne eine Reflexion der historischen Herkunft bleibt aller Futurismus nur Flunkerei.

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