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Musik

13. Juni 2012

Lou Reed auf Tour: Lou Reed ist besessen von Lulu

„Wer weiß, wozu ich fähig sein könnte“: Lou Reed.  Foto: getty images/Carlos Alvarez

Dem Publikum hat seine letzte Platte "Lulu" nicht gefallen. Jetzt ist Lou Reed wieder auf Tour. Der Sänger im - wahnsinnig schlecht gelaunten - Gespräch über Schildkröten, Berlin, schwachsinnige Metal-Fans und sein aktuelles Projekt "From VU to Lulu".

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Für gute Laune und Umgänglichkeit war Lou Reed noch nie bekannt; nachdem seine letzte, mit Metallica aufgenommene Platte „Lulu“ weltweit verrissen wurde, ist das nicht gerade besser geworden. Als wir neulich mit ihm aus Anlass seiner aktuellen Tournee – die ihn am kommenden Mittwoch auch nach Berlin führen wird – telefonierten, zeigte er sich in selbst für seine Verhältnisse besonders stacheliger Laune.

Ihr Programm steht unter dem Motto „From VU to Lulu“. Welche Besetzung dürfen wir erwarten?

Sie wollen, dass ich alle Musiker namentlich aufzähle?

Nun ja …

Es wird zwei Gitarren geben, prozessiertes Saxophon, eine Violine, ein Electronic Continuum, einen Bass und ein Keyboard.

Sie haben einmal gesagt, mit Metallica zu spielen, sei so, als würde man einen Ferrari geschenkt bekommen. Wie fühlt es sich an, das Material von „Lulu“ mit einer anderen Band aufzuführen?

Wie ein Porsche.

Ist es nicht schwer, diese Arrangements nachzuempfinden, die in spontaner Zusammenarbeit mit Metallica entstanden sind?

Warum sollte das schwer sein? Ich habe dieses Material komponiert, also ist jede Art, in der ich es spiele, richtig.

Ist es heutzutage in der Rockmusik schwieriger geworden, seine Vision zu verfolgen und dafür Anerkennung zu erhalten?

Keine Ahnung. Ich bekomme von all dem überhaupt nichts mit. Ich bin kein Historiker. Ich bin nicht einer, der irgendwas erklärt. Ich habe keine Botschaft. 99 Prozent von allem ist mir egal, Sie fragen also den Falschen.

Sie haben in den letzten Jahren Ihr Album „Berlin“ wieder aufgegriffen. Haben Sie eine spezielle Beziehung zur Stadt Berlin?

Abgesehen davon, dass ich sie liebe und viele Freunde dort habe, nein.

Würden Sie auch verraten, was Sie an Berlin lieben?

Nein. Hören Sie mal zu: Sie machen hier ein Interview mit jemand und fragen, warum der diese Stadt mag. Das kann doch nur ein Gefälligkeitsartikel werden. Das ist Bullshit. Sie können sich eine Schildkröte besorgen, die kann ihnen so eine Frage beantworten.

Aber ich wäre an der Antwort der Schildkröte weniger interessiert als an Ihrer.

Dann sollten Sie sich eine andere suchen.

Fangen wir noch einmal von vorne an. „From VU to Lulu“, das umreißt Ihre gesamte Karriere. Was haben Sie daraus ausgewählt?

Ich werde von Velvet Underground über die Solo-Platten, „The Raven“ und „Berlin“ bis hin zu „Lulu“ alles abdecken. Das ist eine furchterregende und ambitionierte Aufgabe, aber ich habe wirklich viel geübt, und wer weiß, wozu ich fähig sein könnte. Ich bin immer noch besessen von Lulu.

Es ist schon ziemlich erstaunlich, wie sehr Sie sich in diese Figur vertieft haben. Ebenso verblüffend war der generelle Unwillen der Öffentlichkeit, darauf einzugehen.

