Nach der letztjährigen Ausgabe der Ruhrtriennale, die ganz im Zeichen des Judentums stand, geht es Intendant Willy Decker nun um die Rehabilitation des Islam als einer vertrauenswürdigen Religion. Und wie kann man die erhitzten Feuilleton-Gemüter am besten beruhigen? Mit einem persischen Märchen. Doch bevor Regisseur Decker in der Eröffnungspremiere des Kulturfestivals 2010 die fast tausend Jahre alte Geschichte vom manischen Liebesprediger Madschnun erzählt, lässt er es in der riesigen Bochumer Jahrhunderthalle erst einmal richtig krachen. Mit Luft- und Bombenangriffen, Gefechtsblitzen und Dauerfeuer.
Es ist Krieg in Nahost. Und mittendrin in dieser Industriekathedrale: ein Militärlastwagen, der wie ein riesiges, angeschossenes Rhinozeros im Wüstensand liegt (Bühne: Wolfgang Gussmann). Sowie ein verwundeter Soldat, der jetzt seinem Vorbild Madschnun folgt und nur noch die göttliche Liebe als irdisches Allheilmittel im Sinn hat. Denn für Decker ist das einst vom persischen Dichter Nizami geschriebene Märchen von „Leila und Madschnun“ mehr als nur eine Love-Story ohne Happy End. Decker versteht es als zeitloses und damit auch tagesaktuelles Plädoyer, den alten Slogan „Make love, not war“ zu entmotten.
Auf dem Fundament des alten Epos ließ sich Decker dafür von Albert Ostermaier eine moderne Textfassung schreiben, die zwischen der bildreichen Sprache des Orients und pathetischer Anti-Kriegs-Prosa changiert. Zu Salams trommelfeuerartiger Eröffnungslitanei über Hass und überhaupt jegliches Leiden hätte nur noch John Lennons „Imagine“ gefehlt.
Doch statt diese große Versöhnungs-Ode allzu sehr in den Federgewichtsbereich eines semi-kritischen Groschenromans abrutschen zu lassen, engagierte der Opernmann Decker für diese musiktheatralische Kreation einen Komponisten, der trotz seiner bereits 40 Jahre ein weithin unbeschriebenes Blatt im Neue Musik-Jetset ist. Der palästinensische Israeli Samir Odeh-Tamimi, der in Berlin bei der Koreanerin Younghi Pagh-Paan studiert hat, macht in seiner Partitur keinen Hehl aus seiner Herkunft: Arabische Flöten, Oboen und Handtrommeln sorgen für orientalische Klangaromen.
Um seinen Status als avanciert musikalischer Grenzgänger aber doppelt und dreifach zu untermauern, forderte er der glänzend von Dirigent Peter Rundel eingestellten musikFabrik alles ab. Mit wild gezackten Schraffuren, heftig aneinander geriebenen Akkordblöcken und lautmalerischem Glissando-Wimmern und -Schluchzen. Samir Odeh-Tamimis Musiksprache ist instrumental durchaus effektvoll ausgelegt. Zugleich kommt sie aber von ihrem Grundton einer überspannten Dringlichkeit genauso wenig los wie die Countertenor-Partie von Hagen Matzeit als Madschnun und Kampfgenosse seines Jüngers Salam (gespielt von Aleksandar Radenkovic).
Beide werden zwar zum Schluss mit leeren Händen dastehen – wenn die Jahrhunderthalle erneut heftig unter Beschuss genommen wird. Zumindest für Salam hat Ostermaier aber dann noch einen Therapievorschlag, der vielleicht Erkenntnis fördert und Linderung verspricht: „Ich muss den Weg in mir suchen.“ Glückauf, wünscht man dazu im Ruhrgebiet.
Jahrhunderthalle Bochum: 24., 26., 28, 30. August. www.ruhrtriennale.de