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Musik

04. November 2013

Kult-Band aus Schweden: Immer wieder Abba

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Die Poplegende Abba ist fast so etwas wie ein schwedisches Nationalheiligtum. Foto: Abba The Museum

Fast 40 Jahre nach „Waterloo“: Die Poplegende Abba ist fast so etwas wie ein schwedisches Nationalheiligtum – und wird auch so vermarktet. Eine Spurensuche in Stockholm.

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Fast 40 Jahre nach „Waterloo“: Die Poplegende Abba ist fast so etwas wie ein schwedisches Nationalheiligtum – und wird auch so vermarktet. Eine Spurensuche in Stockholm.

Stockholm –  

Es klingt blechern. Aber zwischen den Mauern des schwedischen Reichstagsgebäudes in Stockholm, im Strom der Fußgänger, die Richtung Altstadt eilen, schallt der Sound des kleinen Rekorders besonders gut. Deswegen dreht Stadtführerin Elisabeth Daude laut auf. In diesem Durchgang spielt sie gern Musik auf ihrem Abba-City-Walk. Sie marschiert zügig voran. Einige aus ihrem Gefolge lachen, viele wippen mit und die meisten wundern sich, dass entgegenkommende Passanten kaum Reaktionen zeigen. Nur ein kleiner japanischer Junge fängt an zu tänzeln, die meisten haben kaum einen Blick für das sonderbare Grüppchen übrig, das an diesem nieseligen Nachmittag dem königlichen Schloss entgegenstrebt.

„Money, Money, Money“, das passt gut zu dem prächtigen Regierungssitz auf der Insel Helgeandsholmen. Der Song, der mit einer halben Million verkauften Singles zu den erfolgreichsten der schwedischen Pop-Gruppe gehörte, handelt schließlich von einer Frau, die sich nach einen wohlhabenden Mann sehnt. Silvia Sommerlath hat das geschafft und wer Glück und Geduld hat, kann die schwedische Königin ein paar Meter weiter auf ihrem Weg zum Arbeitsplatz beobachten. Hier, an der breiten Einfahrt zum königlichen Schloss, weiß die Stadtführerin von weiteren Abba-Verbindungen zu berichten: Am Abend vor Silvias Hochzeit mit Carl Gustav am 19. Juni 1976 spielte die Band in der Oper, die zehn Minuten fußläufig entfernt liegt, zum ersten Mal „Dancing Queen“. Die Show, bei der sich die beiden Sängerinnen Agneta Fältskog und Anni-Frid Lyngstad ganz majestätisch in barocken Kostümen präsentierten, soll der künftigen Königin gut gefallen haben, „von ihm weiß man es nicht“, sagt Daude.

Fest steht, dass der Hit bei den Soldaten sehr beliebt ist. Das Musikkorps, das zur Erbauung der Touristen täglich die Ablösung der Palastwache bespielt, hat ihn im Repertoire. Bei britischen Soldaten, behauptet Daude, soll Abba zur Wachablösung vor dem Buckingham Palast sogar beliebter als die Beatles sein.

Die zwei musikalischen Schwedenpaare waren schon immer im Ausland gefragter als zu Hause und sind deswegen mehr als dreißig Jahre nach ihrer Auflösung noch immer eine Touristenattraktion, was auch geschicktem Marketing zu verdanken ist. Abba zieht – auch bei Menschen, die vor 40 Jahren eher Frank Zappa oder Led Zeppelin hörten. „Die Musik ist gut und ein Teil unserer Kultur“, sagt Tobias Bringholm, der zwar kein ausgesprochener Fan ist, aber dennoch eine spezielle Beziehung zu der Band hat. Der TV-Produzent besitzt das Boot, mit dem Abba-Sänger Benny Andersson in den 70er Jahren regelmäßig zu seinem Sommerhaus auf der Schäreninsel Viggsö schipperte. An Bord wurden wilde Partys gefeiert, Fotos geschossen und Videos gedreht – wie das zu „Summernight City“. 1999 kaufte Bringsholm das Boot, das längst vom Charme der 70er befreit ist, etwa von den pinkfarbenen Vorhängen und Teppichen. Er nannte es „Andante“.

Der 53-Jährige tat das nicht aus Liebe zu Abba, er hatte es auf das schnittige Modell mit der holzgetäfelten Kajüte abgesehen, von dem kaum mehr als eine handvoll Schiffe gebaut wurden, wie er sagt. „Erst später wurde mir klar, dass ich quasi im Besitz eines Nationalheiligtums bin“, sagt er. Die glamouröse Vergangenheit habe Vorteile, auch für den Job. „An Bord wurden schon einige Millionendeals abgeschlossen“, erzählt der Geschäftsmann auf einer Rundfahrt durch den Hafen, bei der spurensuchende Passagiere auch einen Blick auf Bennys derzeitiges Tonstudio am Ufer der Insel Skeppsholmen werfen dürfen.

