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Musik

22. September 2009

Kultur-Flatrate: Der Anti-Kapitalismus der Bürgerlichen

 Von Tobi Müller
Ein aufgeschlagenes Buch liegt vor einen Computerbildschirm mit dem Logo der Internetsuchmaschine Google.  Foto: dpa

Illegale Downloads sind längst nicht mehr nur die Crux der Popindustrie, wie Google Books beweist. Auch Kino und TV sind betroffen. Doch außer Grünen und Piraten bearbeitet keine Partei das Urheberrecht offensiv.

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Jahrelang hatte man geglaubt, der Niedergang der Musikindustrie sei eine sektorial begrenzte Krise. Betroffen vom Datentausch im Internet sind zunehmend aber auch das Kino, das Fernsehen sowie die Buchverlage.

Dass dennoch fast nur das Popgeschäft über neue Verdienstmodelle im Netz jenseits bloßer Bestrafung nachdenkt, wirkt wirklichkeitsfern. An Stelle der abgesagten Musikmesse Popkomm diskutierte man unlängst in Berlin auf der Konferenz "alltogethernow". Die Frankfurter Buchmesse wird wohl thematisch nachziehen. Gründe gibt es genug.

Dan Browns neuer Roman sprang letzte Woche Sekunden nach Veröffentlichung an die Spitze der illegalen Downloadhitparade. Mit einer schnellen Verbindung kann man die gut 600 Seiten ohne Hackerwissen in einer Sekunde herunterladen. Und mit ein bisschen mehr Netz-Geschick schaut man sich TV-Serien wie "Mad Men" gleich ganz im Internet an. Es geht um die Zukunft der gesamten Kreativindustie.

In Deutschland wird die Unruhe laut, auch am Rande des Wahlkampfs. Die amtierende Regierung etwa schickt ihre Bedenken briefpostalisch an die Firma Google, welche die Weltbibliothek einliest und den Urhebern lächerliche Pauschalen verspricht. Und die Piratenpartei zählt in Deutschland 8000 Mitglieder, doch die kleine Basis erregt große Aufmerksamkeit. Schließlich wissen die Digital Natives - junge, zornige, im Internet sozialisierte Männer -, wie man sich auch ohne obszöne Werbebudgets ins Zentrum spielt. Und die jungen Ränder etablierter Parteien begeistert, allen voran der Bündnisgrünen.

So ist es nicht erstaunlich, dass das Bündnis90/Die Grünen als einzige Kraft das Thema Urheberrecht offensiv bearbeitet und die Konsumenten entkriminalisieren will. Die anderen haben entweder noch keine Meinung, reden von Kulturkommunismus und der Legalisierung von Piraterie. Oder es ist die Loyalität zu den Unterhaltungslobbyisten, die pragmatische Vorschläge verhindert.

Musik wie Strom beziehen

Der Deutsche Gerd Leonhard, der sich als Medienfuturist bezeichnet und weltweit über die Zukunft der Kulturindustrie spricht, sagt auf Nachfrage: "Den großen Firmen geht es noch immer um die Besitzstandswahrung der alten physischen Vertriebskanäle, obwohl diese Einnahmen in der digitalen Welt ja gerade wegfallen. Diese Leute diskutieren seltsamerweise nicht mehr über Geld, sondern nur noch über Kontrolle." - Eine Einschätzung, die man in Hintergrundtelefonaten auch bei den Grünen hört.

Leonhard hielt in Berlin einen Vortrag, in dem er vorschlug, Musik sollte wie Wasser oder Strom zu beziehen sein. Leonhard ist ein Enthusiast, der vor Ideen sprüht, aber letztlich in der Werbung das Heil sieht. Was aber in Berlin und auch sonst überall, wo nur ein bisschen Wissen versammelt ist, zum Konsens gehörte, sind kollektive Bezahlmodelle wie die Flatrate.

Die Piratenpartei brachte sie verstärkt ins Spiel, die Grünen bringen den Vorschlag auf Europaebene voran. Leonhard: "Die Kritik von bürgerlicher Seite, die Flatrate verhindere Innovation, ist lächerlich. Flatrates sind längst erfolgreich: im Radio, im Fernsehen, in der Mobiltelefonie." Oder auch in den Abgaben, die wir ungefragt seit vierzig Jahren erst auf Audiokassetten, dann auf Leer-CDs sowie DVDs bezahlen. Geld, das den Urhebern zugute kommt.

Die Flatrate basiert auf der Idee einer pauschalen Abgabe auf das gesamte digitale Kulturangebot. Man zahlt zum Beispiel eine monatliche Gebühr und darf dann laden, streamen und vor allem: umsonst tauschen, wie man will. Die Kulturflatrate würde nicht nur den Löwenanteil des Kultur-Datenverkehrs entkriminalisieren, sondern wäre auch der Versuch, die Urheber direkt zu vergüten - weitgehend ohne die alten Zwischenhändler, die im Musikgeschäft rund 90 Prozent der Einnahmen für sich behalten haben.

Weitgehend ungeklärt ist, wer die Flatrate erhebt und wie sie wieder verteilt wird. Man fürchtet eine GEZ-Debatte, und einzig werbefinanzierte Flatrates werden auch nicht von allen toleriert.

In Deutschland wird eine digitale Kreativkrise, so bald sie alle Sparten erfasst, mehr Leute betreffen, als Autos bauen. Während die Autoindustrie mit der Abwrackprämie und der Opel-Rettung Milliarden erhält, spricht der Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) unverdrossen von "Raubkopierern" und "Internet-Piraterie".

Dass Neumann und die Zwischenhändler-Lobbys mit dieser Rhetorik Wertschöfpung gerade verhindern, ist die ideologische Ironie. Denn es ist die Kriminalisierung der Datenströme, welche sowohl die Werbung wie den Staat daran hindern, den Markt zu gestalten und die Flatrate zu finanzieren. Die größten digitalen Anti-Kapitalisten sitzen zurzeit also in den Reihen von FdP und CDU. Und das linke Spektrum? Reitet in der "tageszeitung" eine Kampagne gegen die Piratenpartei, weil die einer rechten Zeitung ein Interview gewährt hat.

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