Sie wissen gar nicht, wie sehr ich es zu schätzen weiß, dass Sie das sagen, denn man hat mich verrissen. Wissen Sie, ich bin das ja gewöhnt, aber „Lulu“ ist so aufregend. Und es geht darin um so viele Dinge, von denen ich wünschte, dass die Leute darüber schreiben würden. Aber was soll’s. Ich mache mir nur Sorgen, ob die Leute in verschiedenen Ländern auch die Texte verstehen können.

"Diese Metal-Fans haben den IQ eines Eichhörnchens"

Das ist berechtigt. Aber damit kommen wir auf die Frage zurück, die ich anfangs über Rockmusik als Kunstform stellen wollte. Wir wähnen uns ja in einer aufgeklärten Zeit, in der alle Stile und deren Vermengungen zugelassen sind, aber Ihre Zusammenarbeit mit Metallica stieß teilweise auf geradezu bigotte Entrüstung.

Die Typen von Metallica sind wunderbar, und ich liebe jeden einzelnen von ihnen. Aber manche ihrer Fans, diese Metal-Schädel, haben den Intelligenzquotienten eines Eichhörnchens. Es hat mir eine Weile Spaß gemacht, Videos von manchen von ihnen auf meine Website zu stellen, damit man sehen kann, wie ein dummer Mensch aussieht. Jetzt, wo man alles auf Youtube stellen kann, steht jeder zum Abschuss frei. Einschließlich dieser Typen. Die verstecken sich gern hinter ihren Computern, aber wenn sie anfangen, sich selbst zu filmen und das zu veröffentlichen, dann hat man die Möglichkeit zu sehen, wie ein Stück Scheiße aussieht.

Es hat wohl auch mit dem Thema von „Lulu“ zu tun, die Metal-Szene pflegt ja einen gewissen Machismo.
Nicht wirklich. Das glauben die vielleicht. Aber in Wahrheit ist es wie ein Blick zurück in längst vergangene Zeiten. Wie ein Blick in ein Pfadfinderlager. Wen soll das beeindrucken?

Es mag sein, dass der Stoff von „Lulu“ bei Leuten, die sich von weiblicher Sexualität bedroht fühlen, einen wunden Punkt trifft.
Lulu zerstört einfach jeden, der ihr unterkommt, bis sie Jack the Ripper in die Arme läuft. Wenn man sich das Original von Wedekind hernimmt ... Bob Wilson begann seine Inszenierung des Stücks damit, dass sie am Anfang stirbt, und ich habe ihren Tod wieder an das Ende verlegt. „Pumping Blood“, das ist ein ergreifender Song, wenn ich das selbst so sagen darf. Das ist so eindringlich, es ist unglaublich. Man sollte glauben, jeder, der atmen kann, wäre verrückt danach. Oder „Junior Dad“, das ist so eine bemerkenswerte Nummer, so tiefgehend auf so viele verschiedene Weisen. Aber um das anzuhören, braucht es ein wenig Intelligenz, was eben so viele dieser Metal-Schädel von vornherein ausschließt. Da muss man schon Lesen und Schreiben können.

Wenn Sie mit Metallica darüber reden, wie fühlen die sich dabei, dass Sie mit „Lulu“ einen großen Teil ihres Publikums vor den Kopf gestoßen haben?

Ach, diese Fans werden ihnen treu bleiben. Durch dick und dünn. Alle in Metallica sind großartige Typen, sie können wirklich spielen, sie haben wahre, mit voller Kraft klopfende Herzen, und sie haben „Lulu“ alles gegeben, was sie zu bieten hatten. Sie können tun, was sie wollen. Sie werden nicht von ihren Fans kontrolliert.

Was haben Sie als Nächstes vor, wenn Sie diese Tour hinter sich haben?

Ich arbeite an einem großen Fotobuch mit 300 Bildern. Es heißt „Lines“.

Und was ist das Thema?

Das Thema ist alles.

Danke, dass Sie sich die Zeit für dieses Gespräch genommen haben.

Es war mir ein Vergnügen.

Das Gespräch führte Robert Rotifer.

Lou Reed: „From VU to Lulu“: Mittwoch, 20. Juni, 19 Uhr, Zitadelle Spandau, Berlin. Samstag, 23. Juni, Nordmole/Zollhafen, Mainz.

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