Es ist nie still um Abba geworden

Still ist es um Abba nie geworden. Seit dem von privaten Krisen begleiteten Ende der Band im Jahr 1982 gab es viele Anlässe, Abba-Songs wieder auf Spitzenplätze der Hitparaden und die Verkaufszahlen nach oben zu katapultieren: überarbeitete Alben wie „Abba-Gold“ (1992), das 25. Bandjubiläum mit der Premiere des Musicals „Mamma Mia“ in London (1999) und schließlich dessen Verfilmung mit Glenn Close und Pierce Brosnan (2008). Die Komödie gilt inzwischen als erfolgreichste Musicalverfilmung überhaupt, spielte schon im ersten Jahr weltweit rund 600 Millionen Dollar ein und sorgte dafür, dass die Hits aus den 70ern auch einem Publikum bekannt wurden, das zu den Gründungszeiten der Band noch nicht einmal geboren war.

2014 wird wieder so ein Anlass sein. Dann jährt sich der große Durchbruch: Am 6. April 1974 gewann „Waterloo“ mit grandiosem Vorsprung den Eurovision Song Contest im englischen Seebad Brighton. Damit begann Abbas Weltkarriere, die, obwohl sie nicht einmal zehn Jahre dauerte, zur Legende wurde. Und das zu Lebzeiten der Mitglieder, die seitdem zum Teil ihre deutlich weniger beachteten Solo-Karrieren betreiben.

Abba ist Kult – und wer sich für die touristische Spurensuche in Stockholm anmeldet, sollte die Lieder mögen. Die Tour, die das Stadtmuseum anbietet, kann viele Ziele haben. Abba sind eng mit Stockholm verbunden, haben in der Stadt gelebt, geliebt, gewohnt, gearbeitet. Es gibt auch einen Reiseführer, in dem das alles ausführlich beschrieben ist.

Das Haus von Polar Music Studios, an denen Abba beteiligt waren, steht noch immer in der Erikskatan auf der Insel Kungsholmen. Dort wurde das Video für „Gimme! Gimme! Gimme!“ gedreht. Der große blaue Teppich im Foyer, über den viele bekannte Künstler gingen, ist längst eingerollt, in den Räumen ist heute ein Sportstudio untergebracht. Polar Music wurde 1990 an den Medienkonzern Polygram verkauft, den später Universal Music übernahm. Der Gigant des weltweiten Musikgeschäftes verfügt seitdem über die Verwertungsrechte an Abba.

Viel Zeit ist vergangen, viele Spuren sind verwischt. Nachtclubs, in denen berühmte Coverfotos aufgenommen wurden, haben vor Jahren schon geschlossen. Andere Kulissen, zu denen man pilgern kann, sind unvergänglich, wie die wunderschöne Evert-Taubes-Terrasse auf der Innenstadtinsel Riddarholmen, auf der die vier Musiker auch Werbung für eine schwedische Jeans-Marke machten.

Im Hintergrund leuchtet die goldene Spitze des markanten Rathausturms. In den herrschaftlichen Sälen machte Benny Andersson schon als kleiner Junge mit seinem Vater Musik. Elisabeth Daude geht weiter, hält vor dem Sheraton-Hotel am Ufer unweit des Rathauses. In Zimmer 819, sagt sie und deutet nach oben auf die gläserne Fassade, wurde eine Szene für den Film „Abba the Movie“ nachgestellt, der eigentlich die Tour in Australien dokumentiert. Die beiden Paare sitzen auf den Betten und studieren Kritiken, die sich über Agnethas Hintern auslassen.

An diesem Nachmittag endet die Runde in den engen Gassen des Altstadtteils Gamla Stan. Unscheinbar sieht das Wohnhaus aus, in dem Benny und Frida 1974 eine luxuriöse Maisonette-Wohnung bezogen, In dem Gärtchen gegenüber steht eine Bank, auf der die Band Pause zwischen den Aufnahmen machte.

Die Führerin zeigt das Foto, ihr Rekorder bleibt stumm. Anwohner waren die Ohrwürmer leid und beschwerten sich, seitdem darf Daude die Musik von Abba in der Altstadt nicht mehr spielen. Besonders im Sommer ist der Andrang bei den Touren groß, Amerikaner, Japaner, Briten, Deutsche, auch Schweden jeden Alters nehmen teil, sagt die Führerin und natürlich die Australier, auf diesem Kontinent war Abba besonders populär.

Ulf Andersson war damals Down Under dabei. 1977, als Abba in vier Städten innerhalb von neun Tagen elf Konzerte gab, auf denen knapp 150 000 Australier jubelten. Er spielte das Saxophon-Solo in „I do, I do, I do“, zuerst im Studio, dann auf der Welttournee. Andersson trat schon mit anderen großen Musikern zusammen auf, sogar mit Frank Sinatra. Er arbeitet als Komponist und Dirigent im Theater, doch den größten Ruhm erntet er dank Abba.

Komponiert hat der Saxophonist sein Solo nicht. „Benny probierte es am Klavier aus, ich schrieb die Noten auf“, erinnert sich Andersson. „Benny konnte ja keine Noten schreiben.“ Kontakte zu den Abbas hat er längst keine mehr, es gab viele Musiker, die die Band beschäftigte. Als Weggefährte muss er trotzdem oft von dieser Tournee erzählen. Er spielt seit 2002 in einer Stockholmer Revival-Band, länger als bei der echten Gruppe. „Abba – the Show“ erzeugen mit großem Aufwand und einem hochkarätigen Aufgebot an Musikern – neben einer zehnköpfigen Live-Band auch das National Symphony Orchestra London – einen Abend lang die Illusion, Abba wären zurück. Das Publikum soll sich fühlen wie im Konzert.

Die Kostüme sind nachgeschneidert, die beiden Sängerinnen haben aus der Ferne durchaus Ähnlichkeit mit ihren Vorbildern. Auch Andersson trägt auf der Bühne Glitzerhemden und Plateau-Schuhe. Er ist der Ehrengast der Cover-Show, mit dem er zum Waterloo-Jubiläum wieder durch Europa touren wird.

Ein kräftezehrender Job. Der weißhaarige distinguiert wirkende Mann ist 73 Jahre alt, schon längst Großvater und findet keine Erklärung, warum die Leute immer noch die alten Lieder hören wollen. Dass nicht die Originale singen, mache für ihn persönlich keinen großen Unterschied, sagt er. „Wir spielen für die gleiche Anzahl von Leuten“, der Sound sei angesichts der technischen Möglichkeiten sogar noch besser geworden.

„Manchmal habe ich das Gefühl, dass das Publikum zeitweise vergisst, dass wir nicht Abba sind“, sagt er. Das hören andere, die sich dem wahren Erbe der Band verschrieben haben, gar nicht gern. Matthias Hansson zum Beispiel, der Chef des Abba-Museums, das im Mai in Stockholm eröffnete, hält Distanz zu Coverbands. „Abba ist eine Sage. Sie hat begonnen und ist zu Ende“, sagt er. Einmalig halt, das Logo, mit dem umgekehrten B darf keiner nutzen, ansonsten ist Nachmachen nicht verboten. „Aber wir arbeiten nicht mit Coverbands zusammen“, sagt Hansson.

Zeitreise in die 70er

In seinem Reich, das auf 2000 Quadratmetern in der Swedish Hall of Fame, zu einer Zeitreise in die 70er einlädt, geht es ums Echte. Die Kostüme in den Glasvitrinen sind Originale, auch die vom grandiosen Waterloo-Sieg sind dabei, auch Björns Sterngitarre. Im Schmink-raum hängen rosa Pelze, die die Sängerinnen privat trugen. Im nachgebauten Polar Studio steht das Mischpult von damals, Gitarren, alle Tonträger, dazu Privates, wie das Sommerhaus mit Meerblick, in dem viele Songs entstanden, oder die Küche, in der Björn Ulvaeus nach seiner Trennung von Agnetha Fältskog der gemeinsamen kleinen Tochter nachsah und aus dem Gefühl des Entschwindens gleich einen Song komponierte.

Auch Ingmarie Halling, Kuratorin der Ausstellung, ist eine echte Weggefährtin. Sie war mit verantwortlich für den schrillen Glitzer-Look der Band, hat sich auf den Tourneen um die Kostüme gekümmert und schreibt jetzt ein Buch über ihre Zeit mit der Band. Stylistin nennt sie sich nicht gern. Kostüme, Haare und Make-up seien gemeinsam kreiert worden. Frida hatte das beste Gespür fürs Styling, sagt sie.

Die Fans stehen Schlange, bevor das Museum um 12 Uhr öffnet, auch an einem ganz normalen Wochentag. Es ist ja mehr als ein Denkmal, Besucher sollen sich wie das fünfte Bandmitglied fühlen. Man kann viel Spaß haben, Songs mitsingen, Teil einer virtuellen Bühnenshow werden, hoffen, dass einer der Abbas auf dem roten Telefon anruft, was, wie Halling versichert, tatsächlich ab und zu passiert.

250 000 Besucher kamen seit Mai. „Viel mehr als wir erwartet haben“, freut sich Hansson. Etwa 20 Prozent der Gäste stammen aus Deutschland. Das Museum, in das Abba-Björn Ulvaeus etliche Millionen steckte, ist privat und rüstet sich schon für das Abba-Jahr 2014. Universal Music habe große Marketingkampagnen vor, im Museum seien Events und Social-Media-Aktionen geplant, schwärmt Hansson. Es wird mal wieder Zeit für „Money, Money, Money“.

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